Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 85 (26.10.1903)
- Date
- 1903-10-26
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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sich einen, verführerischen Mystizismus, umhüllt sich mit Spiritismus, und hält die Fahne der Wahrheit hoch und die der Moralität! Alles dies wirkt auf die Schwachen, also auf die Mehrheit ein, auf die Frauen, auf die Menge! Zum Glück ist er nicht Katholik! War' er dies, würde ich ihn augenblicklich wer weiß wie weit, verschicken! Einen Juden aber..." „Wissen Sie, Herr Graf," unterbrach ihn Musa dreist, „was die Israeliten in Warschau sind? Wie viel sie hier bedeuten? Würde es Ihnen gelingen, sie mitten in der scheinbar ganz gleich aussehenden Gesellschaft, zu unterscheiden?".- „Ich hörte immer, daß die hiesigen Feudalen einen erbitterten Kampf mit ihnen führten!" „Dies hat augenblicklich ganz aufgehört." „Aufgehört? Das wäre schlimm!" rief Baworow. „Man muß ihn durchaus erneuern, indem, man die Israeliten hätschelt und auszeichnet! Das alte Divide et im^era! thut immer gute Dienste!" „Das ist aber eine sonderbare Politik, immer Alles laut zu sagen!" warf Sofronow ein. „Wie Talleyrand! Nur auf diese Weise 'kann man die Leute noch täuschen. .Denn sie sind gewohntimmer etwas anders zu vermuthen! Laß sie vermuthen!" Man lächelte ein wenig. Der Rath meinte: „Ja! o ja!" und entschlüpfte. „Hören Sie, Sofronow!" flüsterte der Graf, als sie, nachdem sie sich verabschiedet, zusammen auf der Straße gingen. „Man muß dort Jemand sagen, daß man mir diesen Juden im Auge behält! Mir gefällt er nicht! Er steht mir Alles zu klar! Man muß ihn aber benutzen, für sich gewinnen und ausbeuten, zu irgend etwas ernennen, damit er mit uns gehe! Sonst, na! Sie verstehen mich! Sonst heißt es: „nach Pensa!" „Eh! Was ist das wieder!" entgegnete Sofronow. „Dies ist ein ganz unschuldiges Geschöpf! Alles lacht ihn hier aus. Einfluß hat er gar nicht. Er sitzt über dem Talmud, leidet am — Propheten. Ihn brauchen wir nicht zu fürchten!" „Na, ich liebe aber solche Leute durchaus nicht!" erwiderte Baworow. „Ist er etwa reich?" „Sehr reich!" „Umso schlimmer! Nicht auch ehrgeizig?" > „Durchaus nicht!" : * „Umso schlimmer! Womit gewinnt man ihn? Ist er etwa eine Memme?" . „Mir Meint es nicht!" „ „Ah! Dann nach Pensa! Nach Pensa Mit ihm ",Er ist aber durchaus kein Revolutionär!" „Das schadet nichts! Umso mehr muß er nach Pensa! Die Revolutionäre werden früher oder später die Unseren! Wir' drücken sie' an die Wand! Dies aber ist solch' ein Liberaler, ein Moralprediger, eine höchst schädliche Bestie! Immer legal! Gesetz! Gesetz!. Ich werde ihm schon sein Gesetz beibringen!. Das ist ein Mensch mit bestimmten Grundsätzen. Das nagt! und knappert immerzu in ihm, bis er sich festgenagt am harten Kerne! Den soll er mir aber nicht zernagen. Heut' gebt mir lieber solche Leute, wie diesen Pikulinski! Das sind Menschen! Oben noch Einige wie wir, in der Mitte die Menge, so wie er, und unten — das Lumpenpack! Dann wird Alles noch aut! Hurrah!" Jakob saß des folgenden Tages über Bar Maimon, in den er sich oft vertiefte, als ihm der Diener — und zwar der neue, denn der erstere hatte, obschon thränenden Auges, wegen der Mutter seine Entlassung gefordert — einen Gast anmeldete. Das hereingebrachte Billet, der auf die glänzende Karte mit vielen Schnörkeln sichtlich im theuersten Geschäfte gedruckte Name sagte ihm anfangs gar nichts. Jakob konnte sich seiner gar nicht erinnern: David S e e b a ch? Was ist das für ein David? Ich kenne keinen solchen David! Sei dem, wie ihm wolle. Jakob vermuthete einen. Glaubensgenossen und ließ ihn eintreten. Seine Brauen zogen sich jedoch zusammen, als er in dem Angekommenen den jungen David erkannte, den er in jenem Städtchen am Sabbat-Tische des Vaters kennen gelernt. Dieser halbzivilisirte Bauersmann erschien in übertrieben eleganter, sichtlich so tbeuer als möglich bezahlten Toilette, mit einem Stöckchen in der Hand und einem Lächeln auf den Lipven. Seit er sich Lia genähert und von deren unwürdiger Behandlung durch diesen Menschen erfahren hatte, wallte Jakobs Blut schon beim blosen Gedanken an diesen. Er hatte jedoch nicht einmal das Recht, ihm zu erkennen zu geben, daß er etwas von dieser schändlichen Geschichte wisse, und daher auch keine Veranlassung, geradezu unhöflich mit ihm zu verfahren. Verlegen, kalt, sehr kalt begrüßte er ihn von Weitem, ohne ihm die Hand zu reichen und ihm einen Sessel anzubieten.' David merkte sofort, daß er kein angenehmer Gast sei. Umso vertrauter aber warf er sich in einen Sessel, legte das Stückchen an die Lippen, drückte den Klemmer in das Auge und sagte langsam: „Sie wundern sich gewiß, mich hier zu sehen! In Ihnen verblieb gewiß' noch ein unangenehmer Eindruck seit Ihrem letzten Besuche bei uns, weil wir damals, ohne es uns näher zu überlegen, jenem armen Emigranten unsere Hülfe versagten, aber .. „Darüber fühle ich mich durchaus nicht gekränkt. Jeder handelt eben nach seinen Überzeugungen!"' (Fortsetzung folgt.) . . . DerantwortliLe Redaktion OScar Lehmann in Mainz. — Expedition deS Israelit". Schottstra^ Nr. 2. Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'scheu Hofbuchdruckerei Actien-Gefellschaft in Mainz.