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Der Israelit · 1904-07-21 · Heft 58 (21.7.1904) · page 30

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 58 (21.7.1904)
Date
1904-07-21
Page
– (sequence 30)
Language
German
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1248 jüdischen Predigten, ihnen fehlt jeder historische Konnex mit der umfangreichen, inhaltlich hochbedeut« samen Litteratnr dieses Zweiges unseres Schriftthums, ihnen fehlt fast vollständig das konfessionelle Gepräge. Noch nicht an einer einzigen Stelle sind wir in den fünfzehn hier abgedruckten Predigten auf einen Midrasch, eine Schriftdeutung etc. gestoßen. Der Verfasser sucht zwar diesem leicht vorauszusehenden Vorwurf die Spitze abzubrechen, indem er im Vorwort sagt: „nichts wirke unangenehmer als das gewaltsame Heranziehen solcher Eitate, deren Interpretation mehr eine Unterlegung als eine Auslegung sei". Aber muß denn die Verwendung der prächtigen Parabeln und Gleichnisse, der Sprüche und Lehren unserer Weisen stets nur eine gewaltsame und gezwängte sein? Sie kann sich ja auch in natürlicher, ungezwungener Weise dem Gedankennerus anschließen, ihn ergänzen, beleben und damit auch der Predigt den Stempel einer jüdischen. in der großen Gedankenwelt unserer Vergangenheit wurzelnden, aufprägen. Doch trotz aller hier geübten Kritik darf die obige Sammlung Fachkundigen als anregende Lektüre empfohlen werden. Dr. Holzer. Apologetisches. Nicger, Dr. Paul. „Hillel und Jesua." Ein Wort zur Versöhnung. Hamburg 1904. Selbstverlag. In geschmackvoller Ausstattung, die der Offizin Leßmann Ehre macht, hat Herr Dr. Paul Rieger eine tleine Widmungsschrift zu Ehren seines Gönners. Herrn Joseph Schönfeld. erscheinen lassen. Doch unsere Weisen sagen: Betrachte nicht den Krug, sondern den Inhalt. Und wenn wir dies auf die kleine Schrift anwenden, miissen wir gestehen, daß der Inhalt auch nicht der geringsten Anforderung entspricht, die man an denselben stellen könnte. Der Inhalt kann kein „Wort der Versöhnung" sein, denn es ist ein Widersinn, behaupten zu wollen, derjenige, der sich bewußt in friedlichen Gegensatz zum Judenthum gestellt und dir Religion seines Volkes bekämpft hat, sei „ein klassischer Jude in seinem Leben, Lieben und Leiden" gewesen. Das Judenthum dankt für solch' klassische Juden! Herrn Dr. Rieger ist ein grober Schnitzer unterlaufen. Das steht allerdings fest, daß die ethischen Gedanken der neuen Religion dem Judenthum entlehnt sind, aber ebenso fest steht, daß sobald der Stifter der neuen Religion das Judenihum, wenn auch in widerspruchsvollster Weise, zu bekämpfen anfing. er kein „klassischer Jude" mehr war. — Soviel über die verfehlte Tendenz. — Ebenso ungenügend ist es mit der rein wissenschaftlichen Seite der kleinen Schrift bestellt. Es soll bewiesen werden, daß der Nazarener ein Schüler Hillels war. Dafür soll ein innerer Beweis, die Gleichheit der Lebensführung, und. ein äußerer, die chronologische Möglichkeit, zeugen. Was den inneren Beweis anlangt, so ist derselbe völlig nichtssagend, noch viele Geschlechter nach Hillel waren sowohl die Aussprüche, wie auch die ganze Lebensführung dieses herrlichen, vom Geiste des Judenthums erfüllten Mannes seinem Volke geläufig. Wer Hillel kennt, braucht nicht sein direkter Schüler zu sein. — Nebenbei sei bemerkt, der von Herrn Dr. Rieger citirte Ausspruch des R. Simon ben Menaffia: Euch ist der Sabbat übergeben, nicht ihr seid dem Sabbat übergeben, ist aus dem Zusammenhang gerissen und kann zu Mißverständnissen Anlaß geben. Zu dem Gebote: Hütet den Sabbat, bemerkt R. Simon ben Menassia. ihr seid für die Sabbathütung verantwortlich, so heißt es am Schluffe des Ausspruches: „Wer sein Geschäft schließt, der bütet den Sabbat, und nicht dies allein, sondern wer den Sabbat hütet, legt Zeugniß ab für den Weltenschöpfer, der in sechs Tagen seine Welt schuf und am siebenten ruhte, so heißt es darin: „Ihr seid meine Zeugen, spricht der Ewige, und ich bin Gott." — Jede andere Ausfassung würde R. Simon ben Menaffia mit dem ganzen Judenthum und mit sich selbst in Widerspruch bringen. — Run zum chronologischen Beweis: Man höre? Prämissen des Herrn Dr. Rieger: 1. Hillel wird Nassi 30 vor der üblichen Zeitrechnung. 2. Hillel war 40 Jahre Nassi. Also starb er. folgert Dr. Rieger, einige Zeiten früher. — frühestens 20 nach der Rbl. Zeitrechn. Kopfrechnen aut! — Ferner. Herr Dr. Rieger hält Simon Gamliel für den Namen R. Gamliels. Dies ist aus folgenden Gründen unmöglich: 1. R. Gamliel heißt an allen Stellen nur R. Gamliel und nirgends Simon Gamliel. 2. müßte sein Sohn Simon den Namen des Vaters tragen, was nie vorkommt (außer bei Nachgeborenen), 3. hat nie ein Tanna zwei Eigennamen neben einander. — Ferner, wenn Gamliel im Jahre 64 noch gelebt hat, kann deßhalb Hillel nicht vor 20 gestorben sein, gibt es keinen Sohn, der 44 und noch mehr Jahre nach dem Tode des VaterS noch am Leben ist? — Frau R. Jochanan b. Sakkai starb nicht frühestens 80. sondern spätesten? einige Jahre nach der Zerstörung des Tempels. Starb aber R. Jochanan selbst erst im Jahre 80. warum kann er im Jahre 10 noch nicht 20 Jahre alt gewesen sein? Es kommt doch vor, daß einer 90 Jahre alt wird, und von R. Jochanan heißt es sogar, er fei 120 Jahre alt geworden. — Fazit: Die ganze Rechnung des Herrn Dr. Rieger ist ein Rechenfehler. Wir wünschen im Interesse der jüdischen Wissenschaft und der Ehre des Judenthums, daß solche Schriften als das anerkannt werden, was sie sind. S.

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