Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 57 (18.7.1904)
- Date
- 1904-07-18
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Bilanz ter Vergangenheit zieht und spricht: „Wollen es einmal anders versuchen, zur Abwechslung." Wem Gottes Wort. Gottes Wort ist, dem ist es nicht langweilig. der findet die ächte Weisheit, die Tiefe des Gemüths, das Lebensblut seines Herzens, da wo es unsere Ahnen fanden. Aber wehe ihm. wenn er es nur d e ß - halb findet, weil es die Ahnen so fanden, wenn er Gottes Gesetz die pietätsvolle Beachtung schenkt, die man irgend einem Familienandenken gewährt. Wehe dem, der nur äußerlich, kalt, mechanisch, leblos, lästig, träge das warme lebendige frische Gotteswort erfüllt... Wehe denen, die da Kinder und Enkel zeugen und „alt werden", die Kinder und Enkel werden mit alt werden in der Schule schon erzogen zur Blasirtheit und zur Weltklugheit des Alters. Und das ist unser weltgeschichtliches so herzzerreißendes Drama. Unsere arme, arme Jugend ist verrathen und verkauft, unserer Jünglinge, unserer Jungfrauen Feuer wird gelöscht, mit Gewalt drohen und locken „die Alten" die „Jungen" hinweg von dem ewig frisch, heiter, göttlich blühenden Sinai, hinweg zu den üppigen, aber ach so welken todtbringenden Giftblnmen, die gepflanzt in fremden Auen. Und die Wahrheit und die Treue und die Liebe, die nicht an imvonirende materielle Größe geknüpft ist, wird verlacht und verspottet, der Besitz gekrönt, der Genuß vergöttert. Wo ist die hingebungsvolle Begeisterung, wo das heilige Altar-Feuer, wo die vollständige Weihe des ganzen Lebens für Gott und sein Gesetz? Ach „die Alten" meinen nur durch Aliwerden wird man klug und zufrieden, und unser Gott hat gesvrochen: „Wenn ihr alt werdet, so werdet ihr aus dem Lande vertrieben werden." Möchten uns doch diese Tage der Trauer und der Erinnerung an den Fall „Jeruscholajim-Zions", wieder aufrütteln und wach werden lassen und wir es uns geloben, jugendfrisch von uns das Joch der zeitgenössischen Götzen abzuschütteln, und wieder rra das Weib zu sein, dos seinem Gott, seinem Geliebten, seinem Gatten gegenüber kein Fragen, kein Zweifeln, kein Zögern kennt, sondern sich ihm und seinem Gesetz rückhaltlos hingibt. Dann — aber auch nur dann — „wird Zion in neuem Glanze strahlen und wir alle dieses Glanzes theilhastig werden." -o- Frankfurt a. M. r ‘ Deutschland. Berlin. (Eine neue jüdische Colonie in Brasilien.) Briefliche Nachrichten aus der großen deutschen Colonie Slumenau in Rio Grano de Sul wissen über eine von der „I. C. A." geplante jüdische Colonie in Brasilien folgende überaus interessante Details zu melden: Die Colonie, welche den Namen „Philippson" führen wird, ist in der vom Uruguay durchzogenen Provinz Rio Grande de Sul und zwar in der Nähe der 25 Kilometer von Santa Maria entfernten Station Pinhal der Eisenbahn Santa Maria-Paffo Fundo gelegen. Bereits im Jahre 1900 hatte die „I. C. A." eine Sachverständigen-Cominission nach Rio Grande de Sul entsendet, um zu untersuchen, ob die Provinz für jüdische Colonisationszweckc geeignet ist. Die von der Commission mitgebrachten Nachrichten lauteten sehr günstig. Der Boden sei überaus fruchtbar und das Klima das Gleiche wie etwa in Portugal, wo die Juden bekanntlich viele Jahrhunderte lang in sehr großer Anzahl gelebt haben. Im Jahre 1902 kam Herr Lapine. ein früherer Verwalter einer großen jüdischen Colonie in Argentinien nach Rio Grade do Sul, um da ein größeres Terrain zu erwerben. Es gelang ihm in der Nähe von Pinhal ca. 5000 Hectar Land zu kaufen und von der Regierung zahlreiche wichtige Privilegien zu. erhallen. Auch die Eisenbahngesellschaft gewährte den zukünftigen Colonistcn wesentliche Concessionen. hinsichtlich der Frachttarife. Die Colonie ist im Norden der Provinz auf einem Plateau gelegen und hat völlig ebenen Boden, der sich zum Getreidebau vortrefflich eignet. Jeder Kolonist erhält ein Haus, Ackergeräthe und Vieh, sonne Saaten und 25 Hectar guten Getreidebodens nebst einer eigenen Waldpcncelle. Letztere darf er nur zu Heizzwecken benutzen, aber niemals abholzen. Schon seit April 1895 sind zahlreiche Arbeiter damit beschäftigt, den Boden zu ebnen und Zufahrstraßen zu der zukünftigen Colonie auszubesse^n. Colonie Philippson ist für 80 Familien berechnet. (kmS. Dem sechszehnten Bericht der „Emfer Heilquelle" (Majne hajeschuoh), Unterstützungs-Verein für arme jüdische Kurbedürftige, für das Jahr 1903, entnehmen wir: Die Zahl unserer Gönner hat von Jahr zu Jahr abgenommen, während die Zahl der armen Knrbsdiirftigen immer mehr gewachsen ist. Wir mußten »ns einen erheblichen Pflegezuschuß zahlen lassen, um den Anforderungen nur teilweise gerecht werden zu können, und die ganz armen Patienten, die nichts zu zahlen im Stande waren, abweisen, wenn es uns auch noch so sehr schmerzte. Möge doch der im Herzen unirrer Glaubens-Brüder und -Schwestern schlummernde Wohlthatigkeitssinn zu neuem Leben erwachen. mög«n Herz und Hand unserer wohlhabenden Kurgästss sich offnen, um allen zu helfen, welche arm und krank find. Wir m/ü len, das ist unser sehnlichster Wunsch, alle Ausnahmeaesuche berücksichtigen, soweit sie Berücksichtigung verdienen, aber wir können es nur dank. J