Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 61 (1.8.1904)
- Date
- 1904-08-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1301 „Me kommt dieses Fläschchen hierher?" wandte er sich an Selma. „die Tropfen sind doch nicht für Frieda verschrieben worden?" „Während ihrer gegenwärtigen Krankheit nicht." erwiderte Selma, „das weiß ich bestimmt. Tenn als wir Dienstag gegen Abend nach Hause kamen und ich Frieda, die sich bereits sehr unwohl zu suhlen schien, beim Ablegen ihres Jaquets behilflich war. hielt sic dieses Fläschchen krampfhaft in der rechten Hand. Plötzlich schleuderte sie es schaudernd von sich. (5 s fiel dort aus das Sovha und ich habe es dann hierher aus den Tisch gestellt." „Allmählich wird mir die Geschichte klarer," sagte der Professor, „aber ich muß mich doch überzeugen. Netzen Sie sich hierher an das Bett. Frau Müller und harschen Sie auf die Worte, die das arme Kind murmelt. ich werde Ihnen vermuthlich sehr bald den Kommentar dazu geben können." Er griff nach seinem Hute und empfahl sich, das Fläschchen hatte er zu sich gesteckt. Nach ungefähr anderthalb Stunden kam er zurück. ..Es ist. wie ich vermuthet habe. Dieses Fläschchen ist der Frau Griinwald zugestellt worden, die es. im Begriffe auszugehen, Dienstag Nachmittag persönlich übernommen hat. Bald darauf hat sie. wie Sie mir sagten, ihre Tochter getroffen und sich zum ersten Mal seit einer Neihe von Jahren, mit ihr unterhalten, hat ihr vermuthlich dasselbe gesagt, was sic mir geschrieben hat. dast sie' verhungern müsse u. s. w.. u. s. w. und bat. — das kann ich zwar nicht beweisen, bin jedoch fest davon überzeugt — bei dieser Gelegenheit dieses Fläschchen der Tochter übergeben, um dieselbe baldigst zu beerben." 'Frau Müller überlief es kalt, tiefe Blässe überzog ihr Angesicht. „Ich glaube in der That. Herr Profcffor. daß Sie recht haben. Wiederholt ist es mir ausgefallen.. daß Frieda, wenn sie die Augen offen hat. nicht zu bewegen ist, die Tropfen zu nehmen, die der Arzt ihr verschrieben hat. Man;|.irf nicht morden! flüsterte sie jedesmal, auch nicht sich selbst." „Sehen Sie, das ist's. Das verruchte Weib hat aus Habgier der Tochter einen Selbstmord zugemuthet. und diese in ihrer Hochherzigkeit hätte sich geopfert, doch ihre aufrichtige Religiosität hat sie gerettet. Die begreifliche Aufregung hot sie auf's Krankenlager geworfen, doch ich hoffe, sic wird sich in einigen Tagen so weit erholen, um die Reise nach Davos antreten zu können. Ich habe Ihrem Herrn Sohn telegraphirt, ihn von der Erkrankung seiner Braut in Kenntnis; gesetzt u. ihn aufgefordert, sofort hcrzukommen, denn nach dem. was Frieda mir von ihm erzählt hat. halte ich ihn augenblicklich für den besten Arzt unserer Patientin. Ich hoffe mit Bestimmtheit, daß er heute Abend um acht Uhr eintreffen wird und werde ich ihn an der Bahn erwarten, denn mir liegt daran mit ihm zu sprechen und ihn eingehend über alles zu informiren. Er muß bei seiner Braut bleiben bis er dieselbe nach Davos begleitet und sich überzeugt hat. daß sie dort gut untergebracht ist. und wenn es ihn seine Stellung kosten würde, früher dürfen Sie ihn nicht fortlassen." Es war in der That merkwürdig, wie sehr sich der getaufte Professor für seine jüdische Mündel intcressirte, hätte es sich um seine eigene Tochter gehandelt. er hätte nicht mehr Sorgfalt bethätigen können. Er dachte an alles, sorgte für alles und ließ sich durch keine Rücksicht aus Unannehmlichkeiten, die ihm daraus entstehen könnten, zurückhallen. Und diese Unannehmlichkeiten waren zuweilen recht ernster Natur, die Eifersuchtsszenen. die ihm seine Frau bereitete, erschienen ihm zuweilen geradezu unerträglich. Steffi war zwar überzeugt, daß sie ungleich schöner war. als Frieda, aber sie wußte auch, daß ihre üppige Schönheit nie besonderen Eindruck auf Keßler's kühle Natur gelstacht hatte und gerade deßhalb hielt sie sich überzeugt, daß ihn Frieda's Genre, wie sie es nannte, entzückte. Oft hatte er schon an Trennung gedacht, aber die Verzweiflung seiner Frau, so oft er ein dahinzielendes Wort äußerte, hielt ihn zurück, und dennoch machte sie ihm das Leben oft geradezu zur Last. Nahezu drei Jahre waren verstrichen, seit Frieda's Vater die Augen geschlossen hatte. Die Gesundheit seiner Tochter hatte sich in dieser Zeit mehr und mehr gefestigt, ihre Formen halten sich geändert, die frühere Blässe ihrer Wangen war einem rosigen Schimmer gewichen, der sie noch ungleich lieblicher erscheinen ließ, als ehedem. Jetzt hatte auch der Vormund seine Zustimmung zu ihrer Vermählung erthcilt. die noch vor den Herbstfeiertag.'n stattsinden sollte, er hatte seine Gegenwart als selbstverständlich bezeichnet, was der Familie des Bräutigams keineswegs willkommen war, der Abtrünnige bei einem religionsgesehlichen Akt! Doch dagegen ließ sich nichts machen, das Brautpaar fühlte sich ihm allzusehr verpflichtet, hatte er doch wie ein Baker an der Braut gehandelt. Aber auch ihm selbst ward es gar seltsam zu Muthe. als er zum ersten Mal seit einer langen Reihe von Jahren sich wieder in einem jüdischen Gotteshause befand, im Kreise lauter Stammesgenossen. Und als der jüdische Seelsorger, der den Trauungsakt vollzog, loarme. innige Worte an das Brautpaar richtete, ihnen die Pflichten vor Augen führte, die sie mit dem heutigen Tage übernahmen und die Wonne einer echt jüdischen Ehe schilderte, da vreßte er unwillkürlich die Lipsten. fest aufeinander, als müsse er den Schmerzenslaut zurückhalten. der sich seinem Herzen zu entringen drohte, wenn er sein eheliches Glück mit dem verglich, das der Redner gezeichnet hatte. Und als dann in den ihm fremd gewordenen, doch einst so vertrauten Lauten die Segensprüche über das Brautpaar gesprochen wurden.