Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 85 (26.10.1903)
- Date
- 1903-10-26
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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m arge« i«mh wwwwnwiwi Pfes rathen kann, und daß diese, Vermeidung auch möglich ist!" „Wieso?" fragte Vavorow. „Ja! o ja!" setzte der Rath mechanisch hinzu, fing aber sofort an zu husten, da er einsah, daß er zur Unzeit sich hören ließ. „Auf eine sehr einfache Art!" sprach Jakob. „Polen fordert gewisse ihm durch Traktate zugesicherte Freiheiten, zu denen es nach der Natur der Dinge und nach seiner Vergangenheit ein billiges Anrecht hat. Warum wollen die Herren diese nicht anerkennen, statt alles mit Gewalt und Terrorismus durchzusetzen!" „6oni,u!"rief Baworow achselzuckend. „Sie stehen auf schlechtem Grunde, mein Herr! Wir werden Polen gar keine Rechte zuerkennen, nicht einmal die angeborenen Menschenrechte! Wir sind die Herrschaft, die Macht! Für uns ist die erste und einzige Hauptsache, uns nicht besiegen und überwältigen zu lassen. es um Wahrheit oder Lüge sich handelt, wir müssen siegen! Das allein ist unsere heutige Aufgabe. Wir leben durch die Gewalt, wir bestehen nur durch sie; wir sind die Faust! Geben wir nur um eine Linie nach, so erkennen wir unsere Schwäche an. Dann aber hat Rußland auf der Welt nicht mehr raison d’etre ist es nicht mehr es selbst, verliert es das Hauptmaterial seiner Existenz, das, was über diese entscheidet!" „Ja! o ja!" rief getröstet Pikulinski mit tiefem Seufzer. . „Sie werden aber zugeben, Herr Graf," begann Jakob wieder, „daß Rußland sehr schwach ist, wenn es sich nur auf diese rohe Gewalt stützt!" „Aber wir hatten bisher," sagte Baworow kühl, „weder Zeit, noch Gelegenheit, anders zu verfahren! Wir müssen nehmen, was da ist und davon leben! Vielleicht erheben wir uns dereinst zu irgend einer anderen Mission. Heute ist unsere Sendung — die Faust!" ' „Herr Graf," sagte Sofronow, empört über diesen Cynismus. „Ich vermag nicht, dem beizustimmen, was Sie eben sagten! Wir haben doch auch flavische Traditionen..." „Ja! o ja!" sagte wieder Tetfe der Rath, indem er, wie gewöhnlich, dieses Wort in eine Lucke der Unterhaltung einschaltete. Diesmal aber verschluckte er es sofort und wandte sich, um eine Prise zu nehmen, dem Fenster zu, da er doch einsah, daß er vielleicht zuviel riskirt habe. Jakob wußte erst, nicht, was er zu einer solchen Theorie sagen sollte. Endlich erwiderte er: „Herr Graf, mir scheint. Sie unterschätzen Rußland etwas, wenn Sie es für so arm und schwach erklären. Eine Herrschaft, die sich nur auf die Gewalt stützt, ist sehr zerbrechlich. Das, was allein seine Macht beüimmt, ist der Geist, welcher es verbindet. Rechnen Sie nicht auf andere Elemente der Anziehungskraft, alsauf die materiellen Bande des blinden Gehorsams, so werden Sie sich verrechnen!" „Wie so?" unterbrach ihn der Graf. „Der blinde Gehorsam ist bei uns zunächst etwas mehr, als irgendwo anders. Denn er ist das National-Dogma. Wir erheben ihn zur Würde eines religiösen Aphorismus. Dann aber rechnen wir auf noch etwas mehr, was am besten auf die Menschen einwirkt: auf den Schrecken, das Geld, auf Orden und Rang, auf den Ehrgeiz!" „Also nur auf die menschlichen Schwächen?" fragte Jakob. „Allerdings! Denn nur an feiner schwachen Seite, an seiner Achilles-Ferse, läßt sich der Mensch fassen! All' Ihre schönen, moralischen, ideellen und geistigen Theorien sind lediglich Spielzeug für Kinder! Politiker und Staatsmänner müssen sich streng und einzig an die Wirklichkeit halten. Die Wirklichkeit aber zeigt mehr Fehler, als Tugenden bei den Menschen. Die Tugenden sind eine Komödie des Augenblicks, die Fehler die Grundsäulen des Lebens!" „Aber, Herr Graf!" meinte Musa voll Entrüstung, „das ist ja eine schreckliche Theorie!" „Damen dürfen Sie allerdings nicht hören!" antwortete höflich Baworow. „Ja! ja!" sprach diesmal laut Pikulinski, der Geschmack an dem Grafen fand und fühlte, daß er sich nicht kompromittier, wenn er ihm laut sein: „Ja!" zurufe. - ' Sofronow war betrübt und sichtlich bekümmert. Musa aber sagte: „Aber, Herr Graf, wissen Sie denn nicht, daß wir unsjetzt in Alles mischen, daß wir gewohnt sind. Alles zu hören und zu beeinflussen?" „Das ist eben das Unglück!" erwiderte Baworow. „Wozu laßt man Euch mit den schönen weißen Händchen in diesem Kehricht des Lebens wühlen? Wozu Euch mit Euren Parfüms in diese engen Küchen treten, in denen man die durchaus nicht wohlriechenden Arzneien gegen die Krankheiten der Menschen kocht?" „Ja! o ja!" meinte der Rath. „Herr Graf, aus Ihren Worten folgt, daß es beim Regieren des Landes und der Welt keine Moralität gibt!" bemerkte Jakob. „Früher sagte man: Moralität ist eine Rumfordsche Suppenbonne pour le peuple. In der Politik gibt es keine Moralität." „Ah!" rief Jakob. „Dann allerdings wollen wir nicht länger disputiren! Ich glaube an Moralität immer und überall, und so oft ich ihr Gewalt angethan sehe, erwarte ich angemessene göttliche Strafe!" „Göttliche Strafe?" fragte Baworow hohnlächelnd. „Wie so? Gibt es bei Euch noch einen Herrgott?" Und schnell fügte er hinzu: „Sie sind Katholik?" . . *•