Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 57 (18.7.1904)
- Date
- 1904-07-18
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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wenn wir die nöthige Unterstützung von Seiten unserer begüterten Glaubensgenossen finden. Im Ganzen wurden 24 Kurbedürftige von uns unterstützt. Sie erhielten sämmtlich freie ärztliche Behandlung durch Herrn Dr. Aronsohn, sowie Bäder, Inhalationen vom Römerbad und vom Inhalatorium Heyer und Freifahrt auf dem Malberg. Dagegen mutzte der größte Theil eine größere oder kleinere Einzahlung an unsere Kasse vor seiner Aufnahme leisten. An zwei voni Königlichen Hospitalbade hier aufgenomittcne Kurvcdücsiigr zahlen wir eine Beisteuer zu den dort zu leistenden Berflegungskosten. Die Patienten vertheilen sich nach dem Geschlechter 14 männliche und 10 weibliche Personen; nach der Be^ schäftigung: 6 Lehrer u. Kultusbeamte, 1 Studirende, 6 Kaufleute und Handlungsbeflissene, 4 Handwerker, 1 Köchin und 6 ohne Beruf. Der Erfolg der Kur war bei fast allen Patienten ein guter, denn alle konnten nach Ablauf von drei oder vier Wochen zum Theil vollständig geheilt, zum Theil bedeutend gebessert in ihren Wirkungskreis zurückkehren. Frankreich. Paris, 10. Juli. Hochinteressant und für jeden vorurtheilsfreien Beobachter sehr lehrreich ist die hiesige russisch-jüdische Studentenkolonie. Aus allen Ecken des finsteren Ghettos kommen diese jungen Männer und diese jungen Mädchen nach den Ufern der Seine, um in der Ville-Lumic re ihren Wissensdurst zu stillen und ihr ideales Streben in geordnete Bahnen zu lenken. Sie sind fast alle ganz ohne Mittel, doch stoisch tragen sie die unendliche Kette der Leiden und Entbehrungen. Viele, ja fast alle, sind von dem lebhaften und ernsten Wunsche beseelt, zu lernen und zu arbeiten, um eines Tages ihren armen Brüdern, die unter dem Drucke der ökonomischen Verhältnisse in der Unwissenheit darben und schmachten, nützlich zu sein. Gewiß, es gibt unter ihnen Utopisten, Schwärmer und Träumer, aber kann man es der Jugend verdenken, und besonders einer. Jugend, deren Wirklichkeit, deren materielles Leben so furchtbar traurig und deren einziger Trost nur die Hoffnung ist, einst bessere Zeiten zu erleben und den endlichen Sieg des Wahren und Guten zu sehen! Und wenn ein leichtsinniger Franzose eine arme russischjüdische Studentin sieht, die säst immer sehr bescheiden, oft sogar ganz geschmacklos angezogen ist, deren ganzes Wesen eher zum Lächeln Anlaß gibt, weiß er wohl kaum, daß dieses Mädchen ein ungeheuer großes Wissen besitzt, daß ihr Wille stark und unbeugsam ist. Er merkt kaum, daß dieser in Folge einer Unmasse von Leiden jämmerlich aussehende jüdische junge Mann weit mehr um seine Manncrehre und Männerwürde besorgt ist. als um sein Leben und seine Zukunft. Und fragen sie dieses oft hungernde Mädchen, diesen armen Zungen Studenten, ob sie gerne mit den Juden tauschen möchten, die, ohne sich um ihrer Brüder Leid zu kümmern, in Palästen wohnen und unaufhörlich Bälle von protzigem Luxus zu Ehren ihrer antisemitischen Freunde geben, sie werden immer die Antwort erhalten: „Rein! Wir haben gelebt und sie haben vegetirt!" Wenn man die Juden sieht, die unter Verbeugungen aller Art, Christen ihre Töchter und ihre Millionen zur Vergoldung der verrosteten Wappen anbieten, wird man entmuthigt und bitter enttäuscht. Doch wenn man diese jüdische Jugend sieht, die bei all ihren Leiden und Qualen hofft und strebt, mächtig will, edel denkt und fein fühlt, wird der Glaube stärker und man muß sich sagen: »Wir haben für unsere Zukunft» nicht zu fürchten? Unser Volk, deren Jugend noch solche Gestalten aufweist, ist lebensfähig und lebensberechtigt!" Pi. Wltthellgngen aus Den W. Ame»verel»ra traft sSr ftitftlftttu tTLmmttiche süd. Wanderbettelvereine rrno Kanen sür DrrrHreLsende sind gebeten, nnS MittheUnnge« über Erfahrungen, die sie auf dem Gebiete ihrer THLtigteit machen, rnkommen zu lassen.) Aschersleben, 15. Juli. Vor ca. acht Tagen sprach an hiesiger Armenkasse ein Individuum vor. das angab, bei einer Installation in Dirschau (Westpreußen) verunglückt zu sein. Die betr. Person gerierte sich ferner als geborener Franzose, der nicht ein Wort deutsch sprechen konnte und suchte auch auf diese Weise die Barmherzigkeit der Leute auf sich zu wenden. Des Ferneren führt der Betreffende Bandagen und Arzneimittel bei sich und will diese als Beweis seines Krankseins gelten lassen. Er liebt es ferner — da er doch nicht deutsch kennen will — sich von einer Kasse zur anderen schriftlich beordern zu lassen; einige haben dies bereits gethan, von anderen hat das betr. Individuum Fälschungen vorgezeigt. — Inzwischen habe ich nun auch feststellen lassen, daß dieser schlechte Schwindler ebenso wenig in Dirschau verunglückt, als auch das Schriftstück echt ist, das ist vielmehr eine ungeheuere Fälschung, wie dies bei seinen übrigen Papieren der Fall ist. Das fragliche Subjekt, ca. 30 Jahre alt, klein von Statur, trägt einen Schnurr- und sogenannten französischen Spitzbart. Der Name (falsch) hat einen französischen Klang; Paß oder Heimathschein zeigt er nicht vor, jüdische Ausdrücke ließen auf einen »Polens schließen. Die titl. Vereinsvorstände und Kassirer werden anbei gebeten, dieses unseren Kaffen gemeingefährliche Subjekt unverzüglich verhaften zu lassen. Für die Armenkasse: M. Schloß.