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Der Israelit · 1904-07-28 · Heft 60 (28.7.1904) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 60 (28.7.1904)
Date
1904-07-28
Page
– (sequence 18)
Language
German
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1284 * Da erschien die erste Nummer dieser „schwarzen Neumondsblätter", wie der große Redakteur einmal in liebenswürdiger Selhstironie seine Monatsschrift bezeichnete. Mit einer Kühnheit sondergleichen versuchte hier ein wohlbekannter Litterat dem alten Gesetz in moderner Gewandung das Wort der Begeisterung zu reden. Und diesem Worte fehlte keineswegs, wie Viele glaubhaft machen wollen, die Schärfe des Spottes, die ätzende Kraft der Satire, das überlegene Lächeln der Ironie. Es fand den Weg zu den Herzen, nicht weil diese sich willig ihm öffneten, sondern weil es mit Macht sich den Weg zu bahnen wußte und auf das wohlgefällige Kopfnicken der Menge gerne verzichtete, wenn es mit Dreingabe des Höchsten und Reinsten den wohlfeilen Applaus des großen Publikums erkaufen mußte..-' Derjenige, der das rücksichtslose Wort zu sprechen sich erkühnte, lebte eben der Ueberzeugung, daß die Wahrheit nur unter klarem Himmel gedeihe, in nebliger Atmosphäre unfehlbar verdorren müsse. Man denkt heutzutage vielfach anders. Man will der Wahrheit zwar die. Existenz nicht rauben, aber im Namen der Wohlanständigkeit verlangt man von ihr, daß sie sich gegen die Lüge manierlich betrage. Der Doleranzschwindel wuchert, in der Gegenwart üppiger denn.je.' Je kraft- und saftloser eine Ueberzeugung vertreten wird, desto größer der Verehrertroß, oer in andächtiger Verhimmelung ihr den Mantel trägt. Man plädirt in unseren Tagen für Abschaffung der Kriege, in besonders gefühlvollen Kreisen auch der litterarischen. Ich weiß nicht, ob diese ängstliche Scheu vor dem Blutvergießen, in besonders gefühlvollen Kreisen auch vor dem. litterarischen Gemetzel, als kultureller Fortschritt angesehen werden darf. Diese bleiche.Furcht vor dem Kanonendonner ist vielleicht ein krankhaftes Symptom Md hängt wohl gar mit der allgemeinen Veranlagung zu ruhebedürftiger Nervosität zusammen.. Neurasthenische Zeitalter lieben nicht den Krieg, weil sie friedlich schwebende Ballschuhe besser vertragen können, als bedrohlich knarrende Kürassierstiefel. Nervosität ist besonders in jüdischen Kreisen keine Seltenheit und sie wird es ümso weniger, jemehr letztere den spezifisch jüdischen Charakter verlieren. Damit ist's auch zu erklären, warum die jüdischen Zeitungen. die der religiösen Pflege nicht umhin können, ein bescheidenes Plätzchen einzuräumen, das Schroffe. Scharfkantige, zurückweisend Eckige im Judenthum möglichst zu verhüllen streben: damit das Auge keinen Anstoß daran nehme und die Nerven nicht in unnöthige Aufregung versetzt würden. Doch das möchten wir nur als Hypothese ausgesprochen haben. Die mißlichen Erscheinungen im jüdischen Leben der Gegenwart auf krankhafte Zustände im Hirnkasten der einzelnen Rabbiner, Redakteure, Journalisten zurückzufllhren. ist eine Aufgabe, die den Physiologen reizen mag. und zudem auch von diesem nicht gelöst werden könnte, ohne daß er persönlich wird, und sich dadurch, wie man weiß, beim gebildeten und ungebildeten Plebs von vornherein nur Ruf und Ehre bringt. — Ob es erlaubt ist, vom Charakter einer Zeitung auf die Gesinnung ihres Leserkreises zurückzuschließen, dürfte außer Frage sein, wenn man die kolossale Macht erwägt, mit welcher die Presse Geist und Gemüth von vielen Millionen in ihrem Banne hält. Unendlichen Fluch kann eine Zeitung stiften, wie den köstlichsten Segen. Wenn sie mit Ernst ihre Aufgabe löst, Spiegel alles Weltgeschehens zu sein, bewundernd still vor jeder Blume steht, die ihr am Wege blüht, aber auch mir schonungslosem Hufschlag alles niedertritt, was lustverpestend Gift in Deine Seele träufelt, dann hast Du keinen Freund, der Dir mit gleicher Treue dient. Wenn sie aber in wohlverstandenem Interesse bit Sklavin Deiner Laune wird, eifrig alles Dir bejaht, was Dir wohlgefällt und leidenschaftlich nur verneint, was Dein Behagen stört, wenn sie, statt zu belehren, schmeichelt, statt Deinen Jrrthum streng zu tadeln, ihn verhärtet, versteinert, dann flieh sie — flieh sie. wie ein Schreckgespenst, das Dir Verderben bringt, wie das Straßenlaster, das um schnöden Geldlohn Dir zu Willen ist. Ein offenes Wort verletzt moderne Ohren. Man lausche nur einmal den Predigten jüdischer Kanzelred ner der Gegenwart! Wie das von Salbung trieft! Die augenverdrehende Andacht dieser wässrigen Eloquenz, wer hätte sie je ohne Widerwillen auf sich wirken lassen! Wie eine Katze den heißen Brei, umgeht man das Gesetz, und die Stimme des Gewissens wird mit blumigem Redeschwall erdrückt. Naive Augen erfreut der grüne Crpbeu und sie ahnen nicht,, daß er die Ruinen des Ge setzesheiligthums verdeckt. Allsabbathlich füttert der gütige Seelenhirte seine Schäfchen mit den Zuckerplätz ck)en einer süßlichen Homilie, und wenn es einmal Jemand wagt, der Lüge den heuchlerischen Schleier vonr Gesicht zu reißen, dann mundet dem verwöhnten Gaumen das scharfe Wort der Zurechtweisung — fi dom- — wie ungarischer Paprika. Das ist der Fluch jener unseligen Richtung, die vor einem Vierteljahrhundert in deutschen Landen zu dominiren begann, als man jenem rücksichtslosen Wahrheitslünder den Krieg erklärte und mit leichtsinniger Frevlerhand ein blühendes Gemeinwesen aus seinen Angeln heben wollte. Wenn doch wenigstens der enge Kreis von wirklich überzeugungstreuen Juden das. was ihrem Leben Werth verleiht, vor dem Forum der weitesten Oesfentlichkeit mit dem Bewußtsein rücksichtsloser Siegerkraft auch ungescheut vertreten wollte! Allein gerade da. wo man es am wenigsten erwarten sollte, macht man seine traurigsten Erfahrungen. Dieses ängstliche Anfhorchen. ob auch kein scharfes Wort geredet, die Gemuthlichkeit durch spitze Redensarten nicht gefährdet wird, nimmt in sturmbewegter Zeit sich wahrhaft kindisch aus. Ganz

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