Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 85 (26.10.1903)
- Date
- 1903-10-26
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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1861 Sein! Herr Graf! Ich bin — Jude!" entgegnete Jakob, sich verneigend. Barowow, welcher soch' einen Juden sein Leben lang noch nicht gesehen, blickte ihn verwundert an und fragte mit schlecht verhehltem Widerwillen: „Gewiß aus Deutschland?" „O nein! Ich bin Pole!" „Besitzt Polen mehr solche Israeliten, wie Sie sind, mein Herr?" „Diese Frage verstehe ich nicht!" sprach Jakob ruhig. „Sie enthält nichts Beleidigendes für Sie!" erwiderte höflich der Graf. „Ich meinte, ebenso gebildete und aufgeklärte!" „Allerdings, Herr Graf!" antwortete Jakob, sich verbeugend. „Es gibt noch bei weitem höher Gebildete, als ich!" „Darüber würde ich mich sehr freuen," fuhr Baworow fort. „Die Herren müßten aber wenigstens auf das Land einwirken, damit es sich einmal lossage von seinem unsinnigen Patriotismus und, nachdem es den Feudalismus und vor Allem den Katholizismus abgelegt, mit uns Hand in Hand gehe!" „Verzeihen Sie, Herr Graf!" erwiderte Jakob. „Aber wenn irgend Jemand, so können die Juden, die Jahrtausende lang ihren Patriotismus und ihre Religion pflegten und hegten, für sie kämpften, litten und untergingen und sie unterhielten, wie einen heiligen Funken bis auf den heutigen Tag, unmöglich das an einem anderen Volke tadeln, was sie für sich selbst erhalten haben!" „Ah!" sprach Baworow, indem er sich auf die Lippen biß, ihn mit scharfem Auge maß und das Haupt leicht vorneigte, „wie ich sehe, habe ich es gewiß mit einem gemäßigten Revolutionär zu thun! Berechnen wir also, was hat Polen für Aussichten?" „Ich bin durchaus kein Revolutionär!" unterbrach ihn Jakob. ,.Es gibt aber Ereigniffe, bei denen die entschiedensten Gegner der Revolution im Allgemeinen zu Revolutionären werden, weil man sie dazu zwingt!" „So sagt Ihr alle," unterbracht ihn Sofronow. „Aber wird man Polen jemals mit irgend etwas zufrieden stellen können? Gäbe man ihm Selbstständigkeit und alles wieder, was es je besaß, würde es immer noch mehr verlangen!" „Ich weiß es nicht!" rief Jakob. „Aber bas ist gewiß, daß man niemals aufrichtig auch nur den Verbuch gemacht hat, Polen zu befriedigen!" „Wie? Auch nicht Alexander I.?" fragte Baworow. - „Alexander versprach ihm viel, hielt aber wenig, und nahm auch dies , sofort mit der Bruderhand zurück!" entgegnete Jakob. Pikulinski trat schnell wieder an das Fenster, bedauerte, daß er sich nicht schon empfohlen, fühlte eine Gefahr darin, mit solchem Ketzer eine Luft zu athmen und dachte schon daran, Nasenbluten vorzu-, schützen, hielt sich aber doch noch zurück. „Was ist davon weiter zu reden!" sprach der . Graf. „Rußland hat gefehlt. Es mußte von vornherein das Polenthum und den Katholizismus ausrotten und dafür den rechtgläubigen russischen Geist einimpfen." . „Sie selbst, Herr Graf, haben aber zugegeben," wandte Jakob ein, „daß Rußland sich auf die Gewalt , stütze und nicht auf den Geist! Wie soll man tij|: impfen, was man selbst nicht hat?" - „Allerdings, das sagte ich, und sehe darin auch keinen Widerspruch. Unser Geist ist — die Ertödtung allen Geistes! Wir müssen mit der Gewalt, der Macht, und dem Schrecken gehen, aber nicht erst lange schmeicheln, täuschen und versprechen. Wir fehlten nur darin, daß wir logen! Zwischen uns und Polen gilt es einen Kampf auf Leben und Tod! Wir müssen es schlagen und erschlagen!" . „Und was dann auf Schutt und Trümmern?" fragte'Jakob. „Ein unermeßlich großes Rußland! Ein Rußland, welches die Hälfte der Welt umfaßt, ein altslavisches, demokratisch-soziales Rußland, mit dem Zaren an der Spitze!" rief Baworow. „Eine Republik, oder Democ-soc, wie es 1848 hieß, , mit erblichem Präsidenten, bekleidet mit diktatorischem Ansehen — und — für die Menge — mit der Priesterwürde! Ich selbst bin von Adel," fuhr er fort,'„bei Euch aber gab, gibt und wird es niemals einen Adel geben! Ihr werdet Alle gleich werden, Angesichts der Knute!" Jakob erwiderte kein Wort. Der Rath Pikulinski zog sein Taschentuch heraus, als bereite er sich mindestens für einen Blutsturz vor, der ihn jeden Augenblick befallen könne. Sofronow war sichtlich unzufrieden mit dem Gange der Unterhaltung. Er stieß Baworow mit dem Ellbogen an und Beide wandten sich zu Musa. Jakob durchschritt ein paar Mal den Salon und entfernte sich stille. Der Rath beneidete ihn, aber er blieb noch, da es ihm Bedürfniß war, noch einigemal Ja! zu sagen. „Vergebung!" fragte Baworow. „Wer. ist der Herr, der eben fortging? Ist er wirklich Jude?" „Allerdings!" erwiderte Müsa. „Und Viele ihm Aehnliche finden Sie in Warschau!" „Auch mit denselben Grundsätzen?" „O nein! Sie sind sehr verschieden! Dies ist übrigens ein Idealist, ein Schwärmer, ein ganz außergewöhnlicher Mensch, der als Beispiel nicht dienen kann," entgegnete Sofronow, welcher ihn besser kannte. „Das ist die gefährlichste Sorte," flüsterte der Graf. „Zuerst muß er eigensinnig sein, als Mann von Grundsätzen und Ueberzeugungen. Sodann hat er in