Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 86 (29.10.1903)
- Date
- 1903-10-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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quemlichkeit verwaltet. Hat doch der Bezirksrabbiner nur einmal im Jahrtz nöthig, die Gemeinden seines Sprengels zu besuchen zum Zwecke der Religionsschulprüfung. Drei bis vier Gemeinden werden an einem Tage „abgemacht". Da bleibt natürlich keine Zeit zur Aussprache mit den Gemeindemitgliedern, zur Inspektion der sonstigen rituellen Einrichtungen der Gemeinde. „Zeit ist Geld!" Wer es auf diesem Gebiete recht weit gebracht hat, hat die beste Aussicht, bald weiter -zu kommen. Dagegen werden die wenigen Rabbiner, die ihre Ausgabe im Sinne des traditionellen Judenthums auffassen, man möchte fast sagen, als Strafe dafür, von allen Würden und Ehrenstellen ausgeschlossen. Und wie dringend thut hier Abhilfe Roth! Kann denn der gewöhnliche Mann aus dem Volke im Ernste sich noch lange wegen Kaschrus ein Gewissen machen, wenn er sieht, wie die Handhabung der Schechita der Gleichgiltigkeit ausgeliefert ist?! Muß er sich da nicht selbst sagen, da kann doch im Grunde gar nichts daran gelegen sein! Kann er im Ernste die Ueberzeugnng hegen, daß die Benützung einer M i k w o h zu den heiligsten Geboten des Judenthums zählt, wenn er sieht, wie in den Landgemeinden eine nach der anderen verschüttet, in den Städten, sogar am Sitze des Bezirksrabbiners, manchmal keine solche vorhanden ist. Ist es noch zu verwundern, wenn dann der Keim der Fäulniß und Zersetzung bis in das Heiligthum des jüdischen Familienlebens getragen wird, trotz all der süßlichen Moral, die einem von Zeit zu Zeit verzapft wird. In keinem Lande wird der Abfall vom altüberlieferten traditionellen Judenthum von den berufenen Vertretern der jüdischen Lehre so gefördert, als hier in Baden. Es wäre ein Leichtes, hier zum Beweise Dinge anznfiihren, die man nicht für möglich halten sollte. Es gibt noch überall Leute, denen die heiligen Ueberliefreungen ihrer Vorfahren, die frommen ^Erinnerungen ihrer eigenen Jugendzeit unverletzlich sind, die, ohne sich um den Abfall von links und rechts zu lümmern, daran unentwegt festhalien. Diese, denen die Begeisterung für das altüberlieferte, traditionelle Judenthum in der Brust glüht, haben die heilige Verpflichtung, dem jungen Verein durch freudige Mitarbeit. durch hingebende Unterstützung die Erreichung seiner hohen und edlen Ziele fördern zu helfen. Die gesehesireue badische Judenheit hat ihre Friedensliebe bis zu einem Maße bewiesen, bei dem sie anfhört, noch eine Tugend zu heißen. Wenn Leben erwecken und erhalten nichts anderes als Störung des Friednes bedeutete, dann wäre jeder Arzt der ärgsten einer, und die zahllosen Veranstaltungen der modernen Welt zum Schutze des Lebens wären ebensoviele Störungen des Friedens. Wer damit kommt, der verlegt mit A b s i ch t die in Betracht kommenden Fragen auf ein falsches Gebiet. Es kommt ausschließlich darauf an: Soll das traditionelle Judenthum in Baden eines sanften Todes sterben, oder soll es leben und gedeihen?! ZeiLungsrrachrichten und Ssrresporrverrzerr. Deutschland. Berlin. Die Herren Bruhn und Dr. Bötticher von der ..Staatbürger-Zeitung" müssen nunmehr die in dem Konitz-Prozeß gegen sie erkannten Strafen abbüßen. Vorher haben sie sich aber noch ein echtes antisemitisches Schildbürgerstückchen geleistet. In ihrer letzten Sonntagsnummer veröffentlichte die „Staatsbürgerzeitung" die Meldung über den Kreuzzug der Bewohner von Sion City unter ihrem Führer Dowie alias Elias II. nach Newyork, mit der Spitzmarke „jüdisch-amerikanischer Humbug" verziert. Humbug, großer Humbug ist ja dieser Kreuzzug. Aber die Kreuzzügler sind keine Juden, nicht einmal jüdische Zionisten, sondern eine — christliche Sekte, deren Stifter Dowie, halb Heilsarmee-General, halb Gesundbeter und ganz echter, sich auf seinen Vortheil sehr wohl verstehender Pankee, sich den Namen des allerdings jüdischen Propheten Elias beigelegt und eine im übrigen geradezu musterhaft eingerichtete und regierte Stadt Zion gegründet hat. Beiläufig sei noch erwähnt, daß Herr Dowie sogar ein großer Konkurrent der jüdischen Zionisten ist. denn auch er will — so sagt er wenigstens — das alte Zion einmal kaufen und mit seiner christlichen Gläubigenschaar dorthin übersiedeln. Also außer den alttestamentarischen Namen Elias und Zion ist nicht eine Spur Jüdisches an diesen christlichen Herrschaften. Aber die beiden jüdischen Namen haben die ..Staatsbürgerzeitung" so verwirrt, daß sie sich mit der Spitzmarke „jüdisch" auf das Volk Israel stürzte und damit zum so und so vielten Male vor aller Welt sich auf das gründlichste blamirte! Hamburg. Dem zweiten Jahresbericht des isr. Gemeinschaftsheims und der Lesehalle ist zu entnehmen: Die Grundsätze und Absichten, zu deren Bethätigung geschritten worden war, hatten dem Gemeinschastsheim schon im ersten Jahre des Bestehens viele Freunde und Mitarbeiter zugeführt. Ihre Zahl und ihr Interesse ist im zweiten Jahre außerordentlich gewachsen. Ein treuer Stamm stets wiederkehrender Besucher an den Versammlungsabenden zeugt von der Volksthümlichkeit der Einrichtungen. Die Versammlungen fanden bisher in einem Saale in St. Pauli statt, werden aber jetzt in das neue Heim der Henry Jones-Loge in der Hartungstraße verlegt. Im Ver-