Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 57 (18.7.1904)
- Date
- 1904-07-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1205 gesetz, dafür aber in einen mystischen, jeden natürlichen und vernünftigen Keim erstickenden Dunst gehüllt", ist also in seinem Wesen gar nicht von dem widernatürlichen Judenthum verschieden, bedeutet vielmehr für den Apostaten eher einen Rückdenn einen Fortschritt -: aber das Glück, das Glück, die liebe launische Fortuna steht auf seiner Seite-und ist nicht Glück die Hauptsache? Also nochmals! Werdet Christen lieber heute als morgen, werdet Christen und froh und glücklich!!- Das wär's. Das ist «das Ergebniß eines Jahrzehnte langen Studiums, Prüfens und Ringens", und der Ausfluß einer Weltanschauung, die über alle bisherigen Philosophen «hinweggeht". Nun denn! Wir theilen nicht des Verfassers Ansicht vom Wesen des Judenthums, eine Ansicht, nach der es keinen Wesensunterschikd zwischen Judenthum und Christenthum gäbe. Das Judenthum will nach unserer Ueberzeugung auch nicht eine einzige, der menschlichen Natur von Gott eingepflanzte Anlage ausroden, will vielmehr sie alle insgesammt in gleicher Dignität in die von Gott gewiesenen Bahnen lenken, will nicht eine einzelne Seite des menschlichen Wesens herausgreifen, fordert vielmehr von ihm, thamim thihejeh im Hasch e m, daß er ganz angehöre Gott, seinem Gott, und uns scheint es demnach, daß das Wesen des Judenthums eben darin bestehe, daß es nicht gleich allen anderen Bekenntnissen sich als Regulator des nach Gott sich sehnenden Gemüthes darstellt, daß es nicht Religion ist, sondern Lebensgesetz. Aber nicht darüber wollen wir mit dem Verfasser rechten. Denn wir wiederholen nochmals, daß Jäkob nicht in Folge seiner verkehrten Ansicht über das Wesen des Judenthums diesem untreu geworden ist, sondern weil er in nichts sich von den Tausend anderen galizischen Jünglingen, die das Bildungsfieber ergriffen, unterscheidet. Auch darüber wollen wir nur die Achsel zucken, daß die Frage, warum die Juden ewig leben, von dem Verfasser in merkwürdiger Uebereinstimniung mit dem von ihm überholten Spinoza beantwortet wird, dessen theologisch politischen Traktat wir ihn» dringend zu nochmaliger, eingehender Lektüre hiermit zu empfehlen uns erlauben mochten. — Eines nur wollen wir in aller Bescheidenheit fragen. Hat sich der Verfasser wirklich nicht ein klein wenig geschämt, als er oben skizzirten Vorschlag zur Losung der Judenfrage auf den Altar seines Volkes legte? Hat er nur gefürchtet, «fromme Gemüther zu verletzen, den Zorn der Eiferer und den Tadel der klugen Leute herauszufordern". keinen Augenblick aber daran gedacht, daß er durch diesen Vorschlag seine ganze Welt- und Lebensauffassung weit, weit eindringlicher charakterisiren werde, als es die beste Autobiographie je vermocht hatte? Es ist Verfasser nicht vergönnt gewesen, Corpsstudent zu sein, da er offenbar sogar bei sich selbst mit seinem famosen Vorschlag zu spät gekommen: Gibt eS aber nicht auch in simpel bürgerlichen, ja sogar jüdischen Kreisen,' so ein Ding, das man männiglich Ehre zu nennen pflegt? Denn nur von Ehre wollen wir zunächst sprechen, und nicht von Ueberzeugnng. da Verfasser mit seinem Vorschlag ausschließlich an die Reformer herantritt, deren durch Äeberzeugung bedingte Anhänglichkeit an's Judenthum er eben in Zweifel zieht. Die Reformer, so meint der Verfasser, glauben nicht an die Zukunft des Judenthums, auch nicht an seine Mission, wenn sie es ehrlich überlegen — wozu also all die Kränkung und Zurücksetzung, all das Bitterniß und Leid? Warum nicht dem ein Ende machen, indem man zum Christenthum Übertritt, an das man freilich ebenso wenig glaubt als bisher an's Judenthum, oder vielmehr eben weil man bisher an's Judenthum ebenso wenig glaubte, als von nun ab an's Christenthum? Hat denn das wirklich mehr auf sich, als wie wenn man einen Rock mit dem anderen vertauscht? -Werther Herr Dr.! Unter Ehre verstehe ich, und Sie wohl auch, die Anerkennung meines persönlichen Werthes um meiner selbst willen. Und wenn nun jemand, sei es wer immer, zu mir herkommt, mit einem Wams in der Hand, und zu mir anhebt zu sprechen: Dein Wams da, welches Du an hast, hat ein Loch. Dieses hier, welches ich da habe, hat ebenfalls ein Loch, ist außerdem um ein aut Theil schäbiger: Aber so lange Du Dein Wams nicht ausziehst und mit meinem da Dich bekleidest, verachte ich Dich, haste ich Dich, speie ich auf Dich, weise ich Dich zurück, wo immer ich nur kann, nehme Dich in kein Corps auf, lasse Dich keinen Offizier werden, weise Deine Bewerbung um ein Staatsamt zurück, gönne Dir keinen Zutritt in meine Gesellschaftsschicht, halte Dich fern vom öffentlichen und Familienverkehr, ganz ohne Grund, ganz ohne Sinn, einfach deßhalb, weil ich Dich zwingen will, nach meiner Pfeife zu tanzen, und weil ich Lust habe. Dir so lange die Ehre abzusprechen: Glauben Sie wirklich, Herr Dr., daß ein Mann von Ehre sich nun dazu verstehen wird, Wams mit Wams zu wechseln, um das zu erwerben, was der Mensch kraft seiner Geburt besitzt, glauben Sie im Ernst, daß ein Mann von Ehre anders wird handeln können, als den schnöden Antragsteller anzupacken und vor die Thüre zu setzen, weil er auf ein Corps, auf einen Rang, auf eine Achtung, die durch feilen Schacher, und nicht durch persönlichen Werth erworben worden, verzichtet, und weil er eine solche Achtung-verachtet!! Oder sollte hier in diesem Punkte gerade das Novum Ihres Aufsatzes zu finden sein, das Novum, das wir bis jetzt so schmerzlich vermißten? Hier auch die Welt- und Lebensauffassung sein, durch die sie über alle Philosophen, die allerdings anders, ganz anders dachten, ..hinweggegangen" sind? Sollte dem so sein, bleibt uns nichts übrig, als Sie selbst gegen sich in's Treffen zu führen.