Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 60 (28.7.1904)
- Date
- 1904-07-28
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1276 biner" definiren will, sondern auch sich zu einer Behörde aufwerfen, welche Rabbiner ordiniren will? Und die Moral von der Geschichte? «Menschen und Zeitverhältnisse sind wandelbar, sehr wandelbar, und Vorsicht ist Weisheit, offene, rückhaltlose Bekundung seiner Gesinnung nicht nur ein rathsames, sondern das einzige Mittel, zum Ziele zu gelangen." Was vom Rabbinerstande und -Verbände gilt, das läßt sich alles auf den Lehrerstand und -Verband anwenden. Wir wiesen oben aus die mancherlei religiösen Schattirungen im Lehrerftande fym. Das ist doch logisch klar, daß der jüdische Lehrer, der Religion lehrt und lehren soll, eben hier seinen eigenen Standpunkt hat, gerade so wie der R a b b i n c r! Das gilt vom Religionslehrer (im engeren Sinne des Wortes) wie vom jüdischen Elementarlehrer. Denn auch die jüdischen Volksschulen sind gewissermaßen Religionsschulen, gegründet nicht etwa nur darum, dem israelitischen Lehrer eine staatlich gesicherte, beffer sundirte Lebensstellung zu gewähren, sondern im Interesse des I u d e n t h u m s und seiner heiligen Religion. Das wurde wiederholt und mit Recht ausgesprochen. (Broschüre «Der Unterricht unserer Jugend" von M. Steinhardt) Welches Recht hätten wir auch sonst, konfeffionelle Sonderschulen zu fordern im Gegensatz*) zur alldeutschen Lehrerschaft und den uns befreundeten sreigesinnten Parteien, deren Ziel doch die Simultanschule bildet? Wir Lehrer haben also unserer ganzen Berufsarbeit, unserem ganzen Wirkungslreise nach einen Dienst im Namen unserer Religion. wobei und wodurch genau wie beim Rabbinerstände der religiöse Standpunkt zur Geltung kommt. Wer dem widerstreitet, der setzt sich in Widerspruch mit bat elementarsten Regeln der Logik und mit thatsächtichen Aerhältniffen der Gegenwart. Ist dies feststehend, dann ist auch die Frage arn Platze: Wie steht's mit den Vereinen? Sind sie «paritätische" oder nach dem prinzipiellen Standpunkt getrennte, d. i. das. was man bei christlichen Vereinen «konfessionell getrennte" nennt. Tie Antwort muß hier der Wahrheit entsprechend klar und unzweideutig lauten: «Nein! die einzelnen Lehrervereine sind paritätisch. umfassen die Lehrer eines ganzen Bundesstaates. einer Provinz oder auch eines Bezirkes ohne Rücksicht auf den religiösen Standpunkt der Kollegen." In den Statuten ist nicht ausgesprochen, daß man dem einen oder andern Prinziv huldigt. Sind doch die Provinzialverbändc in erster Linie zur Hebung der traurigen materiellen Verhältnisse entstanden; da fragt man nicht nach der religiösen Richtung, wie dies in allen großen Wohlfahrtsorganisationen und bei ständigen wie momentanen Hilfsaktionen der Fall ist. Auch unser bayrischer Lehrerverein macht Hervim keine Ausnahme. er ist kein orthodoxer Verein, wie vielfach geglaubt wird, wenngleich erfreulicher Weist das orthodoxe Element sehr stark vertreten. Im- Grunde genommen ist er dasselbe, was die «Freie bayerische Rabbinerkonferenz" ist. zu der die divergirendsten Richtungen zählen. Trotzdem aber kann von jedem Verein je nach seiner Leitung und Zusammensetzung gesag' werden, er steht ans konservativer Grundlage oder e neige der freien Richtung zu. Unbewußt bildet sich n eine Tendenz heraus, und unausgesprochen weiß unk fühlt jeder Kollege, woher der Wind weht in feinen Vereine. Da hätten wir aber wiederum dasselbe Mon strnm wie bei Rabbinerverbänden: Religiöse Themate und Diskussionen sind ausgeschlossen! Das ginge auch wenn man nur den materiellen Aufgaben f'd zu wenden würde! Doch will man auch den „idealei Aufgaben" sich zuwenden, zur ideellen Förderung des Lehrers und der jüdischen Schule beitragen. Ta geht es nun nicht anders, als nolens volens den Partei st andpunkt bekennen. die P r i n . z i p i e n mitsprechen lassen. Denken wir uns nur die Behandlung der Sch'mono Esrei, des 4. Gebotes, in: zähliger Stellen des Pentateuch u. s. f. als Lehrprode. Nicht jede Lehrprobe dieser Art könnte in jedem Vereine gehalten werden. Ich erinnere hierbei an einen Vor trag in einem Verein: Die Behandlung der biblischm Wunder je nach der inneren Stellung des Lehrenden zum Wunderglauben. Da wird gewiß einer oder der andere Kollege sag-n: „Ein solches Thema fände in un serem Vereine keinen Anklang." Aber auch die in den Einzelvereinen gehaltenen Vorträge oder Lehrprobni zeitigen oft lebhafte Diskussionen und Debatten, wobei die persönlichen Standpunkte hervorgekehrt werden. Doch stets herrscht und siegt die „unausgesprochene Tendenz" des Vereins: an leitender Stelle ist man siw dessen wohl bewußt, besonders bei Auswahl der Themata. Eine solche Rücksichtsnahme ist praktisch klug, weil allgemein erwünscht, und selbst der mächtige Staat geht uns da mit seinem Beispiel voran, indem er bei der Versetzung von Verwaltungs-, Justiz-, Forst-, Post- und anderen Beamten persönlichen Wünschen auf konfessioneller Grundlage weit entgegenkommt. Und nun kommen wir zu dem wichtigsten Theil der in diesen Darlegungen zu würdigenden Sache dem Verband der jüdischen Lehrervereine und dem voi ihm inspizirten bezw. vertretenen Fortbildungspro grainm. Ideell und materiell im Zusammenhänge da mit ist das Berbäliniß des Lehrerstandes zum Rab binerstande oder auch umgekehrt. Für solche, die de Sache fern stehen oder aus irgend einem Grunde nich auf dem Lausenden sind, rekapitulire ich so kurz wi möglich, um einer objektiven Beurtheilung den Boder zu ebnen. (Fortsetzung folgt.)