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Der Israelit · 1904-07-25 · Heft 59 (25.7.1904) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 59 (25.7.1904)
Date
1904-07-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1252 Als ich Herz! nun anläßlich seines Besuchs u. a. auf diese, noch vor so kurzer Zeit von ihm geschriebenen Worte aufmerksam machte, hielt er einen Augenblick inne und rezitirte dann folgendes Gedichtchen Heyses: „Wer heute klüger ist als gestern Und es mit frohem Muth bekennt. Den werden die Biedermänner lästern Und sagen: er sei inkonsequent." Da konnte ich nun allerdings nichts mehr antworten. Die dona lides seiner Ueberzcugung durfte ich nicht bezweifeln, und mit Vernunftgründen zu entgegnen, wäre umso weniger am Platze gewesen, als die zionistische Bewegung inzwischen eine ungeahnte, geradezu lawinenartige Ausdehnung genommen und mehrere Kongreffe gezeitigt hatte, auf welchen Juden aus allen Ländern der Welt allen Ernstes und in größter Begeisterung sich mit der Wiederausrichtung eines selbstständigen jüdischen Staates beschäftigten. Und thatsächlich schien in Folge der Schritte, die Herzl bei der türkischen Regierung unternommen hatte, jene Verwirklichung in nicht zu weite Ferne gerückt zu sein. Hatte doch der Sultan warmes Intereffe für die zionistischen Bestrebungen gezeigt. Nur »nenige Jahre vergingen und die türkische Negierung gab offiziell bekannt, daß sie nicht in der Lage sei, die Errichtung eines selbstständigen jüdischen Staates in Palästina zu gestatten. Mit diesem Augenblick war denn auch begreiflicherweise der Höhepunkt für die zionistische Agitation gekommen, welche durch geschickte Verquickung des politischen Moments mit dem religiösen Sehnsncbtsideal die fast unglaubliche Kooperation der westlichen aufgeklärten mit den östlichen orthodoxen Inden bewirkt und gerade unter den letzleren so zahlreiche Anhänger gewonnen hatte. Umsonst hatten Herzl wohlgesinnte Kenner der Verhältnisse vorausgesagt, daß die Türkei nie und nimmer die erhoffte Selbstständigkeit eines jüdischen Staates in Palästina zugeben werde, umsonst halten einsichtige, mit dem Werdegang der sozialistischen Bewegung und der Werbeiraft ihrer Mittel vertraute Männer vor einer Beschränkung auf ein topographisches Endziel gewarnt; aber angesichts der Begeisterung, die das zionistische Losungswort inzwischen bei den breiten östlichen Massen gefunden, war jede Warnung unnütz geworden, obwohl Herzl selbst in seinem „Judenstaat" keineswegs an Palästina, sondern an Argentinien oder an irgendein zur Kolonisation geeignetes Ländergebiet gedacht hatte. Während Marx' genialer Organisationsentwurf von der Vereinigung aller Proletarier gerade durch seine Universalität im Stande war. die sozialistische Bewegung zu schaffen und mit Bernsteins ewig grüner Formel „Das Endziel ist nichts, in der Bewegung liegt alles" die sozialistische Organisation unbegrenzt fortgesührt werden kann, wurde die zionistische Bewegung durch ein keineswegs in der jüdischen Religion, sondern in der Diaspora entstandenes und bei den orthodoxen osteuropäischen Judenmassen aufrechterhaltenes Sehnsuchtsideal in national-chauvinistische Bahnen gelenkt. In seinem zweiten zionistischen Werke „Alt-Neuland" spricht denn auch Herzl nur mehr von Palästina als unverrückbarem Ziel. Müßig wäre es. heute darüber nachzudenken, was aus der zionistischen Bewegung bereits geworden wäre, wenn die Türkei die Pforten Palästinas wirklich geöffnet und dieses zur „öffentlich rechtlichen Heimstätte für diejenigen Juden, die sich nicht affimiliren wollen", gemacht hätte. Selbst eingeschworene Zionisten sind der Ansicht, daß in diesem Falle die Bewegung bereits ihr klägliches Ende gefunden haben würde. Gebricht es doch der von Herzl noch im Jahre 1894 mit Recht bezweifelten „historischen Heimath" ebenso an den wirthschaftlichen und politischen Voraussetzungen für eine Staatengründung, noch mehr aber den Einwanderern an den nöthigen individuellen Vorbedingungen. Doch das palästinensische Losungswort ward nun einmal als Schiboleth ausgegeben. Mit schwerem Herzen mußte Herzl daher auf dem letzten zionistischen Kongreß die vorläufige Unrealisirbarkeit einer öffentlich rechtlichen Heimstätte in Pulüstinu OctuuiiIc*<Scn, indem er gleichzeitig von neuen Unterhandlungen Mittheilung machte, die er mit der englischen Regierung bezüglich eventueller Ueberlaffung eines Landstriches im ostafrikanischen Uganda pflog, das Nordau damals ein „Nachtasyl" nannte. Aber auch dieses Projekt soll angesichts des Widerstandes im Parlamente von der englischen Regierung bereits definitiv fallen gelassen sein. Ob der bereits todtkranke Herzl davon Kenntniß erlangte, ist mir nicht bekannt. Wenn cr auch selbst von diesem Ersatzmittel wenig gehalten haben dürfte, so ist doch zu hoffen, daß ihm diese Kunde erspart geblieben ist.- Und trotzdem wäre es nun höchst verfehlt, wollte man den auf den edelsten Motiven beruhenden Herzlschen Bestrebungen Bedeutung und Erfolg absprechen. Sache seiner Nachfolger muß es sein, aus der im topographischen Endziel sich verschlingenden Bewegung eine im Sinne Bernsteins sich „bewegende" auszulösen, sie geradezu zu entnationalisiren und neue Ideale wie reale Ziele in ihr Programm aufzunehmen. Ebenso wie die sozialistische Bewegung ohne Katastrophentheorie und trotz vieler unrealisirbarer Programm- Utopien in Fluß erhalten werden kann, ebenso kann — und sollte — eine zionistische Bewegung „ohne Zion" — so widersprechend dies auch klingen mag — ivrtbrstehen. Man würde sich an Herzl's Manen und dem sittlichen Gehalt des Zionismus schwer versündigen, i wenn man dessen Existenzberechtigung nur im Zusammenhang mit der Zionsparole erweisen wollte. Daß es»

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