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Der Israelit · 1904-07-25 · Heft 59 (25.7.1904) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 59 (25.7.1904)
Date
1904-07-25
Page
– (sequence 11)
Language
German
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1261 währende Furcht vor den Juden ist viel qualvoller als der harte Druck, den man anwcndet, um uns niedcrzuhalten. Rußland erscheint dadurch als der größte Barbar vor ganz Europa und Amerika und darf die Beweggründe seiner angeblichen Barbarei nicht einmal angeben, wenn es sich nicht als inferior und impotent erklären will. Das Schlimmste aber ist, daß diese ganze Furcht unbegründet, daß es aber trotzdem unniöglich ist, sie den davon Betroffenen auszureden. Sie kennen nur den regen jüdischen Geist, aöer das warme jüdische Herz kennen sie nicht, das Gesetz der Thora, welches dem Ueberrest Israel verbietet, irgend ein Unrecht zu üben, ist ihnen fremd. Deßhalb fürchten sie uns. Was können wir uns selber und unserer armen Regierung unter diesen Umständen besseres thun. um sie von ihrer grundlosen Furcht zu befreien, als recht gute, brave, wackere, jüdische Menschen zu sein und zu bleiben?" Daß dieser Adel der Gesinnung thurmhoch über der gezeichneten chauvinistischen Revanchepolitik erhaben ist, bedarf keines Nachweises. Aber wenn man von dieser Gesinnung, wenn man vom religiösen Moment und allen hierhergehörigen Gesichtspunkten einmal absieht und nur den schlichten, nüchternen Verstand in's Auge faßt, so gewahrt man auf Schritt und Tritt, wie wenig auch seinen bescheidensten Anforderungen hier Rechnung getragen wird. Nur e i n Beispiel für viele. — Dieser Tage ging durch die Zeitungen die Mittheilung. Rußland suche bei französischen Bankiers eine neue Anleihe abzuschließen und sei bereit, dagegen seinen Juden werthvolle Zugeständnisse betr. ihrer Gleichstellung zu machen. Wenn der Pariser „Figaro" eine solche Ente in die Welt setzt, so weiß man schon, daß sie kein Erzeugniß judenfreundlicher Gesinnung ist. Daß aber auch jüdische Zeitungen davon Notiz nehmen, ist gerade unbegreiflich. Ob eine solche Absicht der russischen Negierung vorliegt oder nicht, bleibe einmal dahingestellt. Tie jüdischen Zeitungen, welche die Geschichte, obne sie zu widerlegen, bringen, müssen doch wohl daran glauben. Nehmen wir nun einmal an. die Sache habe ihre Richtigkeit. Rußland sei zu diesem Kuhbandes entschlossen und sei bereit, für ein unter günstigen Bedingungen gewährtes Darlehen seine Juden zu emancipiren. Wer das wirklich wünscht, kann der .Reali sirung dieses Wunsches nicht gründlicher schaden, als durch eine solche unzeitige Veröffentlichung, durch die sich Rußland dem Gespötte der aanren Welt vreisgibt. Der „Figaro", der das nicht wünscht, bat daher ganz Recht mit seiner Notiz. Aber daß wenigstens jüdische Zeitungen nicht auf den Leim gingen, sollte doch eigentlich selbstverständlich sein. Gewiß iit es selbstverständlich. Aber das Selbstverständliche ist so Violen -in Vergessenheit gerathen und unverständlich geworden, daß es bald nöthiz sein wird, in ernsten Zeitungen eine ständige Rubrik bereit zu halten, für Dinge, die sich von selber verstehen. Zettungsnachrichten und Eorrcspondenrer». Deutschland. Berlin. (Graf A. von Bernstorf über den Antisemitismus.) In einer der letzten Nummern des evangelisch-orthodoxen Wochenblattes ..Auf der Wacht", das sich die „Förderung und Pflege der Reichsgottesarbeit in allen Landen" zum Ziele gesetzt hat, sucht der Leiter der Zeitschrift, Graf A. von Vernstorff seine Leser über das Wesen des Antisemitismus aufzuklären. Nach einigen einleitenden Worten über die traurige Lage im Mittelalter und nach dem Geständniß: „Die Christenheit hat sich viel an diesem Volke versündigt", kommt er auf die Zeiten der Emanzipation zu sprechen. Er erkennt rückhaltlos an. daß die freisinnigen Parteien sich stets der bedrängten Juden angenommen haben. Dieser Judenfreundlichkeit der liberal denkenden Männer stellt Graf Vernstorff den Haß gegenüber, der die Bildung einer antisemitischen Partei veranlaßte. Er wirft nun die Frage auf: „Was ist das Nichtige?" und kommt dann, nachdem er eine Art Sonderstellung der Juden „biblisch" begründet zu haben meint, zur Aufstellung folgender Regeln für jeden evangelischen Christen: „Daß wir ihnen (den Juden) volle Freiheit der Ausübung ihrer Religion lassen, daß wir ihnen den Schuh der Gesetze gewähren, ja die gleichen staatsbürgerlichen Rechte, betrachten wir in unserer Zeit als selbstverständlich. Evangelische Christen sollten stets auf Seiten voller Religionsfreiheit sichen." Nachdem Graf Bernsiorff noch den Ursprung des Antisemitismus gestreift hat, faßt er seine Ansicht über diese „Bewegung" in folgenden Worten zusammen: „Aber der Weg des Antisemitismus ist sicherlich nicht der richtige. Es ist niemals christlich, nationalen Haß zu schüren, am wenigsten gegen dos Volk, dem der Herr so große Verheißungen gegeben hat und welches berufen ist. in der Geschichte des Reiches GotteS auf Erden noch eine große Rolle zu spielen. Wir faßten bisher unter dem Begriff Christen alle diejenigen zusammen, die, wenn auch nur äußerlich, zur christlichen Kirche schwören. Kommen wir nun aber schließlich zu den Gläubigen, so werden wir sagen müssen, daß ein solcher unseres Erachtens niemals Antisemit sein kann. Der Gläubige wird mit warmem Interesse daS Volk verfolgen, das nach den Verheißungen der Schrift

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