Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 60 (28.7.1904)
- Date
- 1904-07-28
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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45. Jahrgang. Zweite Anlage zu M 00 des Lsraelit." U)ie soll cin Zeitungsschreiber gegen die §üge kämpfen? Zum 50. KeöurtsLage des «Ieschurun.^ von Raphael Breuer. In Folge unserer Besprechung der Roth'schen Broschüre rn diesen Blättern, sind uns in den letzten Wochen von verschiedenen kompetenten wie nicht kompetenten, orthodoxen wie nichtorthodoxen Seiten, in Form von Zuschriften, Zeitungsartikeln und sonstigem Klatsch, tadelnde Aeutzerungen zugesendet worden, die, mit völliger Außerachtlassung der in Rede stehenden Frage, sich lediglich.mit der äußeren Form, der Art und Weiie unseres öffentlichen Auftretens, mit dem Pistolenknall, nicht mit dem papieinen Drachen beschäftigten, den wir, um weitere Gebiete vor Verheerung zu bewahren, niedcrzuschießen uns anheischig gemacht. Erst vor wenigen Tagen ist in einem ungarischen Blatte ein biederer Landsmann, der wenig Verstand, aber desto mehr Beharrlichkeit und Ausdauer im Papierbekleckien besitzt, mit einer ganzen Serie von erbaulichen Faschingsartikeln zu Ende gekommen, die uns endgültig davon überzeugt haben, wie herzlich schlecht es dock mit dem Geistcsfcnds zionistischer Zeitschriften bestellt ist. mit welch' armseliger Wehrlosigkeit man in nationaljüdischen Kreisen sich vor orthodoxen Argumentationen furchtsam in die Ecke verkriecht. Von all diesen oft recht rüpelhaften Anremvclungen zionistischer Fäuste und Ellenbogen hat uns noch am besten das harmlose Spottgedicht der Wiener ..Welt" gefallen, das. in tadellose Trochäen aegcsien, in einen geistreichen Vierzeiler ausklang, den wir die verehrlichen Leser des „Israelit" herzinniglich bitten, zu eigenem Gaudium auswendig zu lernen: ..Also sprach der ungeheuer Orihodore Doktor Breuer. Thal es durch des Sohnes Mund Dem erstaunten Volke kund." Angesichts dieser göttlichen Inspiration eines begnadeten Di-chtergemüths. ra.then wir den Herren Zionisten. sich in ihrem eigenen Interesse in all ihren Scripturen immer nur der gebundenen Rede zu befleißigen. Dann klingt doch das Ding wenigstens nicht immer so — ungereimt. Was man auf reinzionistischer Seite gegen uns vorgebracht, war von erheiternder Wirkung. Daß sich aber auch in orthodoxen Kreisen Kritikaster und Kritikasterinnen fanden, die über den schrillen Ton unserer Pfeife die Nase rümpften, hat uns, wir gestehen es offen, bitter weh gethan. Schwule kann kein Pulver riechen, ist ein alter Bachurwitz. Daß er es auch dann nicht kann, wenn es für die jüdischste Sache verschossen wird, hätten wir von Schwüle nie geglaubt. Die Enttäuschung war schmerzlich und lehrreich zugleich.. Zur Rechtfertigung der gerügten Mängel, die sich, wie gesagt, als nur rein formaler Natur erwiesen haben, sei es uns gestattet, in Folgendem auf eine Zeitschrift hinzuweisen, die. gleich ausgezeichnet an Gedankentiefe und stilistischer Kunstform, durchweht vom edelsten, leinstcn, erhabensten Geiste, dennoch, oder gerade deßwegen. in ihren polemischen Aufsätzen die Waffen des Spottes, des Witzes, der Satire und Ironie mit gleicher Virtuosität handhabend, der Lüge mit einer polternden Rücksichtslosigkeit zu Leibe ging, die in der ephemeren Litteratur ihresgleichen sucht, und gerade deßwegen, weil sie eben den höchsten, ewigsten Idealen den denkbar schärfsten Ausdruck verlieh, den ephemeren Eharakter journalistischer Eintagsfliegen verliert und weit über die Zeit ihres Erscheinens hinaus allen Redakteuren und Zeitungsschreibern der Welt als weithinleuchtendes Musterbild einer jüdischen Zeitschrift hingestellt werden kann: auf Rabbiner Hirsch's Irsch u r u n. Im kommenden Tischri werden es 50 Jahre, daß zu Frankfurt a. M., am selben Platze, wo heute, zu Nutz und Frommen der Gesammtmenschheit im Allgemeinen und des Iudenthums insbesondere, das Israelitische Familienblatt herausgegcben wird, das erste Heft des Ieschurun erschien. Es war ein Ereianiß von höchster Bedeutung. Seit langen Jahren schon schrie die geknebelte Orthodoxie nach einem ständigen Anivalte ihres Rechts. Die Vertretung der sog. jüdischen Interessen lag ausschließlich in den Händen der Reform. Es konnte nicht ansbleiben, daß die besonderen Anliegen des gcsctzestreuen Iudenthums im besten Falle erst in ,z>veiter Linie Beachtung fanden, wenn nicht gar unter den zerstörenden Einflüssen eines fanatischen Radikalismus den: Schicksal allmählicher Verkümmerung verfielen. Das war freilich von den Gegnern geplant. die sich in weitfchanender Berechnung von einem systematischen Totschweigen. zuweilen auch Todtbrüllen der jüdischen Gesetzestreue ungleich mehr verfvrachen, als von einer streng sachlichen Widerlegung ihrer Grundsätze, deren Unanfechtbarkeit sic wohl gar im Innern selber zugestanden. Ist cs einmal so toeit gekommen, daß die Orthodoxie eines litterarischen Annehmers entbehrt, dann mag sie nur ruhig ihr trauriges Wittwendasein zu Ende leben, die fortschreitende Entwickelung ibres mächtigen Gegners vermag sie dann nicht mehr zu stören.