Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 55 (11.7.1904)
- Date
- 1904-07-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1165 Blick zu, bann aber wandte er sich zu dem junge« Mädchen, die wie der Stütze bedürftig eine Seffellehne umklammert hielt. „Sie haben das nicht gewußt, liebe Frieda, man hat es Ihnen aus Schonung verschwiegen, aber vielleicht hat'meine Frau recht, vielleicht ist es bester, daß Sie es wissen, dann werden Sie einsehen, dak Ihr Vater gegen Ihre Brüder nicht ungerecht war." Sie erwiderte nichts, der Hals war ihr wie zugeschnürt, nur mit übergroßer Anstrengung hielt sie sich aufrecht. Frau Müller drängte zum Fortgehen, sic fürchtete, den ihnen am besten paffenden Zug zu versäumen. „Warten Sie einen Augenblick," sagte Keßler. „Sie können nicht allein gehen, ich werde Sie zum Bahnhof begleiten und Sie stutzen." Die Frau Professor verfärbte sich, ihr Gatte wollte das Jüdenmädchen zum Bahnhose begleiten! — unmöglich, das konnte sie nicht zugeben. »Lasse doch lieber eine Droschke kommen. »Du hast recht," sagte er, indem er an den Schellenknopf drückte und dem gleich darauf eintretenden Bedienten befahl, schleunigst einen Wagen herbeizuschaffen. „Und nun, liebe Frieda, leben Sie recht wohl! Also ich rechne darauf, daß Sie noch im Lause dieser Woche nach Davos reisen und mir nach Ihrer Ankunft dort sofort schreiben. Kommen Sie, der Wagen wird schon da sein." Sie verneigte sich grüßend gegen die Damen des Hauses und wollte sich auch ebenso von dem Professor verabschieden, er aber nahm ihren Arm und geleitete sie aus dem Zimmer über die Stiege bis zum Wagen. Er hätte das vermuthlich nicht gethan. aber in ihm kochte es. Die Eifersucht seiner Frau, ihr beständiges Streben, ihn zu bevormunden, die Herzensrohest, die sie gegenüber seiner Mündel an den Tag gelegt, er konnte und wollte sich das nicht länger gefallen lassen, er wollte ihr zeigen, daß er sich um ihre Anschauungen nicht kümmerte. Scenen waren ihm jedock verbaßt, er begab sich daher nicht wieder zurück in lein Ordinationszimmer. wo er seine Frau noch vermuthete, sondern in sein gegenüberliegendes Arbeitszimmer. Dock er war nicht im Stande zu arbeiten, unmuthig wanderte er in dem schönen weiten Raum, an dessen Wänden sich Bücherschränke mit kostbaren Werken reihten, auf und nieder. Bald nahm er hier ein Buch heraus, blätterte darin und stellte es wieder^hinein, bald zog er dort eine Schrift hervor und versuchte zu lesen — umsonst , nichts wollte seine Aufmerksamkeit fesseln. Endlich setzte er sick an den Schreibtisch und nahm das Manusrript. an dem er arbeitete, vielleicht würde es ihm gelingen, den Mißmuth sich vom Herzen weg zu schreiben, Eben wollte er nach der Feder greifen, als die Thür aufging und seine Frau in's Zimmer trat. „Hier finde ich Dich und mich lässest Du drüben allein!" Er preßte die Lippen aufeinander, wie um eine ärgerliche Antwort zu unterdrücken» dennoch versetzte er: „Du warst in einer Stimmung und hast mich in eine Stimmung versetzt, die mir das Zusammensein mit Dir nicht wünschenswerth erscheinen ließ." Sie lachte höhnisch. „Run ja, freilich, das Zusammensein mit dem schönen Judenmädchen erscheint Dir wünschenswerther. Wie zärtlich besorgt Du ihretwegen bist, sie darf nicht allein gehen. Du mußt sie hinunter führen. Wie viel mal hast Du sie dabei umarmt und geküßt?" Er erwiderte nichts, blickte sie jedoch spöttisch lächelnd an. „Run," rief sie, mit dem Fuße stampfend, „warum antwortest Du nicht?" „Weil ich auf derartige Fragen überhaupt nicht antworte." erwiderte er und griff nach eine n Buch*. „Jetzt aber bitte ick, lasse mich in Ruhe." „In Ruhe soll ich Dick lassen?" schrie sie. „ich soll Dick in Rübe lassen? — warum läßt Du mich nicht in Ruhe? Warum bringst Du mir Dein Mädchen in'S Haus und wagst es vor meinen Augen mit ihr zu charmiren?" „Aber Steffi, hör' doch schon einmal auf mit Deinem Unsinn." „Es ist kein Unsinn!" schrie sie, „und daß Du eS nicht, wagst, diele Person nochmals mir in's Haus kommen zu lassen, das verbiete ich Dir! Wenn ich sie nochmals hier treffe, lasse ich sie auf die Straße werfen." „Das solltest Du wagen." entgegnete er, indem er sich stramm aufrichtete und drohend zu ihr hinüberblickte. „Steffi. Steffi, ich warne Dich! spanne die Saite nicht zu stramm, sie würde sonst reißen." „Was soll das heißen?" fragte sie herausfordernd, „was willst Du damit sagen?" ..Damit will ich sagen, daß ich den Grafen Steinfels oft beneidenswerih finde." Sie wechselte die Farbe und blickte ihn starr au. dann aber lachte sie grimmig. „Du meinst, ich sollte Dir auck ein paar Millionen geben und mich von Dir scheiden lassen? Me?" „Was kümmert mich das elende Geld! — Ich ertrage den Zwang nicht mehr!" „Als ob Du so ideal gesinnt wärest." höhnte sie, „hast mich ja doch um Geldes willen geheirathet." Ein unartikulirter Laut entrang sich seiner Brust, erbleichend starrte sie ihn an. er aber fuhr mit der Hand über die Stirn und athmete schwer auf. . Wohin gerathen wir? . Rur noch einen Schritt weiter und unsere Trennung ist unausbleiblich. Ist Dir das recht?" Noch einen Moment starrte sie ihn an, dann ent-