Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 86 (29.10.1903)
- Date
- 1903-10-29
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Set». Skizze von Alfred Lohn. In der kleinen Kreisstadt W. wohnt seit langen Jahren der Handelsmann Aron B. mit Frau und drei Söhnen. Er ist ein im Ort angesehener Mann und Betreibt ein kleines Geschäft, welches ihm gerade soviel einbringt, wie er zum Lebensunterhalt braucht. Seine Ansprüche sind bescheiden, aber er entbehrt nichts. Frau Salome, sein aus priesterlichem Geschlecht stammendes Weib, steht ihm, obwohl es selbst kränklich ist, nach Möglichkeit, thatkräftig zur Seite, und so leben sie, gottergeben, in den Tag hinein, umschwärmt von den Kindern, die mit Ausnahme des Aeltcsten, Benjamin, in einer Cigarrenfabrik des Heimathortes arbeiten und Freud und Leid mit den Eltern theilen. Streng nach Gottes Gesetzen erzogen, erfüllen sie diese nach Möglichkeit. Am Schabbos arbeiten sie nicht, und selbst in der Wahl ihrer Vergnügungen sind sie vorsichtig. Das haben sie so von „Muttern" gelernt. Benjamin, der älteste Sohn, ist in einem Getreidegeschäft in D. beschäftigt. Seit zwei Jahren ist er aus dem Vaterbause. Er hat eine freiere Meinung übe: Gott und das Judenthum bekommen und steht desihalb mit seinen Eltern in stetem Konflikt. Die Sorge der Eltern um das Ergehen ihres „Aeltesten" ist unbeschreiblich. Benjamin arbeitete am Sabbat, obwohl es die Nothwendigkeit nicht erheischte; den Gottesdienst besuchte er nie, sondern runzelte zuweilen die Stirn darüber, daß man ihm den Juden „ohne Brille", wie er sich oft ausdrückte, von der Nase absehen konnte. Als Kind war er fromm und gottesfürchtig. Eine endlose Freude war es ihm stets, dem „Lernen" des alten Nabbi beiwohnen zu dürfen; das Schacharis-' gebet versäumte er nie. Im Herzen der frommen Eltern machte der Lebenswandel ihres Sohnes tiefe Schnitte. Die Mutter liebte ihn. Als Benjamin noch klein war, hatte sie ihm jeden Morgen das „Schema Jisroel" vorgebetet, um ihn zur Gottesfurcht heranzuzkchen. Schon damals machte sie sich Illusionen über das Glück, das ihnen ihr Sohn bringen werde. So flössen Tage, Wochen und.Monate an den braven Leuten vorüber. Tag und Nacht beteten sie für das Wohl der Kinder.--— Benjamin gefiel es bald in seiner Stellung nicht mehr; er hatte dieselbe vor einem Monat aufgegeben und sollte nun nach Hause kommen, um dem Vater, der durch Gram und Sorge kränklich geworden war, im Geschäft hilfreich zur Seite zu stehen. Die Mutter hat aber noch mehr gelitten. Sie ertrug diese Seelenschmerzen nicht; das Mark aus den Gliedern schwand, und sie lag schwer krank darnieder, sodaß man für ibr Leben fürchtete. Benjamin kehrte in's Elternhaus zurück. Scheinbar erschüttert, sah er die Kranke bleich, starr und theilnahmslos auf dem Bette liegen. Aber er erkannte nicht die Schwere der Situation; er erfaßte noch nicht den Ernst der Wende. Noch war der Moment der Erkenntniß nicht gekommen. -Er ahnte nicht, daß er, Benjamin, seiner Mutter durch seine Seitensprünge diesen schweren Hieb beigebracht. Er dachte