Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 86 (29.10.1903)
- Date
- 1903-10-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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r '> -' [ . ' - :3-: 1673 „Wer hat Euch denn die Warnung von Frankfurt a. M. aus zugehen kaffen?" „Das weiß ich selber nicht; ffe ist anonym und ich kenne die Schriftzöge nicht/ „Da haben wir's. Ihr zittert wegen eines namenlosen Briefes und verwundert Euch noch, daß ich's nicht auch so mache. Darf ich vielleicht den Brief einmal selber sehen? Vielleicht rührt er von einem unserer Feinde her, die uns durch erlogene Nachrichten beunruhigen möchten, weil stc uns in Wirklichkeit nichts anhaben können." Der Roschhakohol reichte den Brief hin. Bedächtig las ihn der Oberrabbiner und sagte dann: „Ich kenne die Schriftzöge dieses Briefes; er rührt von keinem Feinde, sondern von einem guten Freunde her, da er aber nicht genannt und gekannt sein will, so habe ich kein Recht, seinen Namen zu nennen. Ich habe in diesem Augenblick einen Brief ähnlichen Inhalts direkt aus Wien von mir sehr befreundeter Seite erhalten. Derselbe besagt, daß von Prag aus eine gewaltige Agitation gegen mich in Szene gesetzt werde und man räth mir, Prag sofort zu verlassen und nach Wien zurückzukehren, wo das Rabbinat noch unbesetzt sei und ich mit offenen Armen erwartet werde." „Und was hält der Herr Oberrabbiner von der Sache und was soll geschehen?" fragte erregt der Rosch Hakohol. „Hochgeehrter Herr Vorsteher!" erwiderte der Oberrabbiner. „Ich bin mir keines Unrechts bewußt. Jeder Athemzug, jeder Schritt meines hiesigen Lebens und Wirkens steht im Dienste Gottes. Wißt Ihr, das; ich irgend ein Unrecht mir habe zu Schulden kommen lassen, so bitte ich Euch, sagt es mir, ich will es bereuen und es gutzumachen suchen, wenn.es irgendwie autzumachen ist. Sprecht, Rosch Hakohol!" „Ich Euch, verehrter Lehrer und Meister, ein Unrecht Vorhalten?" entgegnete der Angeredete. „Das brächte der grimmigste Feind nicht zuwege, denn es liegt keines vor. Wie sollte ich es also können? Unrecht habt Ihr gewiß nie und nimmermehr gehandelt, aber vielleicht unklug, als Ihr in Euerem Eifer für Wahrheit und Recht unsere verfahrenen Steuerverhältnisse mit einem Ruck in Ordnung bringen wolltet. Das hat Euch viele, unversöhnliche Feinde geschaffen, und was hier vorliegt, ist lediglich eine Folge dieses Vorgehens. Darüber ist mir gar kein Zweifel, wenn ich auch keine Ahnung habe, ob es Einer oder Mehrere sind, die sich zu einem so schändlichen Komplott zusammen gethan haben. Ich habe nun gar keine Ahnung, wie es der schlimmste Feind auch nur anfangen möchte, um den Schatten eines Vorwandes gegen den Herrn Oberrabbiner vorzubringen." ' „Es freut mich, daß Ihr an meinein Thun und Lassen nichts Unrechtes findet. Daß ich nicht klug gehandelt habe, gebe ich zu. Ich bin leider nicht klug und habe nie danach gegeizt, es zu sein. Wenn man recht handelt, macht man eben alles recht, ohne klug zu sein. Nur diejenigen, die nicht recht handeln wollen, müssen klug handeln. Ich war so vorzugehen verpflichtet, wie ich vorgegangen bin, wenn ich die Verantwortung des von der Steuer-Kommission verübten Unrechtes nicht mit tragen wollte. Deßhalb halte ich diese Unklugheit für die größte Klugheit, die ich begehen konnte. Ich will lieber mein Leben lang als Thor dastehen, als eine Stunde schuldbeladen vor meinem Bater im Himmel, sage ich mit Akabjo ben Mehalallel." 7 „Ich bin weit entfernt," entgegnete der Rosch Hakohol. „den hehren Prinzipien der Wahrheit und des Rechts, wie sie in unserem Leiter verkörpert sind, auch nur zum Scheine entgegen treten zu wollen. Die Wahrbeit ist gewiß auf Eurer Seite, sie wird sicher auch den Sieg über List und Lüge davon tragen; aber bis dieser Sieg errungen ist, kann es viele, theure Opfer kosten, wollt Ihr, geehrter Herr Oberrabbiner, durch Nichtbeachtung aller dieser Warnungen, ein sol- 1 ches Opfer bringen?"! „Verehrter Herr Vorsteher! . Dreimal täglich! reden wir uns die Pflicht in die Seele, Gott zu lieben \ mit ganzem Herzen, mit ganzem Leben, mit allein Vermögen, und ich sollte dieser Pflicht feige aus dem! Wege gehen, wo sie mich auf dem Posten erwartet? Ich werde Prag freiwillig nicht verlassen. Gott, in dessen Dienst ich stehe, kann mich hier schützen, wenn Er will, und wenn Er nicht will, loenn Er selbst den Tod über mich beschließt, so sage ich mit dem Spruche in Jjob: Selbst im Tode harre ich Sein, bis die Zeit meiner Erlösung kommt." „Aber," entgegnete der Vorsteher, „das schließt doch nickt ans. alles, was in unserer Kraft liegt zu tl,:>n, um das Schreckliche abzuwenden. also zuerst Nachforschungen anzustellen, wer die Fäden zu diesem Netze in der Hand hält, wie sie zu durchschneiden sind, wie der Gefahr in Wien zu begegnen ist. um durch wahiheitsmäßige Berichtigung den falschen Verdächtigungen entgegen zutreten?" „Gewiß, gewiß," antlvortete der Oberraböiner, „das ist sogar unsere Pflicht. Ich lege sie in Eure bewährte Hand. Alle Kosten, die Ihr darauf habet, bin ick gerne bereit. Euch mit Dank zu ersetzen,, wenn ich auch leider keine große Hoffnung auf alle diese Schritte setze. Das Verhängniß liegt in der Luft; ich wittere es schon lange. Glaubt es mir, ich fühlte es schon am ersten Abend unseres Einzuges in Prag, ich ahne sogar die Seite, von der es kommt — der Barmherzige möge alles zum Guten lenken."' ' (Fortsetzung folgt.) . .