Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 86 (29.10.1903)
- Date
- 1903-10-29
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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i! I I l ) ■ J 1884 nicht daran, zu glauben, daß er der, die ihm das Leben schenkte, und die mit der ganzen Gluth ihrer Mutterseele an ihm gehangen, den Todesstoß verseht hatte! Düstere Gedanken stiegen in seiner Seele auf. Er fing an zu begreifen und sich Vorwürfe zu machen, und eine überwältigende Schwäche bemächtigte sich seiner. Sinnend faß er am Bette der geliebten Mutter; die Kehle schien ihm zugeschnürt und er brachte keinen Laut hervor. Verzweifelt, in einen Rausch gehüllt, schlief er ein! Schwere Träume umschlichen seine Seele.-Er fühlte sich in seine Kindheit versetzt! -- Es war Erew Schabbos! Auf dem alten Markt war er mit seinem Mütterchen zum Einkauf der Sabbatfische und fröhlich taumelnd trug er diese nach Hause. Den ganzen Tag tänzelte er dann um die Mutter, die ihn mit Liebkosungen überhäufte. Endlich begann der Sabbat heranzunahen. „Komm', geliebter Sohn, laß' Dich ankleiden, der Sabbat naht, und Du darfst nicht versäumen, in die „Schul" zu gehen." Mit Freuden ging er, denn der Sabbat hatte für ihn einen unvergleichlichen Zauber. Im Traum sah er, wie die Mutter die Kerzen anzündete, er hörte den Segen und sah die Barches mit der rothseidenen, reichkestickten Decke belegen. Schon hörte er die schwellenden Akkorde des Chason und die ersten Strophen des herrlichen „Lecho daudi"! Jetzt vernahm er den Kiddusch! — — Wie er so träumte und träumte, schien es ihm, als höre dieser Zauber plötzlich auf. Er hörte nichts mehr und sah die Kerzen des erhabenen, stebenarmigen Leuchters erlöschen! Ein Zorn stieg in ihm auf. Aus tausend Kehlen glaubte er die Worte „Schema Jisroel" zu hören.-.— Er erwachte. Wie von einem Dämon gequält, sprang er ans. „Vergib, geliebtes Mütterlein," scholl es aus seinem Munde, aber vergebens wartete er auf Antwort. Leidenschaftlich gerührt warf er sich auf das Krankenbett und brach in Thränen aus. Der Tag des Gerichts war gekommen. Das Mutterherz war erkaltet, das Auge gebrochen. Schluchzend erhob sich Vensamin, indem er, die Hände gen Himmel gerichtet, ausrief: „Schema Jisroel!"- Der Sabbat hatte auf ihn, wie in seiner Kindheit, einen mächtigen Zauber ausgeübt. von Mols Wrsuß—-Salonichi. Allemal, wenn mich der Weg auf meinen Orientfahrten hierher führt, bin ich voll Bewunderung für die spanischen Juden. Zwei Dinge sind es, die ich an ihnen bewundere: ihre körperliche Schönheit und der Konservatismus, mit dem sie an ihren Traditionen festhalten. Man findet nicht selten herrliche Männergestalten unter den Serben, den Albanesen, den Tscherkessen und unter den Griechen auf den Inseln des Archipels, aber keine derselben läßt sich mit dem spanischen Juden vergleichen. Wenn sie vor mir vorbeiziehen, diese kraftvollen, muskulösen, hochgewachsenen Männer mit dem vornehmen Exterieur, den Leib eingebüllt in den langen, verbrämten Kaftan, auf dem Kopf den reichen Turban, das-'imponirend ernste Gesicht von dem herabwallenden, üppigen Bart umrahmt und mit der wundervollen Ruhe im Gang, ist es mir, als ob sich die Gestalten des alten Testaments wiederbelebt hatten. Unter den sechzigtausend Juden von Salonichi gibt es vielleicht keine einzige, nnßgestaltrge oder degenerirte Figur. Der Hamal. der im^Hafen de zentnerschwere Last keuchend auf den Schultern tragt, gibt sich im Aeußern ebenso vornehm und würdevoll, wie sein reicher Glaubensgenosse, der das Dasein in Prunk und Bequemlichkeit verbringt. Was ist die Erklärung dieser bewunderungswürdigen Rassenreinheit? Nichts Anderes als die Enthaltung von der Blutmischung. Während jener 400 Jahre, die verflossen sind, seit sif, aus Spanien vertrieben, sich auf diesem Punkte des Aegäischen Meeres angesiedelt, haben die Juden spanischer Zunge immer blos unter sich geheirathet. Die Kinder Israels haben sich vor der „heiligen" Inquisition auch nach anderen Gegenden aus dem Lande der Hildalgos geflüchtet: nach Deutschland, Frankreich und Polen, aber die Nachkommen dieser Emigranten haben ihren charakteristischen Typus eingebüßt und sind meist verkümmert. Kein Zweifel, daß auch das Klima Einfluß übt auf den menschlichen Körper. So wie die Palme des Südens in nördlichen Strichen und in Mitteleuropa verfällt, mußten auch die aus den südlichen Ländern nach dem Norden Europas gewanderten Juden dem Verkümmerungsprozeß unterliegen. Jedoch hier, in Salonichi, wo der Him»