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Der Israelit · 1903-03-30 · Heft 25 (30.3.1903) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 25 (30.3.1903)
Date
1903-03-30
Page
– (sequence 10)
Language
German
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haben aßet außerdem noch folgende Verbrechen auf dem Kerbholz: Erstens: Der Jugendgottesdienst, der von Rabbiner. Dr. Ungerleider festgesetzt worden, bot also nichts dar, was der Tradition widersprach. Aber weil Herr Dr. Ungerlerder deutsche Gesänge belassen und das Gebet um die Rückkehr nach Zion gestrichen hatte, mußte solchem Greuel Einhalt gethan werden. Die alte Legende, die seit iy2 Jahrzehnten nie und nirgends die geringste Klage hervorgerufen hatte,, mußte abgeschafft werden, da das Seelenheil der Jugend in Gefahr war! Das sind so ziemlich d'ie eigenen Worte des liberalen Anklägers; nur das also habe i ch gesperrt geschrieben, damit dem Leser die kindliche, treuherzige Naivität und 'die besondere Spezies von d*02t n:icx nicht entgeht, die darin hier so rührend zum Ausdruck kommt. Ich persönlich benütze den Anlaß gern, um einen Jrrthum, den ich einmal vor ca. 30 Jahren begangen habe, richtig zu stellen. Als damals dieser ehrwürdige Herr aus den Gefilden Rawitsch's hierherkam, war er, sein Name und sein Wirken, mir vollkommen fremd, was wohl noch manchem anderen ebenso gegangen ist. Aus völliger UnkenNtniß setzte ich ohne jede Absicht, wenn ich von ihm sprach, ein H vor seinen Namen. Ein Herr, der Herrn Dr. Ungerleider besser kannte, machte mich auf einen Fehler aufmerksam und fügte seiner Belehrung als mnemotechnischen Wink noch die Bemerkung bei: Herrn Dr. Ungerleider fehlt das nyn*n *n. Seitdem habe ich Herrn Dr. Ungerleider 'immer richtig genannt und taxirt, und daher mag es wohl kommen, daß feine Autorität mir nicht den vollen Respekt einflößt, wie unserem Liberalen, der ganz gewiß ein Stück Schweinefleisch, das ihm Herr Dr. Ungerleider kredenzte, für. einen Fisch oder sonst etwas deklarireN würde, was.der Tradition widerspricht. Wenn sich unser Liberaler die Welt ohne Herrn Dr. Ungerleider vorstellen könnte, wurde ich ihm sagen, daß man mehr Jahrtausende in hebräischer Sprache und um die Rückkehr nach Zion gebetet hat, als der Ungerleider'sche Jugend-Gottesdienst Jahrzehnte zählt, und daß selbst eine Autorität, wie die des Herrn Dr. Ungerleider diese Thatsache nicht aus der Welt schaffen kann. Aber ich will meine Perlen nicht vor Liberale werfen, die in ihrer Erregung bei dem Gedankey einer Auflehnung gegen eine fünfzehnjährige, unjüdische Tradition sich bekreuzen und dabei ganz die Rücksicht auf die mehr als fünfzehnhundertjährige jüdische vergessen. . Zweitens: Die konservative Mehrheit der Repräsentanten haben den Vorschlag des Vorstandes, Herrn Dr. Holzmann in die Schulkommiflion zu wählen, abgelchnt, weil er ihnen zu radikal ist, ebenso haben sie der Wahl des Herrn Benas Levy in eine andere Kommission aus demselben Grunde nicht zugestimmt. Endlich beabsichtigt sie, m der Kommission für das Waisenhaus, drei radikale Mitglieder durch solche zu ersetzen, welche für das traditionelle Judenthum eintreken, und überhaupt die Mitgkrederzahl zu vermehren. v Das alles ist nun in der That schrecklich, besonders deßhalb, weil die konservative Majorität der Repräsentanten durch diese Maßnahmen in der That zeigt, daß sie sich doch nicht aus lauter Böotiern und Phäaken zusammensetzt, wie sie unser Liberaler schildert. Sie sind so eigensinnig, keine liberalen Böcke zu Gärtnern zu machen; das ist unerhört. Und wenn sie gar das traditionelle Judenthum ausspielen, ' so kann das die Milch der liberalen Denkungsart in der That in gährend Drachengift umwandeln. „Welches traditionelle Judenthum meinen sie denn?" fragt unser Liberaler entrüstet, und man merkt ihm die Freude über den Trumpf an, den er ausgespielt zu haben glaubt. „Das vor 2000. Jahren, das vor 600, oder das vor 50? Sind diese Stürmer wirklich so unwissend, daß sie nicht ahnen, welche Wandlung das Judenthum, selbst das orthodoxe, ln den letzten Jahrzehnten erfahren hat?* „Nein, lieber Mann, so unwissend sind sie nicht, wie Sie dieselben gerne haben oder doch hinstellen möchten. Sie gehen sogar auf Ihren Spaß ein. wenn nach demselben das Judenthum in den jüngsten Jahrzehnten wirklich wandelbar geworden ist, so werden sie sich wahrscheinlich für das von vor 500 oder vor 2000 Jahren entscheiden. Vielleicht findet sich in dem Gesetzbuch von HammNrabi eine Agende für babylonischen Jugend-Gottesdienst, dann wird es selbst Herr Rabbiner Dr. Maybaum in Ordnung finden, wenn sie noch ein paar taufend Jährchen zurückgehen und direkt aus der heidnischen Quelle schöpfen, aus der nach seiner Lehre ja die jüdischen Bräuche und Satzungen sowieso geschöpft sind. Jedenfalls können Sie ihnen unbesorgt die Suche in den Jahrtausenden nach einem passenden Judenth'um Werlassen; sie werden schon eins finden, zuMal es in jeNer Zeit kein zweites gab. Aber wenn die Konservativen auf den liberalen Leim gingen, unseren Neologen die Wahl des einzuführenden, offiziellen Judenthums zu überlassen, das gäbe eine nette Konfusion!' Sollen sie das aus der Johannes-, oder das aus der Oranienbürgerstr. für offiz. alleinseligmachend erklären, mit oder ohne Sonntagsgottesdienst, mit oder ohne Schinken, und wie die ethischen Kulturzuthaten alle heißen, die diese diversen ModeuNd Afterjudenthümer charakterisiren? In Mannheim, in Aachen, in Westfalen und in Hamburg, haben unsere Reformjuden, die sich heNte mit Vorliebe liberal nennen» ihre besonderen Gebetbücher und Kulte, was nicht nur auf ein Speziaijudenthum, sondem auch auf einen separaten Gott schließen läßt. Hätten die. Liberalen

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