Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 58 (21.7.1904)
- Date
- 1904-07-21
- Page
- – (sequence 29)
- Language
- German
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Kenlrat-Hrgan für das orthodox Zudenthum. u. 3u« «Mw.! Pfmrifdjf HntllKk ju 58. Homiletik. C oblenz, Tr. F. Predigten, gehalten in der Synagoge zu Bielefeld. Berlin 1904. S. Calvary & Co. 314 S. Wenn es wahr ist, daß die Erscheinungen des Büchermarktes einen Gradmesser abgeben für die in der jeweiligen Zeit herrschenden Stimmungen, Strömungen und Bestrebungen der Gesammtheit, für die jene bestimmt sind, dann ist ein Umschwung im Verhalten unserer Glaubensgemeinschaft gegenüber der Religion unverkennbar, ein Umschwung, der eine Steigerung religiösen Denkens und religiösen Interesses bedeutet. Denn nachdem die vorletzten Jahrzehnte für die Predigt- und Erbauungslitteratur geradezu Brachjahre gewesen waren, scheint seit einigen Jahren neues Leben und Regen in diesen Zweig litterarischen Schaffens gekommen zu sein. Den Neuerscheinungen auf diesem Gebiete schließt sich die vorliegende Sammlung als die jüngste an. Die hier abgedruckten Predigten sind von dem Verfasser gehalten, auf ihre Wirkung und Wirkungsfähigkeit offenbar auch geprüft und sicherlich als seine besten und wirkungsvollsten erkannt worden. Wie sehr wir aber auch manche Vorzüge dieser Reden würdigen und anerkennen, die klare und durchsichtige Gedankengliederung, die schlichte und doch schöne Sprache. Liebe und frohe Begeisterung für die höchsten Aufgaben und Ziele unseres Glaubens, vielseitiges geistiges Interesse und lebhafte Theilnahme an den allgemein menschlichen, sowie den innerjüdischen, sittlichen und religiösen Fragen, kurz, wie sehr wir auch die Summe von Geistesarbeit schätzen, die auf diese kleine aber inhaltsreiche Sammlung gewendet worden ist, so vermögen wir sie dennoch als Musterleistüngen, die wir zur Nachahmung empfehlen könnten, keineswegs anzusprechen. Dazu sind sie nicht genug straff in der Satzformung und packend im Ausdruck, nicht genug feurig und hinreißend, nicht genug gemüthvoll und reich, ruhrend und ergreifend. Man betrachte doch die Predigten, die bei der Seelenfeier am Jom Kippur gehalten worden sind. Sie handeln von der Pietät, von , der irdischen Unsterblichkeit, von der Predigt des Todes. Welche Töne holdseliger, weichmüthiger, zartester Rührung kann und muß der rechte Prediger in solchem Augenblick aus sich gewinnen, zu welcher Höhe lohnender Begeisterung darf und muß er da sein Innenleben steigern! Was aber bietet unS der Verfasser? Zweifellos schöne, von nachdenklicher Arbeit zeugende Worte, aber Worte ohne zündendes Feuer, ohne lohende Gluth, ohne die unwiderstehliche hinreißende Gewalt. die das rechte Gotteswort haben muß, trenn es die Herzen gelvinnen, erheben, läutern soll. Aber auch an den hier geäußerten Gedanken und Uriheilen wird man — auch ohne sich hierbei auf den Standpunkt irgend einer religiösen Partei zu stellen, also ganz unparteiisch und parteilos urtheilend — da und dort nicht ohne Entgegnung, ohne Kritik und Zurückweisung vorüber können. Ist es richtig, wenn der Verfasser einmal meint, daß „der Rückblick auf unsere Vergangenheit, auf die sittliche Größe unserer Ahnen, aut die Reinheit unserer Gotteslehre eine Selbstüberhebung gezeitigt habe, die unserer (muß heißen: unser) nicht würdig ist", wenn er fortfährt: „mir will es scheinen, als ob man bistveilen zuviel rede von unserer Auserwähltheit, von unserer Bevorzugung vor den Völkern". Nun das ist nimmer richtig! Man dürfte, so will es uns scheinen, weit eher das Gegentheil des hier Behaupteten wagen, ohne zu befürchten, etwas so Unrichtiges gesagt zu haben, als es der Verfasser ge-! than. Von der Große unserer Vergangenheit, von der ' Auserwähltheit unseres Stammes zu strengerer, erhöhter Pflichterfüllung — denn nur darin besteht jene — kann gar nicht oft genug gesprochen werden, wenn man dem heutigen Geschlechte einen Ansporn geben, wenn man ihm ein Spiegelbild dessen Vorhalten will, rvie es sein und was es der Menschheit bedeuten könnte, so es kn seiner Gesammtheit den großen Altvordern ähnlich wäre, ähnlich würde — in Opferfähigkeit, Religiosität und Idealismus. Schließlich soll auch der, unseres Erachtens schwerwiegendste Fehler nicht unerwähnt bleiben, ein Fehler, der im Prinzip, in der Methode dieser Predigten liegt. Sie sind wohl Predigten, aber keine