Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 59 (25.7.1904)
- Date
- 1904-07-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2449986-2450041--61103-2522176- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
45. Jahrgang. eilige zu Jß 58 des At M« SÄ Kl ZsMLrsMk Krieg. Es gibt viel selbstverständliche Dinge, über die man wegen ihrer Selbstverständlichkeit eigentlich kein Wort verlieren sollte und die dennoch nicht verstanden, jedenfalls nicht beherzigt und so wenig in ihrer Bedeutsamkeit gewürdigt werden, daß man wohl ein Wort darüber sprechen mutz. As diesen Dingen gehört auch die Stellung, welche wir Juden in dem Kriege einzunehmen haben, der gegenwärtig zwischen Rußland und Japan geführt wird. Dieser Krieg hält die ganze Welt in Allarm. die jede einzelne Phase mit höchster Spannung verfolgt. Aber selbst die stärksten Weltmächte, die.an dem Verlauf und Ausgang dieses Krieges das lebhafteste unmittelbare Interesse haben, glauben ihren Interessen am besten zu dienen, wenn sie ihre Sympathien und Antipathien für sich behalten, wenn sie sich auf keine der kämpfenden Seiten stellen und gewissenhafte Neutralität beobachten, nicht nur in Thaten, sondern auch in bloßen Worten. Wenn das die Großen und Starken thun, so liegt e» auf der Hand, wie kurzsichtig die Kleinen und Schwachen handeln würden, wie unklug also auch wir Juden wären, wenn wir diesem Beispiele nicht folgten, und unsere Parteinahme für die Russen oder Japaner ungefragt in ostentativer Weise aller Welt verkündeten. Aber wohlgemerkt: das gilt nur für die Juden im allgemeinen, soweit sie nicht in Rußland oder Japan heimisch sind. Die Juden, die in Rußland und in Japan wohnen, wären schlechte Söhne ihres Vaterlandes, wenn sie in diesem Kampfe neutral bleiben wollten, wenn sie nicht mit Gut und Blut für ihr Land eintreten würden. Das ist wiederum selbstverständlich. Trotzdem habe ich in einer jüdischen Wochenschrift es kürzlich als Heuchelei. Schmeichelei und wer weiß als was noch alles versehmt'gefunden, daß in Jerusalem jüdische Männer aus Rußland öffentliche Gebete für den Sieg der russischen Waffen angeordnet haben. Ich schließe hieraus und aus einer großen Zahl ähnlicher Erscheinung auf eine Konfusion der Begriffe, die einige nüchterne, orientirende Bemerkungen geboten erscheinen lasse». Da ich nicht weiß, ob es in Japan heimathberechtigte Juden und in der japanischen Armee jüdische Soldaten gibt, so sehen diese Betrachtungen von den etwaigen japanischen Juden ab. Es handelt sich hier zunächst um die Stellung, welche den russischen und außerruffischen Juden durch das Gesetz der Thora, das Landesgesetz und die politische Einsicht und Besonnenheit vorgeschrieben ist. Es gibt viele Leute, welche sich der bisherigen russischen Mißerfolge in diesem Kriege freuen, weil sie darin eine himmlische Vergeltung der Schwierigkeiten und Härten erblicken, unter welchen die Juden Rußlands leiden. Es ist das eine billige Gefühlspolitik, mit der man aber recht haushälterisch umgehen sollte, besonders wenn man die höhere, göttliche Weltordnung und Buchführung in eine Angelegenheit mit hineinzieht, in der das letzte Wort noch nicht gesprochen-ist. Denn was werden die weisen Politiker sagen, wenn am Ende doch die russischen Waffen den Sieg davon tragen? Aber auch davon abgesehen, zeugt diese Denkweise nicht für eine besondere Tiefe dre Auffassung. — Man muß in Rußland sehr wohl zwischen dem russischen Volke und der Regierung unterscheiden. Das russische Volk hat sich mit den Juden immer gut vertragen und wo es sich zu Gewaltthätigkeiten gegen sie Hinreißen ließ, wurde es eben durch Verführung und Aufstachelung hingerissen. In Rußland leiden nicht nur die Juden durch Plackereien, Beschränkungen lind Ausnahmsgesetze aller Art, sondern die große Masse des eigentlichen Volkes seufzt nicht weniger unter der allgemeinen Korruption, durch die ganze Gesetzgebung und durch geldgierige, das Mark des Volkes aussaugende Beamte. Mehr als' die Regierung, mehr als das Prestige des russischen Reiches, leidet durch diesen Krieg das gesammte russische Volk einschließlich der Juden. Ungezählte Düsende jüdischer Soldaten kämpfen auf dem ostasiatischen Kriegsschauplätze Schulter an Schulter mit den übrigen Söhnen des ganzen Volkes im russischen Heere. Wer den russischen Juden gut will, kann dem russischen Volke nichs Böses wünschen, und wer den Russen Mißerfolge wünscht, hat sie auch den russischen Juden gewünscht. Es gibt nun freilich übereifrige Bierbankpolitiker. die bei den Niederlagen^ die sie den russischen Waffen wünschen, nur an die russische Diplomatie und Strategik. kurz an die Negierung, die offizielle Vertretung Rußlands denken. Diese Leute erinnern mich an jenen Heißsporn, der um das ihn belästigende Ungeziefer gründlich zu vernichten, sein Haus in Brand steckte. Das Ungeziefer wurde so richtig verbrannt, aber das ganze Haus auch. Alle Fiasko's. alle Echec's und Niederlagen, die der Krieg Rußland bereits gebracht hat und noch bringen kann, treffen die russische Politik, den russischen Nimbus, die russische Großmachtstellung nicht so empfindlich, als das russische Volk und mit ihm; bie russischen Juden. Ihre besten Söhne verbluten auf den Schlachtfeldern, oder kehren im günstigsten Falle als Krüppel, mit dem Krankheit?- u. Todeskeim in der