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Der Israelit · 1904-07-28 · Heft 60 (28.7.1904) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 60 (28.7.1904)
Date
1904-07-28
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1273 XI. So pünktlich auch Pappenheim am anderen Morgen am Platze war, Graf Ignatius war schon vorher da und erwartete ihn mit einem leichten Reisetornister, den ihm Pappenheim abnehmen wollte. Der Graf sträubte sich jedoch dagegen, sich von dem Greis bedienen zu lassen und meinte, er habe selber doch jüngere Schultern. Erst als ihn Pappenheim darauf aufmerksam machte, wie auffällig jeder, der ibnen begegne, es finden müsse, wenn der Herr den Diener bedient, fügte sich Ignatius der besseren Einsicht seines Begleiters und beide traten ihren Weg an. „Ich habe Ihnen viel zu erzählen," sagte der Jüngling zu seinem Begleiter, als sie das Schloss hinter sich hatten, „denken Sie, ich habe diese Nacht genau denselben Traum wieder gehabt, wie die Nacht zuvor; was hat das wohl zu bedeuten?" «Daß Ihr Traum jedenfalls kein bloßer Schaum, sondern ein Ihnen von Gott gesandter Fingerzeig ist." erwiderte Pappenhcim. „Aber dann hätte es doch mit dem einmaligen Träumen genügt, was soll wohl die Wiederholung?" fragte der junge Graf. ..Das möchte ich nicht sagen," entgegnete der Gefragte. „Ich glaube vielmehr, daß auch das zweite Mal noch nicht genügt hat, um Sie zu bestimmen, diesem Fingerzeig Folge zu leisten. Als der König von Egypten einen ähnlichen Traum zwei Mal kurz hintereinander träumte, erblickte der erste Träger Ihres Namens darin eine Gewähr für die Sicherheit und Raschheit seiner Verwirklichung; vielleicht ist's bei Ihnen auch so. Vielleicht folgen Sie dem Winke Ihres Großvaters doch früher und entschiedener als Sie selber jetzt glauben." „Auch das Wort rief er mir wieder drei Mal zu, von dem Sie glaubten, daß ich es vielleicht falsch verstanden habe:" fuhr der Jüngling fort. „Ich hatte cs mir aber ganz richtig gemerkt, nur fand ich dieses Mal, als ob es nicht ein Wort wäre, sondern zwei, also Ale Schar, Ale Schor, Ale Schor!" Da schlug sich Pavpenheim mit der flachen Hand vor die Stirne und sprach: „Wie bin ich doch so thöricht, daß ich darauf nicht sofort gekommen bin! Sie haben Recht, es sind zwei Worte und jetzt ist mir ihr Sinn ganz klar. Bor seinem Tode ließ Josef sich von seinen Brüdern schwören, daß üe. wenn ihnen nach Jahrhunderten einst die Stunde der Erlösung schlägt und sie Egypten verlassen. um in das Land ihrer Verheißung zu ziehen, daß sie dann seine irdische Hülle mit fortnehmen sollten. Als aber die Befreiungsstunde eintrat, war nach zweihundert und zehnjährigem Druck der Ort in Vergessenheit gerathen, an dem sich die Gebeine Josefs befanden. Da ging in der Befreiungsnacht, während sich alle zum Auszug rüsteten, Moscheh der Führer hinaus an den Nil und rief: Die Stunde der Befreiung ist angebrochen, in welcher uns Gott die verheißene Erlösung bringen will. Josef, halte die Stunde nicht auf! Wenn Du mit uns ziehen willst, so finde Dich ein! Ale Schor. Ale Schor. Ale Schor! Komm herauf. Komme herauf Schor, Komme herauf Schor — als Moscheh in der Scheideftunde die Stämme Israels segnete, hatte er Josef. Schor genannt — da tbeilten sick rauschend des Riles Wogen auf ihrem Rücken die Todtenlade mit den Gebeinen Josefs tragend und stellten sie zu Moscheh's Füßen." „Und die Deutung?" fragte athemlos der Jüngling. „Sie fragen noch?" lautete statt der Antwort dre Gegenfrage zurück. „So lange Sie nach der Deutung dieser Kundgebung noch fragen können, zeigen Sie. daß die Mahnung noch nicht eindringlich genug war. Mir sagt dieser Traum, daß Ihre Eltern noch leben, und daß deßbalb nicht sie. sondern Ihr Heimgegangener Großvater Ihnen als Bürge für die Wahrheit gesendet wird, daß Gott seine Treue weit über das Grab hinaus, an denjenigen bewabrt. die ein Leben in seinem Sinne gelebt haben und jetzt im Staube schlafen." Pappenheim hielt betvegt inne und die beiden Wanderer schritten einige Minuten schweigend neben einander her; jeder seinen Gedanken naihhängend. Aber diese Gedanken stürmten so ungestüm auf ihn ein, daß Pappenheim wie in lautem Selbstgespräch ansing: „Die Weisen — Ihr Andenken sei zun? Segen — sprechen alles Herrliche, das unsere Propheten verkündet haben, demjenigen zu. der seine Tochter einem Talmid Chacham zum Weibe gibt. Das hat Rabbi Elije Zülpich gethan. Ist es möglich, daß die Erfüllung dieser Mizwo die Entfremdung seines Enkels zur Folge habe? Das ist ein unerträglicher Gedanke. Was von der Tochter Rabbi Jsmaels erzählt wird, daß sie weinend mit ihrem Sohne im Lehrhause erschien und im Hinweis auf ihr Kind die Worte sprach: Ist es denkbar, daß ein Ausspruch jenes Gerechten seinen eigenen Nachkommen zum Unglück gereiche, dieses Wort hat auch hier seine Berechtigung und zwar in um so viel höherem Grade, als eine That höher als ein bloßer Ausspruch steht." Pappenheim hielt plötzlich inne als er merkte, wie die Arrgen seines Begleiters an seinen Lippen hingen. Dieser aber sprach fest in flehendem Tone: „Sprecht doch weiter, wenn ich auch nicht alles verstehe, das meisie ist mir doch verständlich und ich ahne die Wahrheit auch von dem was mir unverständlich ist." „Ich bin ein armer, schwacher, von Alter und Sorgen gebrochener Mensch," entgegnete Hirsch Pappenheim, „aber wenn ich sehe, was ich für mächtige himmlische Bundesgenossen habe, so macht mich das wieder so jung und stark und lebensfroh, daß ich heute

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