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Der Israelit · 1903-10-26 · Heft 85 (26.10.1903) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 85 (26.10.1903)
Date
1903-10-26
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Hoheit über den Ausgang der Prager Belagerung so positive, optimistische Gewißheit habe, wozu es dann überhaupt nothwendig gewesen wäre, Prag so stark zu befestigen, wie es thatsächlich geschehen sei. Er lWallenstein) glaube zwar auch an die Möglichkeit, das Schicksal von Menschen und Staaten im Voraus aus den Sternen zu lesen, und wenn etwas Derartiges siattgefunden habe, so beuge er gern sein Haupt dieser höheren Macht; .aber darüber möge doch Se. Kgl. Hoheit Klarheit verbreiten. Auf dieses Drängen hin mußte nun der Statthalter den ganzen Vorgang aus der ersten Audienz des Prager Oberrabbiners erzählen, wie wir sie bereits kennen. Der Statthalter schloß seine Mittheilung mit den Worten: „Ich bin überzeugt, daß Niemand von uns das Anerbieten eines so ernsten, allseitig gebildeten und gottesfürchtigen Mannes von sich gewiesen hätte, wenn er sich bereit erklärt, als Geißel für die Wahrheit seiner Prophezeiung einzustehen." Ein allgemeines Erstaunen prägte sich auf den Zügen der Versammelten aus, aber keiner war mehr lonsternirt. als der Kanzler, der sich augenscheinlich überzeugen mußte, daß das, was er vor wenigen Stunden noch als eine lächerliche Unmöglichkeit erklärte, sehr wohl möglich war: man sprach in einem hochwichtigen, in der Hofburg unter Vorsitz Sr. Majestät abgehaltenen Ministerrathe vom Oberrabbiner von Prag! Und man sprach in einer Weise von ihm, die es nicht angebracht erscheinen ließ, bei dieser Gelegenheit etwas gegen seine Persönlichkeit zu sagen. Nichtsdestoweniger gestattete sich der Kanzler noch folgende Bemerkung, die aber von den Anwesenden mehr als eine Animosität gegen den Statthalter, als eine solche gegen den Prager Oberrabbiner aufgefaßt wurde: „Ich möchte es vor Sr. Majestät und dem ganzen Lande nicht verantworten, wenn wir unsere Entschließungen in dieser hochwichtigen Stunde von Einflüsterungen abhängig machten, die nur einen mysteriösen, der Geheimwissenschaft der Kabbala angehörigen Hintergrund haben." Damit war der Zwischenfall erledigt. — Der Kaiser hatte sich nur wenig aktiv an der langen Verhandlung betheiligt. Bei der Erwähnung des Prager Oberrabbiners hörte er den Ausführungen des böhmischen Statthalters aufmerksam zu. ohne jedoch durch ein Wort in die Debatte einzugreifen. Da Kaiser Ferdinand in die weitere Entwicklung der Lebensschicksale unseres Helden noch mit sehr harter Hand eingreifen wird, so dürfte es nicht ohne Interesse sein, uns über Ferdinands II. Stellung zu den Juden etwas eingehender zu informiren. Ferdinand II. bestieg ein Jahr nach Ausbruch des dreißigjährigen Krieges, also im Jahre 1619, den Kaiserthron und hatte denselben bis zum Jahre 1637 inne. Er war in erster Reihe katholischer Christ und sahte in diesem Sinne auch seine Kaiserwürde und sein ganzes Wirken und Walten auf. Sein ganzes Leben stand so ausgeprägt im Dienste der katholischen Kirche, daß man ihn „den Katholischen" nannte. Während er von katholischer Seite als Ideal eines Kaisers gefeiert wird, haben ihn protestantische Historiker scharf verurtheilt wegen der schonungslosen Härte, mit welcher er den Protestantismus bekämpfte. Die Protestanten beneideten sogar die Juden wegen der Kultusfreiheit, die sie unter Ferdinand II. genossen und sprechen dies in einer an den Kaiser gerichteten Bittschrift offen mit den Worten aus: „Die Juden dürfen trotz ihrer schrecklichen Lästerungen und wilden Schmähungen Synagogen haben."*) Wir besitzen eine Anzahl hochinteressanter Aktenstücke, welche die Gesinnung Ferdinands II. gegen die Juden in unzweideutigem Lichte darstellen. Aus denselben ergibt sich: Die Juden waren in religiösen Angelegenheiten vollkommen autonom; nach ihrem Gutdünken konnten sie über innere Fragen urtheilen. — Ohne Einwilligung des Kaisers durften sie nirgends im deutschen Reiche verjagt Und vertrieben werden, da, wo sie wohnten, konnten sie Synagogen haben, das erforderliche Veamtenpersonal anstellen und Vegräbnißplätze ankaufen. Schuldner wurden verhalten, die Pflichten gegen, ihre Gläubiger zu erfüllen. Es wurde nicht gestattet, daß während der Kriegszeiten die Juden mit Einquartirungen u. dgl. belästigt wurden. Ebenso mißbilligte es der Kaiser, daß Aufreizungen gegen die Juden flattsanden. In Uebereinstimmung mit seinen Vorgängern und mit den Aussprüchen der Päpste weist er das Vorurtheil zurück, als würden die Juden Chrifienblut gebrauchen. — Das Recht des Einzelnen wird in vollem Maße gewahrt und geschützt. Dabei ist hervorzuheben, daß die kaiserlichen Aeußerungen über die Juden von einen: wahrhaft religiösen Geist der Milde und Liebe durchweht sind. Wiederholt wird darin bemerkt. daß die Stellung der Juden eine sehr verkümmerte sei, da ihnen Handwerke zu betreiben nicht gestattet ist. Von den allgemein drückenden Gesehen waren die Hofjuden bis zu einem gewissen Grade ausgenommen. Sie durften sich freier bewegen, konnten überall, wo sie wohnten, Häuser ankaufen, und waren nicht mit Zöllen und Abgaben belästigt; die Juden-Abzeichen zu tragen war ihnen erlassen. Ferdinand II. achtete den patriotischen Eifer der Juden, die mit Gut und Blut für die Rechte des Vaterlandes einstanden und hat Jakob Bassowi unter *j Harter, Geschichte Ferdinands il 2/7 Bö. p. 218. - 55>S«S

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