Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 89 (9.11.1903)
- Date
- 1903-11-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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(Gemeint ist die Beschneidung.) Ein anderer Chinese berichtete Herrn Kosdai von einem seltsamen Reisegefährten, welcher weder die Sonne, noch den großen Drachen anbetete und auch die Feier des Neumondes —? das chinesische. Neujahrsfest — nicht mitzufeiern pflegte. Dagegen sah er einmal, wie er seine Bratpfanne im Feuer ausglühen ließ und sein hölzernes Eßgeschirr mit siedendem Wasser übergoß. Mehrere Tage nach dieser Manipulation hat dieser seltsame Chinese nur von Gemüse und bittern Kräutern gelebt und jede Berührung mit Brod ängstlich vermieden. Ein anderes Mal hat er länger als 24 Stunden nichts. genossen.. .. . . Auf der Station Chailok hatte der Reisende endlich Gelegenheit, drei leibhaftige chinesische Juden zu sehen, welche da als Taglöhner beschäftigt waren. Leider benahmen sie sich dem „weißen Teufel" gegenüber so scheu, daß Herr Kosdai aus ihnen nicht viel herausbekommen konnte. Nur einer von ihnen riskirte es, sich mit ihm durch Vermittlung eines Dolmetschers in ein Gespräch einzulassen, das aber sehr wenig ergiebig war. Der Reisende erfuhr nur, daß der Chinese gemallt war. Eine Handbewegung nach dem Endtheil des Rückens schien anzudenten, daß seine Glaubensgenossen nur getrebertes Fleisch essen dürfen. Herr Kosdai berichtet ferner, daß in den kleinen jüdischen Gemeinden Ost-Sibiriens Sendboten der verschiedensten jüdischen Lehranstalten Rußlands umherreisen, um für den Unterhalt dieser Anstalten Beiträge zu sammeln. Einer dieser Sendboten ist sogar bis Shanghai vorgedrungen und dieser berichtete unserem Reisenden, daß selbst da sich zahlreiche eingeborene chinesische Juden befinden, und daß er selber einen solchen Juden in den Bund des Judenthums eingeführt habe. Diese Mittheilung ist umso merkwürdiger, als in Shanghai ein Verein englischer Juden besteht, der sich die Auffindung chinesischer Juden zur speziellen Aufgabe gemacht hat. Der Verein macht nun seit drei Jahren Jagd auf die wenigen eingeborenen Juden von Kai-Föng, während er an den dicht in seiner Nähe wohnenden Juden ahnungslos vorübergeht. Es wäre erwünscht, wenn der Vorstand der Londoner Anglo Jewish Association von obiger Mittheilung Notiz nehmen würde. Her Kosdai ist übrigens der Ansicht, daß es nicht leicht werden dürfte, die chinesischen Juden aus .der Masse der Chinesen, in deren Mitte sie völlig verschwinden, herauszufinden. Die chinesischen Juden haben ihre . Angehörigkeit zum Judenthum und ihren Zusammenhang mit der großen jüdischen Gesammtheit bereits völlig vergessen. Sie wähnen, eine allein in der Welt dastehende Sekte zu bilden und wissen weder, daß sie.Juden sind, noch daß es überhaupt ein jüdisches Volk gibt. Sie sehen in jedem Juden vorerst nichts anderes, als einen ganz gewöhnlichen „weißen Teufel", denen sie als Chinesen , ein absolutes Mißtrauen entgegenbringen. ' vermischtes. Berlin. (Von den Konferenzen zur Bekämpfung des Mädchenhandels.) Frau Bertha Pappenheim aus Frankfurt a. M. ist im Aufträge der jüd. Zweigvereins in Hainburg nach Galizien gereist und bekundet, daß in der That die Noihlage daselbst furchtbar ist und viele jüd. Mädchen aus Hunger zur Prostitution getrieben werden. Dabei ist deren Unwissenheit dermaßen, daß sie -die Tragweite ihrer Handlungsweise nicht zu ermessen vermögen. U e u i 11 e t a tt. Mi %m ti ZiMm Wer. i4] Von Heinrich Lebermann. XIII. Daß der Prager Oberrabbiner in Ketten von Prag nach Wien gebracht werde, das durchzusetzen war, wie wir gesehen haben, Raphael Beck wohl nicht gelungen. Aber das, was er erreicht hatte, war doch furchtbar. Bei einer Anklage unter diesen Umständen hätte nach menschlicher Berechnung Niemand mehr etwas für das Leben des Prager Oberrabbiners gegeben. Sonntag, den 10. Tamus, traf der Oberrabbiner in Wien ein, einen Tag vor Ablauf der ihm eingeräumten sechstägigen Frist. Der Vorsteher, Rabbi Henoch, war von der Prager Gemeinde mit dem Oberrabbiner nach Wien entsandt worden, um dort bei hohen Persönlichkeiten und selbst beim Kaiser sich zu Gunsten des Angeklagten zu verwenden. Am Tage der Ankunft war der Kanzler nicht zu sprechen. Als dann am folgenden Tage sich der Oberrabbiner, von Rabbi Henoch begleitet, dem Kanzler vorstellte, fuhr ihn dieser hart an und beschuldigte ihn Namens des Kaisers wegen der beiden Werke „Maadane Melech" und „Lechem Chamudos," von welchen dem Kaiser berichtet worden, sei, daß darin das Christenthum herabgewürdigt werde. Wir können hier über diesen Vorwurf und das, was der Angeschuldigte zu seiner Rechtfertigung vorbrachte. hinweggehen, da dieser Punkt in dem späteren Verhör ausführlich behandelt wird. Dem Angeschuldigten wurde gestattet, in seiner Privatwohnung einstweilen zu verbleiben, ihm aber unter Androhung schwerer Strafen untersagt, dieselbe unter irgend einem ' Vorwand zu verlassen. Der Kaiser fei für sofortige