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Der Israelit · 1904-07-25 · Heft 59 (25.7.1904) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 59 (25.7.1904)
Date
1904-07-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
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1259 schwere Kämpfe kosten wird, die Bewegung in neue Bahnen überzuleiten, ist angesichts der allzunarken programmatischen Betonung des topographischen Endziels nicht zu leugnen, und sicherlich wird ein Theil der bisherigen Anhänger ohne weiteres abfallen. Denn die orthodoxen östlichen Massen — die Misrachi — die in ihren heinlifchen oder überseeischen Ghetti nur wegen der erhofften Rückkehr nach Zion zum Zionismus sich bekennen, sie stehen und fallen mit Zion. Ihr Zionismus war nie etwas anderes, als das alljährlich am Paffahfeste in vollster Ueberzeugung ausgesprochene Gebet des gläubigen Juden- „Ucber's Jahr in Jerusalem!" Daß eine Organisation gedruckter und geknechteter Massen nothwendig ist, mag es sich nun um Proletarier oder um eine nationale Bewegung bandeln, steht wohl außer Zweifel. Wenn nun diese Organisation nur durch Schlagworie erreichbar war. die in praxi wenig oder selbst keine Verwirklichung finden können, so wird man dies Herzl ebenso wenig wie Marx v rargen. vorausgesetzt. daß die entstandene Bewegung in realere Bahnen Lbergeleitet und das ihr innewohnende sittliche Moment zum Kern der Bewegung gemacht werden kann. Der sittliche Gehalt jenes Zionismus, von dem Syrkin, der geistvolle Uebersetzer der Werke Tolstois, mit Recht einst sagte, „daß für ihn Palästina ebenso unwesentlich sei. wie es Amerika für Jkarien und Afrika für Freiland war." jenes Zionismus. ..der nicht den Juden im Juden zur Ehre bringen will, sondern vielmebr den Menschen im Juden." jenes Zionismus, der „in seinem Judenantlitz der Welt der Stärkeren zum Trotz sein Menschenthum erringen möge," diesen Zionismus wird der Kenner der osteuropäischen Judenmassen nur mit Genugthuung begrüßen müssen. Sofern der Zionismus eine nationaljiidische Bewegung innerhalb der assimilirten und assimilirungspflichtigen Juden der westlichen Kulturländer angestrebt hat. muß man ihn wie jede nationale Bewegung, der weder politische, noch kulturelle Aktualität zu Grunde liegt, rundweg verdammen. Heute aber sollte lediglich die Wirkung des Zionismus vom Standpunkte der Erfolge betrachtet werden. die er bei den nach Bildung und Kultur dürstenden Massen des Ostens hatte, die in wirthschastlicher und geistiger Noth verkommen müßten, wenn sie, vor allem deren jugendlicher Theil. nicht eine vor dem Versumpfen rettende ideale Begeisterung - - sei es von wo immer — empfangen. Ob Herzl gerade daran gedacht hatte, als er die Bewegung rn's Leben rief, will ich heute nicht ergründen. Unermeßlich aber ist der Segen, welchen der Zionismus auf die glänzend begabten slavischen Jvdevmaffen thatsächlich bereits ausgeübt hat. denen er Hoffnung. Menschenwürde und Schaffensfreudigkeit fast mit einem Schlage wieder verlieh. Dies wird man anerkennen müssen, auch wenn man in den Geistes- und Kunstprodukten vieler junger jüdischer Elemente des Ostens nicht die von den Zionisten gewähnte „jüdische Moderne", sondern nur moderne Juden erblickt. Und bei aller berechtigten Aversion gegen nationaljüdische Bewegungen innerhalb der westlichen Kulturländer wird doch kein Kcnner der Verhältnisse in Verlegenheit sein, wo er mehr sittlichen Gehalt zu suchen haben wird, ob beim getauften oder beim nngetauften jüdischen Assessor, der sich feige demüthigt und kein größeres Bestreben kennt, als sein Judenthum zu verstecken, oder bei der wehrhaften jüdischen Studentenschaft, die im Hörsaal, wie auf dem Fechtboden ihren Mann mindestens so gut zu stellen weiß, wie ihre oft im Alkoholmarasmus erstickenden christlichen Kollegen. Daß der abgeklärte Jude des Zionismus nicht bedarf. um sein Judenthum neben seiner Nationalität zu bewahren, braucht man wohl nicht zu betonen, mag die Assimilierung noch so schwergemacht werden. Was aber den einzelnen abgeklärten Juden in Westeuropa möglich ist. das ist den großen, in geistiger wie wirthschaftlicher Roth dahinlebenden östlichen Massen nicht möglich. Diese brauchen ein Begeisterungsideal, das sie bis an die Schwelle einer besseren Zeit, d. h. bis zur Assimilirnngsmöglichkeit im Lebenskampf aufrecht halt. Und wenn sie es im Zionismus gefunden haben, so muß man es mit Dankbarkeit begrüßen. An den Nachfolgern Herzls wird es aber sein, jene Programmpunkte. die nur ihre Organisations-Schuldigkeit zu leisten, hatten, unbekümmert um Inkonsequenz und den Abfall mancher Anhänger, ehebaldigst zum alten Eisen zu werfen. Daß Herzl selbst, der trotz seines scharfen Verstandes immer ein ästhetischer, von Phantastereien nicht freier Kopf war. sich schließlich selbst berauschte und von der Richtigkeit der gewählten Mittel so überzeugt war. daß er in Basel allen Ernstes sagen konnte: „Das Signal zum Aufbruch können wir Euch noch nicht geben." wer wollte ihm dies verargen? Zumal er — so unglaublich es klingt — fast keine Kenntniß von Juden und Judenthum besaß. Hatte er sich doch früher nie mehr mit dem Judenthum befaßt, als daß er in charaktervoller Weise seinem Glauben treublieb. Die Juden selbst, vor allem aber die eigentlichen Träger der zionistischen Bewegung, jene osteuropäischen Massen, diese hatte er weder geahnt, noch gekannt. Als ich ihn wenige Monate vor seinem Hinscheiden mit Bamberger verglich, dessen Vertrauen in Bismarcks Gesinnungen Bennigsen einst mit den Worten begegnete: „Sie kennen die preußischen Junker nicht!" und in analoger Weise zu Herzl sagte: „Sie kennen die Juden nicht!" da flog — wohl in Erinnerung an den letzten Baseler Kongreß — eine Wolke über seine Stirn, er wurde ernst und schwieg. Und als ich dann im Laufe des Gesprächs zu ihm bemerktes „Gestehen Sie doch selbst ein, däs^ was Sie am meisten verletzen würde, wäre doch, wenn man Ihnen mit Recht vorwerfen könnte, daß Sie kein

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