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Der Israelit · 1904-07-28 · Heft 60 (28.7.1904) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 60 (28.7.1904)
Date
1904-07-28
Page
– (sequence 19)
Language
German
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1285 gewiß: die schärfste Waffe gegen Unverstand und Luge ist der Spott. Daraus folgt aber nicht, daß sie im Arsenal verrosten müsse. Heraus damit, und mit Tromvetengeschmetter und klingendem Spiel auf die blutige Wahlstatt gezogen'. Wer zaghaften Herzens ist und die Rüstung stahlgepanzerter Ritter nicht ohne Herzklopfen bewundern kann, der bleibe fern vom Krieg und lasse stch's wohl sein, daheim bei Muttern. Wen aber die Schmack des heimischen Herdes nicht gleichgültig läßt und der übermüthige Hohn des Feindes wie spitzer Stachel trifft, der raffe fick auf zu mannhaftem Thun und scheue nicht Eisen und Blut, wenn es gilt, das Theuerste zu schützen. Witz. Satire. Ironie und Spott mögen als Belebungsmittel einer schläfrigen Salonkonversation verwerfliche Talente sein. Im Kampfe gegen die Lüge sind sie heilige Waffen, die der Lenker aller Schlachten und Recensionen unfehlbar zum Siege führt. Das ist die große Lehre, die uns vor fünfzig Jahren Hirsch's Jeschurun gebracht. Man kann die Lüge nicht schonungslos genug zu Boden treten. Nach einer Lebensdauer von zwanzig Jahren hörte der Jeschurun auf zu erscheinen. Die epigonenhafte Nachblüthe der achtziger Jahre kommt nickt in Be tracht. Das war der alte Recke nicht, der mit Gigan tenkraft die Rute schwang, daß unter den wuchtigen Schlägen die Lüge elendiglich verendete. Aber diese zwanzig Jahre genügen mit ihrem reichen Inhalte vollauf, den Tiefstand der jüdischen Presse unserer Zeit in seiner ganzen Erbärmlichkeit erkennen zu lassen. Ewig wahr wird jener kluge Mann geredet haben, der nach dem Eingeben dieser Zeitschrift meinte, der Herausgeber werde einmal deßwegen vor Gottes Thron sich verantworten müssen. Die Jahre kommen und gehen. Zeitungen steigen auf und steigen nieder — den Jeschurun bringt keine mehr toieder. Aber wie? Ist denn das ein Verlangen? .Kann w.an von jedem Winkeljournalisten fordern, daß er den Jeschurun sich zum Vorbild nehme? Hat er die Kraft das Genie, die Feder dazu? — So fragt gar mancher Tölpel von Journalist, und weil er diese Frage in vorschnellem Urtheil rundweg verneint, vermag er seinem Autorendrang nicht anders Genüge m verschaffen, als indem er sich jener feilen Presse in die Arme wirst, die. mit schielenden Phrasen ihre Spalten füllend, ein bedauernswerth zweideutiges Dasein fristet. Da ihäte er doch wahrlich besser dran, statt mit verwaschenen Ideen die jüdische Welt zu beglücken, als ehrsamer Lokalreporter eines obskuren Käsblättchens mit schaurigen Ehebruchs- und Selbstmordberichten ein sensationslüsternes Hintertreppenpublikum zu füttern. — Aber wer verlangt denn von ihm, daß er so schreibe, wie der Jeschurun? Schreibe er nur so. wenn er unbedingt schreiben will, wie er nun einmal schreibt: im elendsten Sextanerstil, daß Jedem, der es liest, zu Berg die Haare stehen. Nur schreibe er ehrlich, schreibe er lvahr und grod. daß Jeder, der es liest, mit Überzeugung spreche: In diesen kindlich unbeholfenen Sätzen steckt ein edler Kern, steckt jüdischer Geist und jüdische Wahrheit — und wahrlich, wenn er also schreibt, wirf» er sich nicht zu gramen brauchen, daß seinem Stil der Glanz i>er Sprache fehlt. Wenn er aber freilich in trauriger Verblendung wähnt, er müsse stets bei allem/ was er schreibt, die öffentliche Meinung fragen, ob's ihr auch zusagt oder nicht und an jedem Wort solange, modeln, bis auch Hinz und Kunz daran Gefallen finden^ dann mag sein Stil in klassischer Vollendung prangen, er ist ein Jünger deutscher Kunst und Rede, doch wie er achtlos geht am Judenthume, geht achtlos auch das' Judenthum an ihm vorüber. Alles darf ein Zeitungsschreiber vergewaltigen- Alle Regeln der Grammatik und Aesthetik. verwöhnten Geschmack und empfindsame Ohren — doch nimmer die Wahrheit. Der Erfolg so manchen familienvergiftenden Blattes ist ein theuer erkaufter. Um das weitverbreitetste. Journal Europa'? zu werden, dazu Ledarfs nur eine? Entschlusses: mit katzenbafter Geschmeidigkeit sich Allejn^ und Jedem anzupaffen ünd'niit conciliantem SöhctfS^ geblök in den jeweilig populären Gassenhauer mit e!n^" znstimmen. Begeistert brüllt die ganze StraßenjügeNd mit. die der sanfte Flötenton des Abonnentensangrrs,.„ sirenenhaft in seine Netze lockt, und wenn sie allgemach " aus ihrem Traum erwachen, in den sie des Verführers ' Melodie hineingeluvt — sie. die Braven. Einfältigen, mschuldig Getäuschten — dann sehen sie und fühlen sie, was sie verloren, geprellt um's Höchste, was das Leben'" bietet: Klarheit und Reinheit der Ueberzeugung. Mögen sie's doch nur einmal wagen, die buntscheckigen Komvromißjournale. ihren Lesern alle Woche in die Ohren' hineinzurufen, daß Sabbathschänder keine Juden seien." ob sich's nicht regen wird im Abonnententroß: Wozu der Lärm? Die Herren Redakteure wissen das sehr wohl. Darum sieht man keine Kunst in Journalistenkreisen mit gleicher Virtuosität geübt, wie die Kunst des Schweigens. Was Anstoß erregt, wird todtgeschwieaen, wer anders denkt, wird todtgelacht. Geredet wird felten und auch nur. wenn's die Menae will und wie's die , Menge will: im Flüsterton, mit heiserer Keble. mit verschnupftem Gemiith. Geschrieen wird noch seltener, und mögen Schlangen kommen, Laookon's Leib' zu umwinden, er schreit nicht, schmerzlich nur verziebt er die Lippen, denn also will's die Kunst. Nur Menschen einer unnatürlich überkultivirten Zeit verlernen es.' nach Kinderart zu schreien, wenn ein tieses Leid sie über- - mannt. Rur ein todessiecher Körper ist jeder Schmerzempfindung bar. Verwerilich ist der Ton. verwerflicher der Inhalt dieser Blätter. Nickts auf Erden ist so schlecht, was hier nickt seinen Anwalt fände. Wer sich zu der. mit Fortstreichung des eintradirten Inhalts. ganz leeren Phrase „Jude" nur bekennt, ist Jude. Man braucht'S

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