Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 86 (29.10.1903)
- Date
- 1903-10-29
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1876 Doch kann das Kolonisaiionsprogramm nicht unverändert ausgenommen werden. Das Ansiedlungswert ist in eine neue Phase getreten. Heute sehen wir ein, daß wir auch in den Nebenländern Palästina's kolonisiren muffen, weil Palästina zu klein und vorläufig verschlossen ist. Diese Gebiete empfehlen sich für die sofortige Rettungsaktion; so wird die Behebung der Judennoth mit der Wiederaufrichtung Zions verbunden werden. Die Kolonisation muß auch städtischer und industrieller Natur sein; die Juden müssen im Orient alle Berufe treiben. Gründliche Erforschungsarbeiten und das Entwerfen einer wirtschaftlichen Generalstabskarte, eines kolonialen Feldzugsplans müssen der neuen Kolonisation vorangehen. Die Kolonisation selbst muß auf Grund einer dauernden Verständigung aller im Orient thätigen jüdischen Organisationen erfolgen. Sie muß immer höhere rechtliche und politische Garantien erstreben, insbesondere die Aufhebung des Einwanderungsverbotes, die Sicherung des Erwerbs- und Besthrechtes von Immobilien, des Rechtes auf Errichtung von Häusern, die Verminderung der ruinirenden landwirtschaftlichen Steuern, endlich die Ausdehnung des Prinzips der autonomen jüdischen Gemeindeverwaltung bis zu weitesten rechtlich-politischen Grenzen. Die Mittel zur Durchführung dieser planvollen,^ zielbewussten Kolonisation bestehen in der kräftigen Erneuerung der Kolonisationsvereine, in ihrem Zusammenschluß, zu einer Centralorganisation und ihrer Vereinigung mit allen anderen jüdischen Palästinafaktoren. Diese Aktion bezweckt keineswegs die Spaltung oder Schwächung einer anderen jüdischen Organisation, etwa der zionistischen. Sie soll im Gegenteil zum loyalen Zusammenarbeiten der Palästinafreunde und der Zionisten führen und dem Palästina- Werk auch nichtzionistische Elemente zuführen. Auch im Verhältnis zur „I. C. A." und zum Rothschild- Komitee stehen die Kolonisationsvereine auf dem Standpunkt loyalster Anerkennung der erworbenen Verdienste, ja, sie betrachten es als eine Pflicht, diesen viel angerissenen Körperschaften ihre Anerkennung öffentlich auszusprechen; zugleich aber die Erwartung, daß die „I. C. A." und das Rothschildkomitee sich mit den Kolonisationsvereinen. den Allianzen, dem Deutschen Hilfsverein, der zionistischen Organisation, dem Bne-Brith-Orden, der Chaluka-Organisation und dem Palästinensischen Aktionskomitee zwecks dauernd gemeinsamer Arbeit in Palästina verständigen werde. Im Sinne seiner Ausführungen schlug Dr. Nossig nachstehende Resolutionen vor: „Angesichts der befriedigenden und aussiaitsreichen Entwicklung der jüdischen Kolonien in Palästina beschließt die am 19. Oktober m Berlin tagen e Versammlung der Palästinafreunde nachstehende Re. solutionen: Das Werk der Neubesiedclung Palästina's durch Juden ist unentwegt und mit erhöhter Energie fortzuführen; es soll durch Erwerb geeigneter Ländereien vorbereitet werden; es soll sich nicht nur auf das türkische Palästina, sondern auch auf Syrien erstrecken; nicht nur landwirthschaftlicher, sondern auch stävrischer und industrieller Natur sein; auf Grund entsprechender Erforschungsarbeiten und nach einem einheitlichen Plane erfolgen; es soll durchaus legal sein und sich mit der Erstrebung immer höherer, rechtlicher Garantien verbinden. II. Als Mittel zur Erreichung dieser Zwecke werden empfohlen: Die Belebung der bestehenden Palästina-Kolonisations-Vereine durch eine kräftige Propaganda und die Gründung neuer Vereine dieser Art; das Zusämmentreten und die zentrale Organisation aller Kolonisaiionsvereine; der loyale Zusammenschluß letzterer mit allen jüdischen Körperschaften, die sich für Palästina intereffiren, und die Herbeiführung einer dauernden Verständigung unter denselben zwecks einheitlicher Führung des Anstedelungswerkes. III. Die Versammlung spricht dem Baron Edmund Nothschild'schen Palästina-Komitee und der „I. C. A." für ihre bisherige Thätigkeit, durch welche das jüdische Ansiedlungswerk im Orient begründet und gefestigt wurde, ihre wärmste Anerkennung aus. Wenn wir diese Resolutionen beschließen und sie unseren Gesinnungsgenossen empfehlen — schloß Dr. Nossig— so entrollen wir damit allerdings nicht ein so bestechendes und verlockendes Programm, wie es die Idee einer sofortigen Staatsgründung war. Unser Weg ist ein langer und mühevoller, aber er hat eines für sich: es ist der einzige, der zur wirklichen und sicheren Erreichung des angestrebten Zieles fithrt. Dort, im Orient, können wir die Freude erleben, Jahr für Jahr eine Reihe neuer, blühender Kolonien entstehen zu sehen, und dabei das Bewußtsein haben, daß durch jede von ihnen unsere eigentliche Aufgabe gefördert wird, das Werk der endgültigen Erlösung des jüdischen Volkes." Daß die vom Vortragenden angedeutete Kräftigung der Kolonisationsbewegung sowie die Anbahnung einer Verständigung zwischen allen Kolomsationsfaktoren Aussichten haben, sich zu verwirklichen, bewiesen Briefe und Telegramme, welche anläßlich der Versammlung eingetroffen waren und die allerorts bestehenden Sympathien für - die Palästina-Kolonisationen bekundeten. Erwähnt sei ein sehr ermun-