Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 55 (11.7.1904)
- Date
- 1904-07-11
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2449986-2450037--61008-2522043- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1168 pflichten und Bürgerrechten unvereinbar. Sie glaubten vielleicht noch eine rettende That zu begehen, wenn sie die Ideale unserer Zukunft den Forderungen des Tages und den Ansprüchen einer kurzsichtigen Gegenwart opferten. Die Kinder hielten die Bitte um Rückkehr in's heilige Land der Väter nicht mit der Höhe der Zeit vereinbar, auf der sich Vorsteher und Rabbiner dünkten. Wie haben sich die Herren doch verrechnet und wie schlecht haben sie sich auf die Zeit verstanden! Alle Schmeicheleien, mit denen man die Zeit überhäufte, alle Conceflionen, die man ihr machte, hinderten -sie nicht, sich gegen ihre Schmeichler zu erheben und sie schnöde von sich zu weisen. In keiner Stadt von ganz Europa hat sich die öffentliche Meinung so scharf und so entschieden gegen die Juden gewandt, als in Wien, wo man den bloßen Gedanken einer Rückkehr nach dem heiligen Lande aus den Gebetbüchern gestrichen batte. Und in demselben Wien ersteht dreißig Jahre später ein Mann, der, was Gesittung, Bildung, Vaterlandsliebe und Verständniß der Zeit betrifft, den offiziellen Vertretern der jüdischen Gemeinde wahrlich nicht nachsteht, der Hunderttausende wieder für Zijon begeistert hat und mit dem Wunsche auf den sterbenden Lippen aus der Zeitlichkeit scheidet, seine Gebeine von dem heimkehrenden jüdischen Volke im heiligen Lande geborgen zu wiffen! Man vermißt hier sogar die Langsamkeit, mit der sonst Gottes Mühlen mahlen. Denn was bedeuten dreißig Jabre, bei einem so vollendeten Umschwung der Anschauung und Gesinnung! Wohl ist das Herzl'sche Zijon nicht dasjenige, dem unsere Sehnsucht gilt. Es ist ein Zijon ohne Tbora, ohne Aboda, es ist ein Wahngebilde, nicht deßhalb, weil es in den Allyen der großen Masse, sondern weil es an den Aussprüchen unserer heiligen Urkunde, an den Verheißungen unserer Propheten und Weisen, weil es. am Maßstabe des historischen Judenthums gemessen, als Utopie-erscheint. Dieser Jrrthum ist um so verhängnißvoller. je achtunggebietender seine Vertreter dastehen. Ohne einen Repräsentanten von der Qualität Herzl's hätte der Zionismus nicht so viel Geister und Gemüther bestrickt, als es bisher der Fall war. Das wird von jetzt ab aufhören. Wer Herzl die zionistischen Congresse wiederholt präsidrren sah, mußte sich sagen, daß das der geborene Präsident ist, der-wie kein anderer^ die Fähigkeit besitzt, die Gegensätze zu versöhnen, me widerstreitenden Interessen, Anschauungen und Prinzipien auszugleichen und dabei doch nichts seiner Person und ded Sache zu vergeben. Es wurde ihm oft schwer gemacht; ich weiß es aus seinem eigenen Munde. Aber daS ist kein Geheimniß, wenn einer seiner Mitarbeiter in der «Neuen freien Presse" in einem heute gelegentlich der Beerdigung gelvidmeien Nachruf diese Annahme auch nur hypothetisch mit den Worten roiedergibt: „Bewundernswerth war die Zähigkeit, mit der er an seinem Traume festhielt. Mit Ruhm und Ehre kälnvfte er dafür, persönlich wissen wir nicht zu sagen mit wie viel Glück. Möglich aber, daß er dafür gestorben ist. daß er der Märtyrer seiner Idee geworden. Man kann sich des Gedankens nicht erwehren, daß ihm dieser Kampf die Gesundheit untergrub." Aber wie dem auch sei. ob der Zionismus das Ende seines Führers beschleunigt hat oder nicht, der Tod Herzl's wird jedenfalls für den Zionismus verhängnißvoll werden. Man sieht sich vergeblich nach einem zweiten um. der die entstandene Lücke ausznfüllen vermöge. Hier ist die Nnersetzlichkeit Herzl's sicher keine Uebertreibung. Nordau ist ein Verstandesmensch, und sonll nichts. Er hat in seinen bisherigen Ansprachen schon so oft und so nachhaltig die nächsten Kreise verletzt', daß der Unwille darüber mir schwer daniedergehalten werden konnte. Wenn der Vater der „Konventionellen Lügen" auch Vater des Zionismus werden sollte, so wäre das Wort bereits gemünzt, mit dem man den Zionismus für die Folge treffend bezeichnen würde. Daß Herzl den Gedanken an Zion bei dielen wieder belebt hat, die ihn ganz vergessen hatten oder sich seiner schämten, ist und bleibt sein großes Verdienst. Daß von dieser ungewohnten Erscheinung geblendet, manche treue Zionssöhne, manche wackere Bekenner des gesetzestreuen Judenthums sich beredeten, ihr p’in ip» w rwrrr sei mit der Herzl'schen Fata morgana eins und dasselbe, das ist ihre eigene Schuld und nur sehr mittelbar diejenige Herzls. Er hat über seine Ideen, Ansichten und Absichten Niemand täuschen wollen, sondern immer und überall seinen Standpunkt offen und redlich vertreten. Zeitungsnachrichten und Eorrespondeuzeu. Deutschland. Mainz. Wir erhalten folgende drei Zuschriften: Sekretariat des Großh. Oberraihs der Israeliten. Karlsruhe, 8. Juli 1904. In Vollzug des anliegenden Erlasses übersenden wir Ihnen die beigefügte Berichtigung unter Bezugnahme auf § 11 des PreßgesetzeS. Briefen.