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Der Israelit · 1903-03-30 · Heft 25 (30.3.1903) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 25 (30.3.1903)
Date
1903-03-30
Page
– (sequence 9)
Language
German
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44» Jcchrgang. Wl- Berliner Brief. Berlin, 27. März. Fürchten Sie nicht, daß ich Ihnen mit Bibel und Babel komme, wenn ich Ihnen nach langer Unterbrechung wieder einmal schreibe. Man braucht hier im modernen Babel, keine Streifzüge in's alte, zu unternehmen, um auf babylonische Verwirrungen zu stoßen. Sie drängen stch einem ungesucht auf. Aber „wenn am Missouri alles schwiege," wenn der Kladderadatsch ernst geworden und . der „Ulk" zum Range des „Reichsanzeiger" fort- oder rückgeschritten wäre, wenn — um hübsch auf jüdischem Gebiet zu bleiben — die hiesige jüdische Gemeinde jüdisch geworden, und unter ihren Rabbinern es keine verkappten Delitzsche mehr gäbe, wenn es in den jüdischen Spitälern und sonstigen jüdischen Anstalten jüdisch zuginge, und kein jüdischer Seelsorgermehr einer auf jüd. Friedhof beerdigten Christin die Messe lese oder Kaddisch nachsagen würde, wenn auf den Tischen uns. Rabbiner kein Caviar mehr zu sehen, wenn unsere.jüd. Liberalen die antisemit. Devise „Wählt keinen Juden!" nicht länger mehr,- sobald es sich um jüdische Gemeindewahlen handelt, zu der ihrigen machten, kurz, wenn alle über Nacht, wahrhaftig, ehrlich, vernünftig, mit einem Wort, jüdisch dächten und handelten, ein einziger Zufluchtsort würde der Confusion der Begriffe doch für alle Zeit bleiben, ich meine den 67jährigen, immergrünen Felsblock, an dem sich alle Vernunft beharrlich bricht, das „Unparteiische Organ für alles jüdische Interesse", die „Allgemeine Zeitung des Judenthums". Sie gibt allwöchentlich eine Purim-Nummer aus und macht sich so durch die Heiterkeit, die sie mitten im Ernst der Zeit weckt und dauernd erhält, in hohem Grade verdient. Allerdings ist sie ein „Unparteiisches Organ" nicht nur in dem Sinne geworden, daß sie sich nicht um die Parteien, sondern, daß auch keine Partei sich um sie kümmert; aber die Heiterkeit, die sie verbreitet, steht über den Parteien, ist überhaupt interkonfessionell und verträgt sich daher ganz gut mit dem Programm, das sie an der Stirne trägt. - Wenn sie das ganze Jahr in diesem Sinne thätig ist, so kann man sich denken, was erst in der Nummer herausschaut, die unmittelbar vor Purim erscheint. In einem Aufsatz „Die letzten Sitzungen der Berliner Repräsentantenversammlungen" quittirt da „Ein Liberaler" über den Verdruß und Aerger, den der wachsende Einfluß d-r Orthodoxen, oder wie man hierzulande sagt, der Konservativen, einem liberalen Gemüthe bereitet. — Schon beim Lesen der Ueberschrift fuhr mir. ein jäher Schreck durch die Glieder, denn mir sielder Berliner Schusterjunge ein, der auf die Frage, " wann der letzte Zug nach Potsdam gehe, antwortete: „Das erleben wir alle zwei nicht." So .tragisch hat es der Fragesteller und auch unser liberaler Gemüthsmensch gar nicht gemeint, und darüber soll der geneigte Leser/ zunächst beruhigt werden, um ihn nicht ebenfalls einem unnöthigen Schreck auszusetzen. Er hatte nicht die letzten, sondern nur die jüngsten Sitzungen im Auge, und holt zu ihrer rechten Würdigung etwas weit aus. Nachdem er mit Aufgebot vielen Scharfsinnes nach'gcwiesen, daß man nicht nur die Sitzungsberichte, sondern auch über die Sitzungsberichte unserer Repräsentanten berichten dürfe, führt er den nicht minher geistvollen Nachweis, daß nur ein Liberaler, Fortgeschrittener und Radikaler ein richtiger Präsident dieser./erlauchten Körperschaft sein kann, daß aber ein Konservativer oder gar ein Orthodoxer schon von Gebürt aus für. dieses Metier verdorben sei. Ein Liberaler zitirt prinzipiell die Bibel nicht. Aber da sie, soweit sie von Babel redet; heute salonfähig geworden ist, hätte er aus.der. biblischen Darstellung des babylonischen ThurmbaNes leicht den Nachweis führen können, daß der bloße Eintritt des Göttlichen, das ja die Orthodoxen zu repräsesttiren vorgeben, verwirrend wirkt, und schon die alten babylonischen Freimaurer, die doch thürmhoch über den heutigen standen, aus Rand und Band.brachten Deßhalb hatte das göttliche .ttd ran sofort ism Dritte ntzvü tun rm> v'rr vcp* rch zur Folge; tout coirime'chez rons! Wenn es daher wirklich, wie unser Liberaler ausplaudert, unter dem Präsidium des Herrn. Güstad Löwenberg, im Sitzungssaal, recht tümültuarisch zugeht, und Zwischenrufe mit lautem Geplauder sich hören lassen, so darf man bei Leibe nicht an eine Ungezogenheit der liberalen Repräsentanten denken, die etwa, ihrem Vorsitzenden das Präsidium verleiden möchten, so wenig man bei Bullen eine Unhöftichkeit darin findet, wenn sie beim Anblick, eines rothe.n Tuches furibund werden. ' „Die Majorität ist daran schuld," meint unser liberaler Purim-Causeur, warum begeht sie auch eine solche Ungeheuerlichkeit, einen Orthodoxen ZuM Präsidenten zu wählen. ... . .. . Denn diese Orthodoxen sind gemein-gefährliche. Menschen, jedenfalls d i e. Orthodoxen, . aus welchen sich die hiesige Repräsentanten-Majorität zusammensetzt. Daß sie so frivol sind,, aus dem Schoße der orthodoxen Majorität.und Nicht aus dem der liberalen . Minorität, einen Präsidenten zu wählen, ist nur. e j.y e. Vlüthe aus dem tiefen Sumpfe, in den die Welt nn allgemeinen und die Repräsentantenversammlung ins--- besondere durch die bösen Orthodoxen gerathen ist. Sie

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