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Der Israelit · 1904-07-07 · Heft 54 (7.7.1904) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 54 (7.7.1904)
Date
1904-07-07
Page
– (sequence 19)
Language
German
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1153 nicht in der Lage, die Wünsche und Beschwerden der Orthodoxie anderloeitig wirksam zur Geltung zu bringen, denn eine öffentliche Kritik der behördlichen Maßregeln könnte als eine Auflehnung gegen die Vorgesetzten Behörden ausgelcgt wcrden. Ja. wir können diese Rabbiner, die man doch bei einer Aktion für die Jntereffen des gesehestreuen Judcnthums an der Spitze erwarten würde, nicht einmal auffordern, unserem Verein beizutreten, weil wir sie nicht der Gefahr aussetzen wollen, bei ihrer Vorgesetzten Behörde Anstoß zu erregen. Aus der Thatsache, daß der Synode kein gesetzestreuer Rabbiner angehört, können wir natürlich dem Gr. Obcrrath keinen Vorwurf machen, denn die Synodabgeordneten werden ja in geheimer Abstimmung gewählt. Und daß die Rabbiner bei der Wahl der geistlichen Mitglieder nicht lediglich den Mehrheits¬ und Machtstandpunkt hervorkehren, sondern aus Billigkeit srücksichten auch einem streng konservativen Kollegen Sitz und Stimme in der Synode einräumen möchten, das kann man wobl wünschen, aber nicht verlangen. Wenn dagegen seit Jahrzehnten kein Anhänger destraditionellen Judentbums mehr in den Oberrath berufen wurde, so können wir dies nicht als einen Zufall betrachten; denn wir sind der Meinung, daß sich im Laufe dieser langen Zeit auch unter unseren Gesinnungsgenosten Männer gefunden hätten, die würdig und befähigt gewesen wären, der obersten Religionsbehörde anzugebören. Daß die Anhänger der Reform ihren Standpunkt für einen so schwachen und angreifbaren ballen und deßhalb jede Vertretung einer anderen Anschauung auszuschalten suchen, können wir nicht annehmen, es müssen also wohl andere Gründe maßgebend sein. Wir glauben eine Andeutung dafür an einer Stelle des Rundschreibens des Gr. Oberraths vom Oktober 1897 (V. Bl.. S. 37) zu finden, welche lautet: ..Es ist zwar nicht ausgeschlossen, daß auf der Höhe der Zeit stehende profane Bildung mit religiösorthodoxen Anschauungen in derselben Person sich vereinigt finden, aber die Erfahrung lehrt, daß dies thatiächlich sehr selten der Fall ist." Der Großh. Oberrath hält demnach zwar Bildung und Orthodoxie nicht für absolute Gegensätze, er scheint aber dennoch einen ursächlichen Zusammenhang zwischen der profanen Bildung und der Gegnerschaft gegen das traditionelle Judenthnm anzunehmen. Gegen eine solche Auffassung aber müßten wir auf das allerentschiedenste Verwahrung einlegen. Die Gesehestreuen bilden überall eine Heine Minderheit, nicht nur in den gebildeten Ständen, sondern in allen Berufsarten, und die Ursache dafür ist nicht schwer zu finden. An einer anderen Stelle des erwähnten Rundschreibens (S. 89) wird mit Recht als eine der Grundursachen für die Abnahme der Religiosität überhaupt die stark materialistische Strömung unseres Zeitalters bezeichnet, die hervor-! gegangen aus der Ueberschätzung der naturwissenschaftlichen Erkenntniß, durch die von der modernen Technik in nie dagewesenem Maße ermöglichte Steigerung der äußeren Lebensgenüsse eine Förderung erfahren habe. Diese Momente haben aber auf die Abnahme der Anhänglichkeit an das traditionelle Judenthum ganz besonders eingewirkt. Dieses verlangt von seinen Bekennern ganz außerordentliche Opfer; wir erinnern nur an die Sabbatruhe, die bei dem modernen Geschäftsleben und bei der Durchführung der Sonntagsruhe den jüdischen jungen Leuten ein Matz von Opferfrcudigkeit zumuthet. das eine religiöse Erziehung, eine innerlich gefestigte Ueberzeugung und einen wahrhaften Idealismus zur Voraussetzung hat. Der Sabbat ist aber die Grundsäule des traditionellen Judenthums. und mit dem Aufgeben desselben geht gewöhnlich der Bruch mit den Traditionen des Elternhauses Hand in Hand. Wir erinnern ferner an die Speisegesetze, deren Ausführung bei dem modernen Verkehrsleben ebenfalls von dem gesetzestreuen Juden großen Opsermuth verlangt und ihn zum Verzicht auf viele Lebensgenüsse nöthigt. Diese Momente genügen vollauf, um den numerischen Rückgang der Anhänger- ' des streng-konservativen Judenthums, zu erklären. Gibt nun aber dieser Rückgang irgendwelche Berechtigung. das gesetzestreuc Judenthum von der Verwaltung der religiösen Angelegenheiten des Landes völlig aus- Zuschließen? Sollte nicht gerade der Opfermuth und der Idealismus, welcher der gesetzestreue Jude besitzen muß. es um so angemessener erscheinen lassen, ihm einen Einfluß auf die Gestaltung der religiösen Verhältnisse der Allgemeinheit zu gewähren. Mutz es in weiten Kreisen nicht das höchste Befremden verursachen, daß Manche, die mit dem praktischen Judenthum jede Fühlung verloren haben, für würdig befunden werden, der höchsten Religionsbeh'örde der badischen Judenheit anzugehören. während die Bekenner des traditionellen Judenthums, welche an dem religiösen Leben den innigsten und ihatkräftigsten Antheil nehmen, als völlig ausgeschlossen erscheinen? Wir halten es für ein Gebot der Gerechtigkeit, daß bei der Ernennung der weltlichen Mitglieder des Oberrathes das gesetzestreue Judenthum gebürende Berücksichtigung finde, und daß von den geistlichen Mitgliedern dieser Behörde stets einer unserer Richtung angehöre. Die oft als Schreckensgespenst vorgeführte „Alleinherrschaft der Orthodoxie* ist ja von vornherein ausgeschlossen; die Reform wird unter den gegebenen Verhältnissen immer die Mehrheit haben. Es wird aber durch eine solche Konzession den Anhängern unserer Richtung möglich sein, den Standpunkt des gesehestreuen Judenthums bei den maßgebenden Instanzen zu vertreten und jede wenn auch unbeabsichtigte Gewissensbedrückung erfolgreich abzuwehren. Wir wissen wohl, daß rS nicht möglich ist, die von

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