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Der Israelit · 1904-07-25 · Heft 59 (25.7.1904) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 59 (25.7.1904)
Date
1904-07-25
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1260 Brust, nach Hause zurück, wo die Landwirtschaft, das Geschäft, jeder Verkehr und Erwerb darnieder liegt, weil der Kriegsmoloch alles an sich gerissen hat. Die-! jenigen. die kurzsichtiger Weise aus Sympatie für die Juden den Russen in diesem Kampfe zu unterliegen ' wünschen, haben sich vielleicht selber noch nicht die Lage * der Tinge in concreto vorgestellt, die dann eintreten würde, wenn ihre Wünsche sich erfüllten. Wenn das ' unterlegene, gedemüthigte russische Volk unter den Trümmern seiner zerschlagenen Größe, mißmuthig statt noch einer neuen Zukunft, nach einem Prügelknaben ausschaute, dem cs alle Verantwortung aufhalsen könne, wie würden da die alten, professionsmäßigen! Hetzer breit stehen, um die Juden als solche zu denunziren! Hätten die russischen Juden eine so beschränkte.! schmalstirnige Denkungsart und Handlungsweise auch ' nur einen Augenblick acceptirt, dann hätten die Hetzer dieses Mal leichtes Spiel. Aber vor dieser Verflachung des Geistes und Verwilderung des Gemüths schützt die russische Judenheit ihr von den Vätern überliefertes, historisches Judenthum. Dasselbe macht die Anhänglichkeit des Juden an sein Vaterland nicht von der Liebe abhängig, die es ihm entgegenbringt. Es verbietet selbst die Geringschätzung des Egypters. weil wir in seinem Land als Fremdlinge lebten! Wie könnten russische Juden auch diesen Namen ferner in Ehren tragen, wenn sie nicht aufrichtig Theil an dem Unglück nähmen, das Volk und Land in diesem Augenblick heimsucht! Die Kenntniß der Thora, ihr geläuterter Geist, ihr Geist und Gemüth veredelnder Einfluß, durchdringt vielleicht nirgends so die breiten Volksschichten, wie im jüdischen Rußland. Das schützt sie vor dieser kleinlichen, gehässigen Gesinnung. welche den Zeitungspolitikern als Ausbund höchster Staatsklugheit gilt. Man muß nur das Glück haben, die geistigen Führer der russischen Judenheit. ihre Lehrer, ihre Führer und Berather, das sind ihre auf Thorakunde und Gottesfurcht ausgezeichneten Rabbiner, persönlich zu kennen, um die Sachlage in ihrem wahren Lichte beurtheilcn zu können. Von der Hingebung an den Fürsten, von der Treue zu dem Lande, von der Anhänglichkeit an das Volk und. dieser Theilnahme an dem Wohl und Wehe des Staates, wie sic^da verkörpert sind, hat auch der feurigste Patriot bei uns kaum eine Abnung. Diese Tugenden finden ihre Pflege aber nicht auf Grund irgend eines politischen Calcüls, sondern als Postnlate des Gottesgesetzes, welches das Leben von der Wiege bis zum Grabe durch unverbrüchliche Normen regelt und ohne Rücksicht auf Sympathien oder Antivathien verlangt: „Fördert das Wohl des Staates, in den ich euch gewiesen habe." Das Regime dieses Gottesgesetzes bewirkt, daß denjenigen, die es treu erfüllen, selbst die bedauerlichen legislatorischen Mißgriffe in einem milderen Lichte erscheinen. durch welche die russische Judenheit so unsäglich leidet. Niemand fühlt dieses Weh so in seiner ganzen unfaßbaren Tiefe, als die geistigen Führer der russischen Judenheit. als ihre großen Rabbiner. An ihren Hellen Geist, an ihr edles Herz, an ihre hilfbereite Hand, appelliren die Gedrückten und Gebrochenen in erster und letzter Reihe um Rath, um Trost und Hilfe zu suchen. Sie fühlen das Weh und den Bruch ihres Volkes tiefer und nachhaltiger als irgend ein anderer, und dennoch verstehen sie selbst diesem Nachtstück mit seinen Schatten und Schrecken einen Lichtschimmer abzugewinnen. Einer dieser großen Geistesführer kam eben unbefriedigt von einem Bittgang zurück, den er zu einem der Mächtigen gewagt hatte, um für eine besonder» drückende Calamität Abhilfe zu bitten. Ein Federzug des Ministers hätte genügt um zu helfen; er wurde verweigert. Jetzt glaubte ich den russischen Rabbiner, in der rechten Stimmung über seine Regierung und ihre harten Maßnahmen seinen Unmuth ungezügelt zu äußern. Dieser aber bemerkte mit seiner abgeklärten Lebensweisheit: „Wenn wir das Buch Jjob lesen, erfüllt uns Theilnahme und Mitleid mit dem schwergeprüften Dulder. Erst der tiefe Blick des Talmud erinnert uns daran, daß der Satan noch mehr als sein Opfer gelitten habe. 2''« Vo -.xp }W bv n« V“:. Dasselbe gilt auch in unserem Falle. Die russische Judenheit leidet schwer durch die Negierung, aber die Regierung leidet noch mehr durch die Juden. Sie sind beide ein Rachmonus, aber die Regierung ist das größere, mit der man daher ehrlich Mitleid haben muß. — Unsere Regierung, sämmtliche Minister bis hinauf zum Zaren, kennen die unhaltbare Lage der Juden im russischen Reiche. Alle wissen, daß durch Gewährung von Freizügigkeit, durch Abtragung der bestehenden Schranken und Aushebung der unglücklichen Ausnahmsgesetze den Inden geholfen wäre. Die Herren sind auch keine rohen, ungebildeten Menschen und Judenfresser. Mas sie zurückhält. das erlösende Wort zu sprechen und die befreienden Maßnahmen zu treffen ist nicht Judenhaß, sondern Judenfurcht. Sie fürchten die Juden, ihre geistige Ueberlegenheit, ihre Rührigkeit, ihre Nüchternheit und Ansprnchslostgleit und glauben; die Juden würden, wenn man sie ihre Kräfte frei entfalten ließe, in wenigen Jahren das ganze russische Volk beherrschen. Das gesteht man offiziell selbstredend nicht ein. aber in Privataudienzen ist es mir schon oft mittelbar und in der jüngsten Audienz ganz unmittelbar eingeräumt worden. Was liegt aber darin für eine glänzende Anerkennung des jüdischen Namens! Im Vergleich zu den Hunderten Millionen, die das weite russische Reich bevölkern, sind wir Juden doch eine verschwindend« Minorität. Und diese Millionen fürchten die geistige Ueberlegenheit dieser Hand voll Juden! Diese fort»

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