Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 56 (14.7.1904)
- Date
- 1904-07-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2449986-2450038--61022-2522058- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1181 Wort zu, das ich auch nicht verstand, das ich mir aber gemerkt habe, es heißt: Aleschor! Aleschor! Aleschor!" Hirsch Pappenheim zitterte vor Aufregung als er diese Mittheilung hörte und erst nachdem er einige Sekunden sinnend da gesessen hatte, ergriff er das Wort: „Unsere Weisen legen der guten Deutung und Auslegung eines Traumes einen sehr wesentlichen Einfluß auf seine gute Verwirklichung bei. Ich will Ihnen deßhalb Ihren Traum, so gut ich es vermag, auslegen. Ter Mann, der Sie gesegnet hat, ist ohne Zweifel Ihr Großvater Rabbi Elijehu Zülpich, das Andenken des Gerechten sei zum Segen. Was von dem Propheten Elijahu uns überliefert ist, daß sich derjenige glücklich schützen darf, der sein Antlitz auch nur im Traume sieht, das gilt ganz gewiß auch von diesem würdigen Träger seines Namens. — Warum er Sie Josef angeredet hat. weiß ich nicht. Aber die Vermuthung liegt nahe, weil Ihr Schicksal mit dem Josef der Bibel viel gemeinsames hat und wohl noch erhalten soll. Auch der biblische Josef wurde frühzeitig dem Vaterhause entzogen und lebte in der Fremde in hohem Glanze. Aber der Josef der Bibel ist auch in der Fremde den Ueberlieferungen des Vaterhauses treu geblieben. Gr war jedoch beim Verlassen des Vaterhauses schon so alt. als Sie jetzt sind. Deshalb war das bei Ihrer Erziehung bis jetzt unmöglich. Aber es kann noch möglich werden und vielleicht ist Ihnen dafür der großväterliche Segen geworden, damit Sie sich zu der Höhe erheben, die allen irdischen Glanz wie werthlosen Tand und Flitter preisgcben und sich für die Bestimmung zu entscheiden lehrt, die Ihnen durch Geburt und Abstammung vorgezeichnet ist". „Und das letzte, räthselhafte Wort, das mir der Großvater zuries?" fragte erregt der Jüngling. „Dieses Wort und seine Bedeutung ist mir unbekannt. vielleicht haben Sie es doch nicht genau genug verstanden. Aber jedenfalls liegt seine Bedeutung im Rahmen dieser Auslegung." „Nachdem Sie sich als ein so guter Traumdeuter erwiesen, verstehen Sic vielleicht auch Räthsel zu lösen oder wenigstens zu lesen," bemerkte Ignatius und zeigte ihm das hebräische Buch, das er mitgebracht hatte. Hirsch Pappenheim nahm cs und drückte einen ehrerbietigen Kuß auf dasselbe bevor er cs öffnete. Es war ein Gebetbuch, aus dem ohne Zweifel die Mutter des Jünglings dreimal ihr tägliches Gebet verrichtet hatte. Vor dem Titelblatt waren einige Zeilen geschrieben. Pappenheim trat damit an's Helle, um die abgeblaßte Schrift besser sehen zu können. Aber jetzt fing seine Hand an zu zittern und eine Thräne fiel auf das heilige Buch. Dann las er die in hebräischer Sprache abgefaßten Worte in folgender deutscher Uebersehung vor: *■' „Heute hat mir meine theuere Frau Frummet, Tochter des frommen, gefeierten Rabbi Elia Zülpich, gesegnet sei das Andenken der Gerechten, einen Sohn, Josef, zu gutem Glück geboren. Gott möge uns die Gnade gewähren, ihn zur Thora, zur Chuppo (Heirat) und zum Neben guter Werke zu erziehen. Amen! Schloßgut Thiany, in Schuldhaft, am 11. Adar 5526." „Herr Graf Ignatius Esterhazy. Ihr heutiger, von den Eltern Ihnen ertheilter Name ist Josef," bemerkte darauf Herr Pappenheim. „Deshalb hat Ihr Großvater Sie damit angesprochen. Ich erbitte, mir gnädigst zu gestatten, Sie auch mit diesem Ihrem wahren Namen anreden zu dürfen, so lange wir unter vier Augen sprechen." „Gewiß, gestatte ich es. Dieser Name wird mich jedesmal, so bald er mein Ohr trifft, wie ein Gruß von meinen Eltern gemahnen. Aber lest mir doch auch einmal das Datum vor. Ich bin doch im Jahre 1766 geboren und mein Geburtstag ist am 18. März, das stimmt doch nicht, was Sie da vom Jahre 26 lesen." „Das stimmt vollkommen." entgegnete der Gefragte. „Wir Juden haben ja unseren eigenen Kalender und auch eine besondere Zeitrechnung. Wir zählen die Jahre seit Erschaffung der Welt, während sie das Ehristenthum nach dem Geburtsjahre seines Stifters zahlt. Als die Christen 1766 zählten, zählten wir 5526; auch der März entspricht unserem Monat Adar." „Wie Ihr das Alles wisset, Herr Pavpenheim! Wenn Ihr inich bei meinem Namen nennen wollt, so müßt Ihr schon gestatten, daß ich Euch auch bei dem Eucrigen nenne, 'wenigstens hier in der Abgeschiedenheit. Ihr scheint den Kalender zu verstehen und seid auch so bibelkundig, daß Euch die Geschichte von Josef ganz geläufig ist. Und doch seid Ihr von Hause aus nichts als Leder- und Eisenhändler? Seid Ihr nicht gar ein verkappter Theologe, der mich in sein Netz locken und inich dem Christenglauben abwendig machm will um mich für Eure Irrlehren zu gewinnen? Sprecht Herr Pavpenheim!" sprach der Jüngling mit hartem Tone. „Sie fragen viel auf einmal, junger Herr," entgcgnete mit einem milden Lächeln Herr Pappenheim. „Ich will auf Ihre letzte Frage zuerst antworten. Unser Gesetz verbietet uns, Seelen zu fangen, die uns nicht gehören. Aber Sie gehören zu uns, Sie sind Fleisch von unserem Fleisch und Geist von unserem Geiste. Ich trage einen Theil der Schuld, daß Sie Ihren Eltern und uns entfremdet wurden, ich habe keinen sehnlicheren Wunsch, als denjenigen. Sie möchten aus freien .Stücken, getrieben von Ihrer inneren Ueberzengung, wieder dahin zurückkehren, wohin Sie allein gehören. -Das leugne ich nicht, das ist aber auch alles. Ich habe Sie nicht gelockt und noch weniger verlockt und werde es auch für die Folge nicht thun. Was ich mit Ihnen