Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 60 (28.7.1904)
- Date
- 1904-07-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2449986-2450042--61115-2522137- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1270 suhl, dem Zionismus fern zu bleiben, in welcher Form auch diese proteusartige Partei um unser Wohlwollen wirbt. Berlin. (Ein jüdischer Angriff auf d i e I u d e n v o n K i s ch i n e w.) Die weltberüchtigten Excesse des russischen Pöbels und der russischen Justiz gegen die armen Juden von Kischinew haben soeben ein Nachspiel erfahren, das man nicht glauben würde, wenn die Thatsache nicht leibbaftig vor unseren Augen stünde. Während die früheren Ausschreitungen sich gegen die große Masse richteten und meistens Unbemittelte und notorisch Arme trafen, bat das neueste Attentat es ausschließlich auf die Reichen abgesehen, auf die ..jüdischen Millionäre". wie es in dem vorliegenden Berichte heißt. Während die Schilderungen der früheren Greuelszenen von den Regierungs-Organen als übertrieben, von den Betroffenen aber als noch lange nicht hinreichend bezeichnet werden, kann der Fernstehende, der die russisch« Korruption nicht kennt, doch zweifelhaft werden, welche Auffassung er für die rechte halten soll. Das ist bei diesem neuen Angriff ausgeschlossen, weil jeder Leser in der Lage ist, sich selbst von dem Thatbestand zu überzeugen. Freilich hat bei dem neuesten Attentat kein jüdisches Blut den Boden geröihet. aber um so intensiver färbt die Blutwelle der Schamröthe die Wangen der von dieser Schmach Betroffenen. Dazu zählen aber nicht nur die thätlich Angegriffenen, sondern es packt jeden die Scham, der von dieser unerhörten Infamie Kunde erhält. Denn die neueste Rohheit gegen die Juden von Kischinew geht nicht vom russischen Mob. sondern geht — die Feder sträubt sich dagegen, es niedcrzuschreiben — von jüdischer Seite aus, von der Berliner „Zeitung-des Judenthums", welche den Namen die A l l g e m e i n e trägt. Sie schreibt: „Die Abrechnung des Kischinewer Komitees ist nach sebr langem Zögern endlich erschienen. Der Grund für diele ungewöhnliche Verzögerung war für alle Welt ein oflenes Gebeimniß. das. so unangenehm es für uns Juden auch iss. dennoch an dieser Stelle dem großen jüdischen Publikum enthüllt werden muß. Gleich nach dem furchtbaren Krawall haben nämlich dir jüdischen Millionäre in Kischinew. ergriffen von dem über die Gemeinde vlöhlich hereingebrochenen ent set'.lichen Elend, vielleicht auch von Dank gegen die Vorsehung erfüllt, die sie davor gesetzt hat. selber ein Opfer der Katastrophe zu werden, sehr große Beträge zur Unterstützung der Opfer des Krawalls gezeichnet. Aus Dank für diese Freigebigkeit wurden nun diese Herren an die Spiße des von der Regierung genehmigten Hilfskomitees gestellt. Kaum jedoch war der erste Schrecken überwunden, als es vielen Komiteemitgliedern schon leid that. solche große Summen versprochen zu haben (ff. und sie suchten nun unter allen möglichen Vorwänden sich ihren Vcrpfichtungen zu entziehen. Die Thatsache ist so traurig, daß die übrigen Komiteemitglieder, darunter der edle Dr. Mutschnit. sich schämten, vor die große Oeffentlichkeit zu treten, bevor nicht wenigstens ein großer Theil der von den Komiteemitgliedern gezeichneten Beträge eiugezahlt worden ist. Dieses ist nun endlich geschehen. Von den 100,000 Rubeln, welche die Herren vom Komitee gezeichnet haben, sind mit Ach und Krach 54,000 einge zahlt worden, und so konnte man schließlich unter voller Darlegung der Ursachen der Verzögerung zur endgültigen Rechenschaftslegung schreiten." Es dürste nicht leicht fallen, so viel Niedertracht in so wenigen Zeilen zusammenzupressrn. Nimmt man einen Augenblick den Thatbestand als erwiesen an. wie er selbst nach der Denunciation der Allg. Ztg. d. Jdth. sich darssellt.so handelt es sich um Männer, die 54.00s> Rudel für einen philanthropischen Zweck freiwillig beigesteuert haben und deren Verbrechen darin besteht, daß sie nicht 40.000 Rubel mehr gegeben haben! Und das ist ein für alle Welt offenes Geheimnitz? Für alle Welt? Zu was erzählt denn die Allg. Ztg. d. Jdth. eine Geschichte, von der sie selber sagte, daß sie alle Welt bereits weiß? Ich glaube, daß es einen großen Theil der Welt gibt, der von diesem Schmu h nichts weiß und nichts wissen will, weil er nicht daran glaubte, selbst wenn die ganze Mähr das Gepräge der Verlogenheit nicht so unverkennbar an der Stirn trüge. Die Ällg. Ztg. d. Jdth. erkennt selber die edlen Motive an. ivelche die jüdischen Millionäre bestim»nt haben, sehr große Beiträge zu zeichnen. Daß ihre Munifi cenz ibnen nachträglich leid that. das haben die Herren sicherlich nickt der „Allg. Ztg. d. Jdth." erzählt, das kann sie daher nur ans ihren Redaktionsfingern gezogen haben. Wenn die Herren wirklich weniger eingezahlt als sic gezeichnet haben, läßt sich dafür — wenn die Thatsache selbst wahr wäre — nicht ein ganz simples, lauteres Motiv finden? Es ist selbstverständlich — was auch hier zugestanden wird — daß die wohlhabenden Zeichner von Kischinew die ersten waren, welche dic Zeichnungen eröffneten. Wäre es nicht möglich, da sie damals noch nicht wissen konnten wie weit sie sonst auf thätige Sympathien rechnen dürfen, daß sie nur einen Theil. vielleicht die Hälfte, fest, die andere Hälfte aber bedingungsweise, für den Fall der Nothwendigkeit zeichneten? In Wirklichkeit sind von allen Theilen der Erde Beiträge eingelaufen, die mehr als eine Million und 10.000 Rubel reprälentirten. und nicht ganz aufgebraucht wurden. Es blieben, wie aus dem Kischinewer Rechenschaftsbericht ersichtlich ist. über 110.000 Rubel übrig. Davon wurden 50.000 Rubel der „I. C. A." und 50.000 Rubel dem Odeffaer Komitee für Colonisation Palästinas, immer mit besonderer Berücksichtigung der Kischinewer Unglücklichen, überwiesen. Es