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Der Israelit · 1904-07-11 · Heft 55 (11.7.1904) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 55 (11.7.1904)
Date
1904-07-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
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1162 lich aufgebauscht worden. In den Zeitungen erlaffen' hervorragende liberale Partcimänner, wie Forckenbeck, Mommsen, Gneist und Andere, eine nicht gerade gliicklich redigirte Erklärung gegen die Judenagitation, und im Abgeordnetenhaus ist eine Interpellation über die Judenfrage eingebracht worden. Bei dem allen ist auf beiden Seiten viel Geklingel und agitatorische Uebertreibung; aber jeder nüchterne Christ muß sich in der That die Frage vorlegen: Wohinaus soll es eigentlich mit der unter Stöcker's Führung in Szene gesetzten Antijudenagitation? Was soll und kann damit schließlich erreicht werden? Die Juden werden dadurch schwerlich bescheidener werden, und in dem ganzen antisemitischen Treiben fehlt das Beste, nämlich Gerechtigkeit und wirklich erbarmende Menschenliebe gegen die Juden. Die politische Emanzipation der Juden ist nicht rückgängig zu machen. Der einzige Weg zu einer Lösung der Judenfrage wäre doch nur eine Massenbekehrung Israels. Das weist auf die Judenmission' hin. Aber für große geschichtliche Erfolge ist jetzt, so weit Menschenaugen sehen, die Zeit noch nicht gekommen. Mir scheint hier in Berlin zunächst alles in eine große politische Hetze gegen Stöcker umzuschlagcn, dessen Optimismus und Eifer für eine im großen Stile zu erstrebende Masteneinwirkung auf unser Volksleben ihn oft genug über das rechte Matz und die rechte Nüchternheit hinaus und in große wirthschaftliche und soziale Probleme hineinführen, denen er nicht gewachsen ist.*) 20. Nov. Verhandlung im Abgeordnetenbause über die HLnel'sche Interpellation wegen der Juden. Hänel begründete sie mit Pathos und viel Sentimentalität. Die Erklärung der Regierung wurde von dem Grafen Stolberg in recht guter Form und sehr präzis dahin abgegeben, daß die bestehende Gesetzgebung das Recht aller religiösen Bekenntnisse in staatsbürgerlicher Beziehung gewährleiste, und daß die Regierung nicht beabsichtige, an diesem Rechtszustande etwas zu ändern. Diese Erklärung machte einen guten Eindruck. Sehr gut sprachen Peter Reichensperger und der konservative Hedyebrand, nur mäßig Virchow. pathetisch und gewandt Träger, der die Wendung gebrauchte: Ich nehme keinen Anstand, zu bekennen, daß ich ein oläubi- . ger Christ bin. Möchte er in Wirklichkeit ein gläubiger Christ sein und es immer werden, wie alle, die gläubige Christen sind, es immer werden müssen. Die Debatte wird übermorgen fortgesetzt, da Stöcker nicht zum Wort kam. *) Unter dem 6. Sevtember 1878 Surrst fick Doste über Stöcker wie folgt: .Ich habe imm-r den Eindruck der lieber- Knslimg bei ibm aus dem besten Willen ber-nis eine aufrichtiae Lie^s Zn unserem Volke, zu den 'Armen und Niedrigen, auch eine intuitive Erkenntwb der tiefsten Schäden unsere» Volksleben» aber eine dilettantenbaste Voreiligkeit im fiui> sprechen von Vorschlägen zur Ablnlfe. ein scharfe»Tadeln besten. >va» ist. ein wenig besonnenes «nd fast auSsichtSloie» Reden Über die Wege, auf denen man eS bester machen könnte." 22. Nov. Im Abgeordnetenhaus» sprach heute in der Antisemitendebatte Eugen Richter erregt und erregend mit ungewöhnlicher Schärfe und Feindseligkeit gegen Stöcker. Dann kam dieser zum Wort. Im Anfänge sprach er ausgezeichnet. Später wurde er zu breit und las eine ermüdend lange Reihe von Belegstellen vor. Seinen Gegnern war dies nur willkommen; denn dadurch wurde die sonst so packende Beredtsamkeit Stöckers stark abgeschwächt. Er wurde fortwährend durch Zwischenrufe unterbrochen und kam in eine für ihn ungewohnte Position. Er vertheidigte die Antijudenpetition und seine Betheiligung daran. Das aber ist nicht Stöcker's Stärke. Er kann begeistert und und begeisternd mit zündender Rede seine Ideen vertreten; aber sich mit nüchternen, überzeugenden Beweisen kühl gegen einen Sturm vertheidigen, der planmäßig vorbereitet ist, um ihn zu stürzen, unmöglich zu machen, das ist nicht seine Stärke. Er wurde zuweilen unruhig und unsicher und gab sich einzelne Blößen, die sofort von seinen fortschrittlichen Feinden festgelegt und ausgebeutet wurden. Ludwig Löwe sprach gegen Stöcker mit leidenschaftlichem Haß. Der Eindruck der ganzen Diskussion war deßhalb wesentlich ungünstiger. als am Samstag. Das Vernünftigste, was in der ganzen zweitägigen Debatte gesagt worden ist. bleibt die von Stolberg abgegebene, besonnene, auf dem Boden der Gesetzgebung bestehende Erklärung der Regierung. Die Petition der Antisemiten konnte von vornherein keinen wirklichen Erfolg haben. Auch wenn man von dem jetzt üblichen, sittlich und christlich gar nicht zu rechtfertigenden Fanatismus der Antisemiten absieht, sind deren Forderungen ungeschichtlich, unpreußisch. politisch unerfüllbar. Stöcker hätte das Hauptgewicht auf die von ihm zuerst an die Juden gerichteten beiden Aufforderungen legen sollen: „Etwas bescheidener und etwas toleranter!" München. Der von Dr. Singer, Sekretär am städtischen Statistischen Amte, auf Veranlassung des ..Vereins für die Statistik der Juden" für dessen Mitglieder abgehaltene Lehrkurs „Einführung in die Arbeitsmethoden der Statistik" war von etwa 20 bis 30 Theilnehmern. meist Studenten. Aerzten. Nationalökonomen etc. besucht. Da der StadtmagiÜrat in dankenswerther Weise den Bibliotheksaal des städtischen Statistischen Amtes zur Verfügung gestellt hatte, war es dem Vortragenden ermöglicht, die Veröffentlichungen und Formulare dieses Amtes als Demonstrationsmaterial zu benutzen. Der Vortragende erörterte in vier Stunden die „Vorstufen" statistischer Erhebung, die Organisation der amtlichen Statistik, die Volks- und Wohnungszählungen und den Arbeitsplan des genannten Vereins. Da Vorträge über Statistik noch immer als ein gewagtes Experiment gelten, sei auf diesen gelungenen Versuch hingewiesen.

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