Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 59 (25.7.1904)
- Date
- 1904-07-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1267 Doch auch ihre Mutier stand noch immer auf derselben Stelle, als hätte ihr Fuß in die Erde Wurzeln geschlagen, und ihre Augen starrten in verzehrender Gluth dem Wagen nach, der diejenige barg, die die eigene Mutter dem Tode geweiht. Bereute ste. was sie gethan? — regte sich in ihr doch noch das Mutter gcfühl? Einen Augenblick schien es so. hastigen Schrittes eilte sie dem Wagen nach. Dann aber blieb sie stehen, zögernd, sinnend, grübelnd — jetzt aber, wie von den Furien des Gewissens gepackt, stürzte sie wieder vorwärts, es war ja doch ihr Kind! — ihr Kind! — ihr hochherziges Kind, denn nur einem solchen hatte sie das Grauenvolle zumuthen können. — Nein! nein! es war zu entsetzlich! sic durste es nicht opfern, nicht morden — sie mußte ihr das Fläschchen wieder entreißen! — Doch da stand sie schon wieder und schalt sich wegen ihrer Schwäche. Was wollte sie denn anfangen, wenn Frieda am Leben und im Besitze des Vermögens ihres Vaters blieb? Wer würde ihre luxuriösen Toiletten zahlen, wenn die ihr gesicherte Rente nicht dazu hinreichte? Wie würden ihre Söhne dereinst standesgemäß leben können? — Und wie konnte sie die Kirche mit Gaben bedenken? Woher auch nur einen anständigen Peter spfennig nehmen? Nein. nein, sie hatte recht gehandelt, sie durfte sich nicht von ihrem allzu weichen Herzen leiten lassen. — Was war's denn auch für ein Unglück, wenn ein siebzehnjähriges Mädchen zu Grabe getragen würde? Sie würde ihr einen prachtvollen Kranz auf das Grab legen und würde sich erkundigen, ob sie nicht auch Seelenmessen für das ewige Heil der Heimgegangenen lesen lassen könne. Sie wollte nichts sparen, wollte sich's was kosten lassen. Und die Kirche wollte sie bei der Gelegenheit auch reichlich bedenken, das würde alles der armen Seele zu Gute kommen. O, für das Seelenheil ihres Kindes wollte sie beten, so viel beten. — Aber warum stand sie denn noch immer da, mitten auf der Landstraße? — Sie mußte über sich selbst lächeln, was war sic doch für ein schwachher.ziaes Geschöpf! Entschlossen wandte sic sich um und trat den Heinnoeg an. Das war das Einzige, was sie thun konnte. Jetzt hieß es warten, tvarten der Dinge, die da kommen sollten. Seltsam, wie das Herz ibr pochte. — Ging sie vielleicht zu rasch? — Dämmerung war hercingebrochen, der Abend nabte. Dennoch mäßigte sie die Raschheit ihrer Schritte, denn das unruhige Pochen ihres Herzens begann ihr peinlich zu werden. Selig sind die. die jung sterben, denn ihnen ist das Himmelreich. Wo batte sie das doch gehört oder gelesen? — Sie hatte ihre Wohnung erreicht, die schönen Räume waren freundlich erhellt, behaglich erwärmt. Einige Besucher waren da gewesen, aber sie waren , wieder sortgegangen. Schade, schade — Frau Grünj wald war grade heute ungern allein. Am liebsten! hätte sie ihren geistlichen Bcrather bei sich gesehen. — | Doch nein, vielleicht war es besser, daß er grade im! Augenblick nicht da war. — Man konnte ja doch nicht wissen. — Freilich, verschweigen würde sie ihm nichts, beichten kann man alles, und sie war auch überzeugt, - sic würde Absolution erhalten, reine Buße würde ihr! zu schwer sein. Aber es ist ein großer Unterschied, zu j beichten, was man gethan'hat, oder zu beichten, was j man zu thun im Begriffe ist, was man möglicherweise! noch ungethan machen könnte. Ob es schon geschehen war? — ob Frieda die todtbringenden Tropfen schon genommen hatte? Sie griff nach einem interessanten Buch, das aufgeschlagen auf dem Tische lag. und versuchte zu lesen. Aber es ging nicht, es flimmerte ihr vor den Augen und mochte sie aufschlagen, welche Seite sie wollte, überall las sie' Alle drei Stunden 15 Tropfen. — Unsinn? das stand doch nicht in dem Buche, das wußte sie ganz bestimmt, das stand auf dem Fläschchen, das sie Frieda gegeben und ihr empfohlen hatte, es ganz zu leeren. — Das mußte rasch wirken, das arme Kind durfte nicht lange leiden. — Wenn sie nur wüßte — wenn sie nur wüßte. — Sie hatte das Buch bei Seite geschoben, hatte sich erhoben und tvandelte nun im Zimmer auf und nieder, unablässig auf und nieder. Wenn sie nur wüßte — wenn sie nur wüßte — Aber sie mußte es wissen, um jeden Preis! — sie konnte die Ungeivißheit nicht länger ertragen. Sie drückte an den Schellenlnopf, das Hausmädchen, das schon seit zehn Jahren in ihren Diensten stand, trat in das Zimmer. „Die gnädige Frau scheinen sich nicht ganz wohl zu fühlen." „Ihrem Scharfblick. Anna, entgeht doch nichts," entgegnete die Herrin leutselig, „und wenn ich etwas diskret besorgt haben will, lasse ich es am liebsten von Ihnen besorgen." „Bon meiner Diskretion können die gnädige Frau überzeugt sein." „Das weiß ich. Und Sie haben recht, Anna, ich fühle mich durchaus nicht wohl, denn das Herz ist mir sehr schwer. Ich bin nämlich vorhin meiner Tochter begegnet, und ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie elend das arme Kind aussieht, ganz schrecklich, als müßte man sie gleich in's Grab legen." Anna wiegte staunend das Haupt. „Und das hat die gnädige Frau so mitgenommen? —" „Wenn Sie das arme Kind gesehen hätten, «oiirden Sie sich nicht wundern. Ich wäre gern mit ihr nach Hause gegangen, aber sie wohnt wieder da draußen bei den Derwaltersleuten. die mir von jeher so unsympathisch waren."