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Der Israelit · 1904-07-11 · Heft 55 (11.7.1904) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 55 (11.7.1904)
Date
1904-07-11
Page
– (sequence 9)
Language
German
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45. Jahrgang. Meikage zu Jfs 55 des „Israelit". Dr. Herzls teichenbegängniß. Wien, 7. Juli. R R Soeben hat die Beerdigung Dr. Theodor Herzls stattgcfunden. Obwohl derselbe testamentarisch -bestimmt hatte, daß er nur ein Begräbnis', wünsche, wie es der ärmste Mann erhält, gestaltete sich doch das Leichenbegängnis; zu einer imposanten Kundgebung. zu dem nicht nur aus Wien, sondern aus ganz Europa und selbst von anderen Erdtheilen freunde und Verehrer herbeigeströmt waren, um dem Heimgegangenen die letzte Ehre zu erweisen. Schon Stunden vorher bewegte sich eine große Volksmenge in der Heinzingergaffe, und Hunderte von Wagen nahmen in den angrenzenden Straßen Aufstellung. Der Sarg wurde von zionistischen Studenten geleitet und laut lehtwilliger Bestimmung Herzels. neben dessen Bater auf dem Döblinger Friedhof bestattet. Punkt 10 Uhr begannen die Oberkantoren G u t - m a n n und S ch o r mit dem Oberkantor von Döbling die Trauergesänge. Alsdann wurde der Sarg zum Thore gebracht. Es folgte zunächst die Familie: Frau Julie Herzl gcb. Raschauer. die Mütter des Verblichenen: Frau Jeanette Herzl. der Sohn Hans Herzl. und andere Verwandte. Besonders zahlreich waren die Vertreter der Presse erschienen, auch die jüdische Gemeinde war durch ihre Präsidenten und eine Anzahl Vorstandsmitglieder vertreten. Von den hiesigen Rabbinern waren nur die Herren Dr. Feuchtwang itiib Dr. Grünwald erschienen. Das größte Kontingent stellten die Zionisten aus aller Herren Länder. — Der Verblichene hatte das Abhalten von Reden und Spenden von Blumen durch letztwilligen Wunsch untersagt. Dennoch sprach Direktor Wolfsohn aus Köln nach dem Versenken des ' Sargs einige Worte des Abschieds. Das zionistische Aktionskomitee veranstaltet morgen im großen Musikvereinssaale eine Trauerge dä'chtnißfeier. Man mag über die Zionisten und den Zionismus denken wie man immer will, sein Erfinder und nobelster Vertreter, Theodor Herzl. hat jedem Achtung und Anerkennung abqerungen. der je Gelegenheit hatte mit ihm zu verkehren. Er hatte etwas Sympathisches. Vornehmes, ja man darf ohne Nebertreibuna sagen, fürstliches in seinem ganren Auftreten, das ihm so sort die Geister und Gemüther gewann. selbst wenn sie seine Anschauungen nicht theilen konnten. Man fühlte aus jedem gesprochenen Wort, die Klarheit des Geistes, die Tiefe des Gemüths, die edle Herzensgute und reine Menschenliebe heraus aus der es qnoll, während das zurückgehaltene Wort den vollendeten Weltmann, den gründlichen Menschenkenner und die Mäßigung wahrhafter Toleranz bekundet, wie sie nur wenigen Abgeklärten unter den Hochgebildeten eigen ist. Was ihm aber den Zauber seines ungewöhnlichen Einflusses in erster Reihe sicherte, war die Ehrlichkeit, Redlichkeit und Wahrhaftigkeit seiner Gesinnung. Sie verlieh jedem gesprochenen und geschriebenen Wort die überzeugende Kraft. Sein Händedruck war der Freundschaftsausdruck eines treuen Freundes, seine Thaten waren die treue Ausprägung dessen, was sein reiches, edles Innere dachte, strebte, hoffte. Deshalb war er der prädestinirtc Vertreter einer Utopie, wie sie der Zionismus ist; er hat an sie geglaubt. Er hätte ihr nicht das Wort geredet, er hatte nicht seine ganze Persönlichkeit dafür in die Wagschaale geworfen, wenn er nicht von ihrer Möglichkeit und Rcalisirbarkeit durchdrungen gewesen wäre. Dieses rückhaltlose Vertrauest in die Verwirklichung seiner Ideale, das sein ganzes Leben und Wirken charakterisirte. hat er mit seinem Tode und durch den letztwillig geäußerten Wunsch besiegelt, das jüdische Volk möge bei seiner Rückkehr in's heilige Land. se^ne Gebeine mitdorthinnehmen. Welche Fluth von Gedanken und Empfindungen i regt dieser testamentarisch hinterlassene Wunsch an! , Die Zukunft wird es erst lehren, ob Herzl mit diesem , Wunsch dem Zionismus nicht mehr geleistet hat. als . mit aller Hingebung der letzteren Jahre seines Lebens.; Was Herzl auch im Tode noch für den Zionismus thun , konnte, das hat er mit diesem Wunsche gethan. | Aber vom Zionismus ganz abgesehen, was liegt , in einem solchen Testament von einem solchen Manne, in hiesiger Stadt der ganzen Welt verkündet, doch für ein wunderbares Walten der göttlichen Vorsehung! Kaum dreißig Jahre sind verflossen, seitdem der Vorstand der hiesigen jüdischen Gemeinde aus unseren Gebeten jeder Erwähnung von Ziion, Jeruscholajim und unserer Rückkehr in's heilige Land ausqemerzt und damit die feiner Zukunftsidealen treue Bekenner deS historischen Judentums zur Trennung und selbstständiaen Constitmruna genöthigt hat. WaS hat'die Würdenträger unserer Gemeinde, die geistigen und die anderen, zu dem unheilvollen Riß in unsere bis dahin einheitliche Gemeinde bestimmt? ' Sie seben ohne Zweifel Wien für ibr Jerusalem, , die Donau für ihren Jordan an und hielten die iu- » dischen Messiashoffnunaen und die Zuversicht in' die einstige Rückkehr zum heiligen Land, mit ihren Bürger-

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