Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 86 (29.10.1903)
- Date
- 1903-10-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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«reanWüi 1869 gleich zu den beschrankten Mitteln, die dem Vorstand für die Erfüllung seiner Aufgaben zu Gebote standen, ist eine energische Wirksamkeit entfaltet worden. Von sozialen und hygienischen Fragen wurden im vergangenen Jahre in den Abendbesprechungen erörtert: Jüdische Turnvereine, Frauenberufe, die Reinlichkeit, das Grundprinzip der Gesundheit, jüdische Kaufmanns- und Handwerkslehrlinge, Mädchen-Abtheilung der Israelitischen Erziehungsanstalt in Ahlem, Turnriegen der Frauen und Mädchen und Kinderhorte. Die 44 im Berichtsjahre veranstalteten Zusammenkünfte hatten alle ein reichhaltiges, interessantes Programm litterarischer, wissenschaftlicher und musikalischer Darbietungen. Bei der demnächstigen Wiedereröffnung der Zusammenkünfte soll die bedeutsame Frage jüdischer Mädchenheime und die in ihrer Bedeutung außerordentlich darüber hinausragende der jüdischen. Siedlungs-Gemeinden zur Besprechung gebracht werden. Die Jahresabrechnung schließt bei einer Einnahme von 1145.82 Mk. mit einem Saldo von 49.86 Mk. ab. Ehdtkuhnen, 25. Okt. Der auch in Nr. 84 des „Israelit" in dem Berliner Bericht über den Parteitag der deutsch-sozialen Reform-Partei am 19. d. M. genannte antisemitische Redakteur Kammer ist der Sohn der hiesigen großen Speditionsfirma Wilhelm Kammer, welche viel jüdische russische Kundschaft besitzt. Auch hat Wilhelm Kammer vor seiner Etablirung sehr gutes Vrod in hiesigen großen jüdischen Speditionsgeschäften gegessen. Aus diesem Grunde ist anzunehmen, daß der junge so hoch antisemitische Redakteur (von welchem Blättchen ist mir und auch den übrigen Eydtkuhnern gänzlich unbekannt) seine judenfeindliche Agitationen gewiß ohne die Billigung seines hiesigen alten Vaters betreibt. Ed. Sega l l. Nordheim v. d. Rhön. Am 1. Cheschwan hauchte die Mutter des Herrn Rabb. Dr. Stein-Schlveinfurt, Frau Karoline Stein, in der letzten Zeit in Schweinfurt wohnhaft, nach langem, schweren Leiden, im Alter von 68f<. Jahren, ihre Seele aus. Mit ihr ist eine der edelsten Frauen, ein Biederweib in des Wortes wahrster Bedeutung, dahin gezogen. Die selig Entschlafene war ein Muster unter den Frauen. Ten - von den Frauen im Zelte gesegnet. Ihr Haus war ein Tempel, getragen von der Weihe religiöser Gesinnung. Was die Selige gewesen, ihre wahre Frömmigkeit, ihre Herzensgüte, ihre edle Bescheidenheit, läßt sich kaum in Worten ausdrücken. Als ein wahres Vorbild kann uns diese dahingeschiedene treue Mitschwester in Gemilus Chesed voranleuchten. Mit Freuden unterstützte sie die Armen und Dürftigen, und zwar im Geheimen; bei ihr hieß es: wer hungrig ist, komme und esse mit. Eine noch weitere schöne Perle verherrlicht das musterhafte Leben der Frau K. Stein. In vereinter Kraft mit ihrem schon vor neun Jahren zur letzten Ruhe vorausgegangenen, gottesfürchtigen Gatten erzog sie ihre Kinder mit klugem Geschick und wirklichem Herzens- und Geistesadel zu echten Jehudim und zu tüchtigen, braven Menschen. Allgemeiner Beliebtheit erfreute sich die treue Verblichene, der Krone des guten 'Namens; ihr Andenken wird darum in uns fortleben als eine wahrhaft Fromme und Redliche. Möge diese theure, verblichene Mitschwester für ihre Hinterbliebenen und für uns Alle eine Fürsprecherin sein vor dem Throne des richtenden Königs. Crone a. Br., im Okt. Das Gotteshaus der hiesigen jüdischen Gemeinde befindet sich in einem schlechten Zustande und ist eine Reparatur bezw. Renovation nothwendig geworden. Diese ist jetzt beschlossen worden. Durch den Wegzug vieler kapitalkräftiger Mitglieder in den letzten Jahren ist die Gemeinde nicht in der Lage, diese erheblichen Reparaturkosten aus eigenen Mitteln zu bestreiten. Es hat sich deßhalb in Berlin ein Komitee von einigen in Crone gebürtigen Herren gebildet, das sich an die in Crone Geborenen und Erzogenen mit der Bitte um einen einmaligen Beitrag zu diesen Kosten gewandt hat. Schon heute können wir von einigen bedeutenden Zeichnungen wie 600, 400, 300, 100 Mk. etc. berichten. Es ist daher die Hoffnung vorhanden, daß das Ergebniß erheblich sein wird. Jeder Jntereffirte wird gebeten, sein Scherflein beizutragen, und den opferwilligen Komiteemitgliedern, die sich der gewiß nicht unerheblichen Arbeit, in Erinnerung an ihre Geburtsstadt, unterzogen haben, gebührt öffentliche Anerkennung und Dank. Aus Bayern. Kultusminister von Wehner sprach in der großen Debatte über die politische Lage in Bayern wahrhaft goldene Worte, die bei allen Bekenntnissen die beste, wohlthuendste Wirkung erzeugen müssen. Der hohe Herr sagt u. a.: Die konfessionellen Gegensätze haben sich in der letzten Zeit mehr und mehr zugespitzt und einen Grad erreicht, daß eine Umkehr wohl veranlaßt wäre; die Rückkehr auf das Wohl des Vaterlandes läßt dies als höchst wünschenstverth erscheinen, als ein wesentliches, unentbehrliches Moment für die gedeihliche Entwickelung, das Gegentheil wäre eine nicht zu unterschätzende Gefahr. Was die Regierung thun kann, wird gewissenhaft geschehen, sie wird die Verfassung sorgfältig bewahren und strengste Objektivität beobachten. Besonders hat der Kultusminister eines paritätischen Staates, unbeschadet seiner persönlichen religiösen Ueberzeugung, nicht bloß allen Konfessionen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, sondern auch die Interessen aller Konfessionen im Auge zu behalten, so daß jede Konfession das Vertrauen haben kann, sie finde, wenn auch nicht Erfüllung aller Wünsche, so doch Recht und Billigkeit. Weit wirksamer wäre es aber, wenn auch die Konfessionen sich in Frie-