Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 86 (29.10.1903)
- Date
- 1903-10-29
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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mel ewig lächelt und die sengende Gluth der tropischen Sonne durch den kühlenden Hauch des Meeres gemildert wird, mochten die Ahnen der spanischen Juden sich so fühlen, wie in ihrer alten Heimath. Wer die religiöse Toleranz der Türken kennen lernen will, der möge nach Solonichi kommen. Diese zweitgrößte Stadt des europäischen Osmanenreiches ist eine Judenstadt. Sie ist dazu geworden am Ende des fünfzehnten Jahrhunderts durch den Sultan Bajazid, den weisen und vorausschauenden Herrscher, der, als er den aus Spanien vertriebenen Juden ein Asyl bot, bei der Nachricht von der maffenhaften Einwanderung den Ausspruch that: „Spanien wird verarmen, wir aber können durch sie reich werden!" In der letzteren Voraussetzung hat sich der Padischah getäuscht,*) jedoch darin nicht, daß die spanischen Juden die friedlichsten und verläßlichsten Unterthanen der osmanischen Herrschaft geworden sind. Die christlichen Völker der Balkanhalbinsel hatten bis auf den heutigen Tag von der türkischen Tyrannei viel zu leiden, die spanischen Juden jedoch hatten nie Ursache gehabt, zu bereuen, daß sie unter den Getreuen Mohammed's ein neues Heim gesucht haben. Ihnen gegenüber zeigte sich die türkische Macht immer zuvorkommend und andererseits haben auch sie mit Stambul das freundschaftlichste V'erhältniß unterhalten. Dieses freundschaftliche Verhältniß hat es ermöglicht, daß die Gemeindeorganisation der spanischen Juden in ihrer Jahrhunderte alten Unberübriheit verblieben ist und die „Spaniolen" trotz ihrer Abgeschlossenheit mit der moslemitischen Einwohnerschaft im friedlichsten Einvernehmen leben. Der Oberrabbiner von Salonichi, der Chachambaschi, genießt nicht blos bei der Judenschaft, sondern auch bei den Behörden großes Ansehen. Vor nicht langer Zeit starb der Chachambaschi von Salonichi, Samueli Arditti, der Jahrzehnte hindurch an der Spitze der Gemeinde gestanden hat, und bei seinem Begräbniß wurden ihm die einem Pascha gebührenden letzten Ehren erwiesen. Anwesend waren der Vali. der Gouverneur mit einem großen Trupp Offiziere, und als der Trauerzug sich in Velvegung setzte, wurden in der Festung Kanonenschüsse gelöst. Der Ehachambaschi achtet streng darauf, daß die Mitglieder der Gemeinde die religiösen Vorschriften befolgen. Es kam vor. daß der Ehef eines der großen Waarenbäuser sein Geschäft auch am Sabbat offen hielt. Die Folge davon war, daß die Juden auf Weisung des Ehachambaschi nicht blos das Geschäft nicht mehr betraten, sondern selbst das Trottoir mieden, auf das die Thüre des Ladens schaut. Der Eigenthümer ging schließlich zum Ehachambaschi Buße thun, der ihm verzieh, jedoch zu Gunsten der Armen eine Geldstrafe von hundert Napoleons auferlegte. ... . *) Das lag nicht an den Juden, sondern an der Türkei: die Niederlande süiv durch die spanischen Juden thalsächlich reich geworden. it > > , r :' Interessant ist es zu sehen, wenn die spanischen Juden am Samstag ihre Rosenkränze (?) herabbeten. Diesen Gebrauch haben sie von den Mohammedanern übernommen, den sie jedoch nur Samstags beobachten, wenn das Tabakrauchen verboten ist. Die an's Cigarrettendrehen gewöhnten Finger spielen wie mechanisch mit den meist aus Bernstein verfertigten Kügelchen des Rosenkranzes, vielleicht ohne zü ahnen, welche . Bedeutung der Rosenkranz bei den Katholiken hat. Am Samstag treffen wenig Schiffe im Hafen ein, weil die Mehrzahl der Hamals Juden sind, die um keinen Preis der Welt sich gegen das Arbeitsverbot vergehen würden. Diese jüdischen Hamals sind von einer erstaunlichen Körperkraft, fleißig und. verläßlich. Ein spanischer Schiffskapitän hat mir erklärt, daß er seine Ladung blos unter der Bedingung dem Spediteur übergibt, wenn alle seine Taglöhner Juden sind. Denn nur dann kann er sich im Vorhinein pünktlich berechnen, wann die Arbeit beendet sein würde. Jeder Ausländer ist von der Thatsache überrascht, daß in Salonichi die finanziellen Geschäfte nicht von den spanischen Juden, sondern von Griechen und Armeniern versehen werden. Unter den Großhändlern gibt es jedoch einige spanische Juden, deren Firmen in der ganzen Levante bekannt sind. Solche Firmen sind die der Allatini, Misrachi. Fernandez u. s. w., welche, vom Vater auf den Sohn überkommen, in punkto Solidität und Vertrauenswürdigkeit sich auch in Westeuropa des besten Rufes erfreuen. Der überwiegende Theil der Judenschaft besteht aus Industriellen und Taglöhnern. Aus ihren Reihen kommen die besten Schmiede, Spengler, Tischler und sonstigen Industriellen hervor. Es gibt keine harte Taglöhnerarbeit,' vor der der arme spanische Jude sich drücken würde, um die paar Groschen zu verdienen, mit welchen er seine Familie erhält. Die spanischen Juden voz Salonichi besitzen ein ungewöhnliches Sprachentalent. Türkisch versteht ein Jeder; zuhause, sowie im Tempel bedienen sie sich der spanischen Sprache, außerdem erlernen sie auch die griechische und die bulgarische Sprache. In der intelligenten Klasse gibt es Tausende. die überdies noch das Italienische, Englische und Französische sprechen. Ueberraschend ist es, daß es Deutschsprechende unter ihnen kaum Einen gibt, obwohl die Deutschen besonders in der letzteren Zeit sich bestreben, mit Salonichi in enge Handelsbeziehungen zu treten und sich an den Gestaden des Aegäifchen Meeres festzusehen, um von hier aus Einfluß auf die Levante und die Dardanellen auszuüben. Die Frauen und Mädchen der spanischen Juden sind typische Schönheiten. An Festtagen schmücken sie sich mit Juwelen und behängen nach orientalischer Art den Busen, den Hals, sowie die wohlgeformten Arme mit Goldmünzen. Im klebrigen hocken .sie meist zu Hause und streifen nicht durch die Straßen, wie ihre