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Der Israelit · 1903-10-29 · Heft 86 (29.10.1903) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 86 (29.10.1903)
Date
1903-10-29
Page
– (sequence 20)
Language
German
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westlichen Glaubensgenossinnen. Auch sind sie überaus religiös. Wer auch nur einen Tag in Salonichi verbracht hat, wird sicherlich davon gehört haben, dass daselbst unter den Juden eine geheime Sekte besteht, deren Satzungen unbekannt sind. Die Mitglieder dieser Sekte werden „Dönme" genannt. Dönme ist ein türkisches Wort und bedeutet soviel wie „Apostat". Der Gründer dieser Sekte war vor zweihundert Jahren der aus Smyrna geborene Zevi Sabatai, der sich Messias nannte. Als jedoch der Sultan mit einer in Gift getauchten'Kugel auf ihn schießen lassen wollte und sprach: „Wenn Du ein göttliches Individuum bist, dann wirst Du unversehrt bleiben und ich anerkenne mit allen meinen Unterthanen Deine prophetische Mission" — schrak Sabatai vor dieser Probe zurück und trat zum Islam über. Seine jetzt lebenden Anhänger sind Mohammedaner, im Geheimen aber halten sie starr an jenen Formen und Ceremonien des jüdischen Glaubens fest, welche Sabatai vorgeschrreben hat. Sie besuchen die türkischen Moscheen und ihre eigenen Synagogen. Sie haben geschriebene jüdische Gebetbücher und Bibeln und ihre Prediger verwenden als Ausgangsvunkte oder als Beweismaterial ihrer Vorträge ebenso die jüdischen Citate, wie die Rabbiner anderer jüdischer Konfessionen. Thatsächlich betreiben sie einen Doppelkultus: den mohammedanischen und den jüdischen; jenen öffentlich, diesen insgeheim. Ihre Synagogen heißen sie „K.al", wo sowohl die Männer wie die Frauen weiße Kleider anlegen und nach dem Gottesdienste zusammen speisen. Die Versammlungsorte befinden sich in solchen Gebäuden, welche von allen Seiten von Häusern umgeben sind, in denen Dönmes wohnen. Die Dönmes schließen weder mit Türken noch mit Juden Ehebiindnisse, sondern heirathen ausschließlich unter sich. Gegenwärtig zählt die merkwürdige Sekte ungefähr 3000 Mitglieder, welche einen abgesonderten, eigenen Friedhof haben. Ich versäume es nie, den jüdischen Friedhof von Salonichi zu besuchen. Er zieht sich an der Westseite der Stadt in der Ausdehnung von mehreren Quadratkilometern den Vergabhang hinan und unterscheidet sich von den benachbarten türkischen und griechischen ^Ci- ‘ metrien daurch, daß die Grabsteine flach, der Länge nach auf der Erde liegen und einen gespenstischen Anblick darbieten, insbesondere zur Mittagszeit und bei Sonnenuntergang, wenn die Strahlen der Sonne auf die weißen Marmorplatten herabfließen. Die Leiche wird auf einem dreieckigen Brett, mit einem durchsichtigen blauen Schleier bedeckt, nach dem rz-riedhofe gebracht. Vom Stadtthor bis zum Grabe ertönt der Trauergesang des Rabbi, mit dessen Stimme sich der Gesang der Leidtragenden mengt. Unter den Fnedhöfen von Salonichi macht derjenige der spam,ryen Juden den Eindruck tiefster Ruhe. Die Türken bezeichnen die Grabstätte ihrer Todten meist mit dünnen Marmortäfelchen, und blos an den Gräbern hochgestellter Militärs oder hervorragender Beamten steht ein Doppelgrabmal: eines anr Kopf- und eines am Fußende. Aber wenn man die beturbanten Steine überschaut, hat man schier das bange Gefühl, daß ein Sturmwind kommen und die Marmorgrabmäler der Reihe nach niederlegen werde. Es steigt dasjenige Gefühl in uns auf, welches man angesichts jeder Schöpfung der Türken empfindet: daß dieser Boden ihre richtige Heimath nicht ist und sie blos provisorisch auf demselben leben. %\t Wiiiann |fi(. TtWlszuHmsckm. (3u tmferem Wiköej Die bildliche Darstellung, die wir heute unfern Lesern vorführen, zeigt die Ruine der Westmauer des heiligen Tempels zu Jerusalem und unsere im wehmuthsvollen Gebete dort weinenden Stammesgenossen. So ungemein ergreifend das Bild wirkt, so erfreulich und trostreich ist es andererseits. Alle Eroberungen und Zerstörungen haben diese Westmauer die noch von Salomo's Prachtbau herrührt, nicht zu vernichten vermocht tfrwa awi Smu mspn nn s6. Der Beginn der Belagerung Jerusalems durch Nebukadnezar war am rosa n-wv. Damals wurde der heilige Tempel zum ersten Male zerstört. 2242 Jahre sind seitdem verflossen, und noch heute beten und weinen die Söhne und Töchter Israels an den Ueberresten der Westmauer, die weder Nebukadnezar, noch Antiochus, noch Titus, noch Hadrian, noch all die Andern zu vernichten vermochten! n'Vy n^axnsn bv nnrr *n*. „Freuet Euch wonnevoll mit ihr. Alle, die ihr um sie trauert!" Die Trauer, die lang anhaltende und unvergessene Trauer, ist uns eine Bürgschaft der Wiedererstehung; denn das. Erstorbene wird vergessen, aber das Lebendige erhält die Herzen in fortwährender Erregung. i

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