Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 86 (29.10.1903)
- Date
- 1903-10-29
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1872 Keuitleto«. MW Zm tob Lima» Heller. in Von Heinrich Lebermann. ~ ..• x. . Etwa sechs Wochen nach den im vorigen Kapitel geschilderten Vorgängen treffen wir den Oberrabbiner von Prag beim Frühstück im Kreise seiner Familie. Von den vier Söhnen und fünf Töchtern waren ein Theil bereits verheirathet und ein anderer Thei! sonst abwesend. Zu den Abwesenden zählte der zweite Sohn des Oberrabbiners Namens Schemuel. Derselbe besuchte die Jeschiba in Metz, wohin der Vater ihn schon, als die Familie noch in Wien lebte, entsandt hatte. An der Spitze dieser Jeschiba stand damals der berühmte Rabbi Mordechai Suria, der früher in Worms Rabbiner war. Metz und Worms waren damals — — im Jahre 1629 — französische Städte, was man von ersterer Stadt auch sofort aus dem französischen Wappen Ludwigs XIIJ. sehen konnte, das auf dem Briefe aus Metz prangte, welcher noch uneröffnet auf dem Frühstückstische lag. „Ein Brief von Schemuel?" fragte erfreut der Oberrabbiner und nahm ihn prüfend in die Hand. „Sieh' einmal, liebe Frau, wie schön und korrekt Schemuel die Adresse in französischer Schrift und Sprache schreibt. Ich sehe daraus, daß er nicht nur französisch sprechen, sondern auch schreiben gelernt hat, und freue mich damit so ungemein, nicht nur wegen dieser Kenntniß an und für sich, sondern auch, daß er nicht, wie so viele andere, sich an dem Geiste unserer heiligen Thora zu versündigen glaubt, wenn er neben ihr auch die Sprache des Landes, in dem wir leben, richtig sprechen und schreiben lernt." Bei diesen Worten öffnete der Vater den Brief des Sohnes. Es war ein großer, eng beschriebener Folwbogen, in dessen Lektüre der Vater sich nun vertiefte. Die glückliche Mutter warf von Zeit zu Zeit einen Blick auf das Gesicht des Vaters, das sich von Zeile zu Zeile immer mehr aufhellte und ganz verklärt leuchtete, als die Lektüre beendet war. . „Mutter," sagte der glückliche Vater, „Gott hat den innigsten Wunsch meines Lebens ergört; unser Schemuel ist boruch Haschem (G. s. D.) ein großer Kenner der Thora. Wenn ich Dir nur etwas von dem tiefen, schlichten, wahren Gedankengang mittheilen könnte, in dem er hier die schwierigsten Probleme lichtvoll erörtert. Ich sehne mich wirklich danach, ihn wieder zu sehen, und besonders ihn zu hören, und so aus eigenem Munde zu vernehmen, was er mir jetzt nur brieflich mittheilen kann." _ „Du wärest also jetzt endlich bereit, meinen sehnlichsten Wunsch zu erfüllen und unseren Lieblingssohn wieder nach Hause kommen zu lassen?" fragte zärtlich die Mutier. „Jetzt bin ich es. Er hat die vier Jahre, die er in Meß gelernt hat. gut angewendet; von nun ab kann er mit demselben Erfolge zu Hause bei mir sein Studium fortsetzen. Wenn Du willst, kannst Du ihm beute noch schreiben, er möge nach Hause kommen; ich werde dann durch einige Zeilen Deinen Wunsch unterstützen. Ich glaube, es bedarf nicht viel Ueberredungskunst, um ihn nach Hause zu bringen, er geht so gern heim, als wir ihn heim haben möchten." Die Frau Oberrabbiner, Tochter des Spitalyyrstehers Aron Aschkenas, suchte sofort ihre Angehörigen auf, um ihnen die Freudenbotschaft von der Heimkehr ihres Schemuel persönlich zu überbringen. Der Oberrabbiner nahm den zweiten Brief in die Hand, der gleichzeitig mit dem aus Metz angekommen war. Er war aus Wien und, wie er sofort aus der ihm bekannten Handschrift sah, von Rabbi Abron Mirels daselbst. Ahron Mirels war der Chef eines der angesehensten Wiener jüdischen Häuser, der fortwährend noch mit dem früheren Rabbiner in regem, brieflichen Verkehr stand. Der Brief schien ernsten Inhalts zu sein. Rabbi Jom tob Lipman Heller trat damit an's Fenster, damit ihm keine Nuance des großen Schreibens entgehe, und legte den Brief bedächtig in eine Geheimschublade seines Lernzimmers. Er hatte keine Zeit, den Inhalt noch einmal zu überdenken, als der Rosch-Hakohol Rabbi Jakob Teomim Lämmel eintrat. Er war ungemein ernst und sagte, daß er gestern Abend spät mit Extrapost von Frankfurt eine wichtige, dringliche Nachricht erhalten habe, die eigentlich für den Herrn Oberrabbiner bestimmt sei. „Um Euch der unliebsamen Mission zu entheben, mir eine schlimme Nachricht zu bringen, will ich Euch den Inhalt Eueres Frankfurter Briefes mittheilen," sagte mit freundlicher Ruhe der Oberrabbiner zu seinem Vorsteher. „Ihr wisset, was mir ein Extra-Kourir aus Frankfurt gebracht hat?" fragte erstaunt der Roschhakohol. „Wie sollte das möglich sein?" „Ich kann nicht sagen, daß ich es weiß, aber ich habe Ursache, es zu vermuthen." erwiderte der Oberrabbiner. „Ihr sollt mich auf die Gefahren aufmerksam machen, die mir drohen, die meine persönliche Freiheit, mein Vermögen, meine Stellung und selbst mein Leben gefährden, ist's nicht so?" „Ja. das ist's! Und das alles wißt Ihr, Lehrer und Meister, und bleibt so heiter und ruhig, als ob uns das alles gar nichts anginge? Diese Ruhe des Gemüths, diese Größe der Seele kann ich anitaunen, aber begreifen, oder gar nachahmen kann ich sie nicht!"