Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 54 (7.7.1904)
- Date
- 1904-07-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1141 vorüber. Ich erholte mich bald wieder, Ihr Großvater brauchte nie eine Zahlung für mich zu leisten; das hat aber meine Dankespflicht gegen den edlen Heimgegangenen nicht geschmälert. So und ähnlich wie er an mir gehandelt hat, war auch seine Handlungsweise gegen die anderen. Das erfuhr jedoch nie ein Dritter. Aber dieses Bewußtsein unserer Dankesschuld war cs. was uns zusammenführte, um seinen Kindern die Wohlthaten zu vergelten, welche der Vater geübt hatte. Ich setzte es damals bei der Vertheilung der Rollen für die nächtliche Entführung durch, daß mir der schwierigste, d. h. der verantwortungsvollste Posten übertragen wurde: ich war der Kutscher, der Eure Eltern bis nach Raab führte. Ich habe sie am längsten gesehen, ich war Zeuge ihres unsäglichen Schmerzes, daß sie ihr Kind auf so merkwürdige Weise verloren hatten." Der Jüngling hatte mit beiden Händen die Rechte des greisen Erzählers erfaßt, und als dieser einen Augenblick inne hielt, bat sein stummer an den Lippen des Greises hängender Blick um Fortsetzung. „Als ich damals von Raab wieder nach Hause kam und hörte, der Graf versage dem Kinde den Eintritt in den Bund Abrahams, glaubte ich vor Schrecken den Verstand zu verlieren. Wir wollten eine gute That begehen an den Kindern unseres Wohlthäters und hatten durch unsere Unbedachtsamkeit aus seinem Enkel einen. Abtrünnigen gemacht. Wir scheuten keine Mühe, keine Geldopfer, aber die Felsblöcke, womit uns Weg und Steg verlegt waren, überstiegen unsere Kraft." Erschöpft und ergriffen von der ein stürmenden Erinnerung der Vergangenheit hielt der Greis einen Augenblick inne und fuhr dann, fort: „Mich hat von dem Augenblick an der strafende Gottesfinger getroffen und mich schwer heimgesucht. Frau und Kinder verloren, zwei Söhne ohne jede Nach.- richt in Amerika, mein Geschäft ruinirt, brach ich unter der Wucht der Gewissensbisse zusammen und verfiel in eine schwere Krankheit, die mich drei Monate niedergcworfen hatte. Als ich genesen war. stand ich als weib- und kinderloser, armer Mann da und ging in die weite Welt. Ich ging auf die Suche nach Ihren Eltern und verließ deßhalb Ungarn. Ich durchstreifte Böhmen und Deutschland, fand aber nirgends eine Spur. Des planlosen Umherirrens müde, kam ich vor einem halben Jahre wieder zurück; aber nicht in meine Gemeinde, ich schämte mich dort meiner Armuth und Gesunkenheit. Ich verfiel auf den Gedanken, hier im Schlosse in Ihrer Nähe als Arbeiter und gewöhnlicher Toglöhner Anstellung zu suchen, in der Hoffnung, daß sich einmal eine Gelegenheit finde. Ihnen das Geheimnis Ihrer Herkunft mitzutheilen, damit sie nach Ihren Eltern suchen können und sie hoffentlich finden. Vielleicht ist dem Sohne beschieden, was' mir dem Fremden nicht bestimmt war. Deßhalb habe ich alles, habe ich selbst mein Leben auf's Spiel gesetzt, indem ich Sie nach Ihrer Ansicht beschimpfte, nur um in Verbindung mit Ihnen treten zu können. Mein Zweck ist erreicht. Ich sehe in der Art und Weise, wie er erreicht wurde, Gottes weises, mächtiges Wunderwollen. Jetzt wissen Sie alles, was ich selber weiß." Der Alte athmete erleichtert auf wie Jemand, dem eine schwere Last abgenommen worden ist. Mit Thränen in den Augen dankte der Jüngling für das ihm entgegengebrachte Vertrauen und sagte dann beklommen: „Also, bin ich wirklich ein Jude! Was meint Ihr, was ich jetzt thun soll?" „Ich meine, zunächst sollen Sie gar nichts thun. Ueberdenken Sie diese wichtigen Mittheilungen in ihrer großen Bedeutung zunächst für sich allein, vielleicht kommen Sie dann selber zum rechten Entschlüsse. Cs bedarf gewiß nicht erst der Versicherung, daß ich jederzeit mit Rath und That zu Ihrer Verfügung stehe.'* Es war dem lebenserfahrenen Greise nicht entgangen. daß die Frage des Jünglings sich zunächst lediglich auf die Schritte bezog, die er zur Auffindung seiner Eltern unternehmen solle. Daß er als geborener Jude noch jetzt verpflichtet sei. in den Bund Abrahams einzutreten und sich offen zum Iudenthum zu bekennen und ebenso offen und entschieden dem Christenthum zu entsagen, das ihm in seiner Unmündigkeit ohne Wissen und Willen aufoktroyrt worden war, das waren Consequenzen, an die der junge Mann in diesem Augenblicke nicht dachte. Seine streng christliche Erziehung ließ einen solchen Gedanken gar nicht aufkominen. ES war ihm deßhalb gar nicht zweifelhaft, daß er überzeugter Christ sei« und bleiben könne, wenn er auch von Geburt Jude war. So mußten sich's ja auch seine Pslegeeltern gedacht haben, die doch wußten, daß er jüdischer Abstammung war und ihn dennoch für das katholische Cbristenthum erzogen hatten. „Ihr habt Recht, Herr Pappenheim —-" „Nennen Sie mich doch gefälligst lediglich mit dem Namen Arnim, mit dem ich allein hier bekannt bin. Man kann nicht vorsichtig genug sein. Ich gäbe nicht viel für meinen Kopf, wenn Seme Durchlaucht, Euer Pflegevater, erfahren würde, daß ich Sie über Ihre Herkunft aufgeklärt habe. Nun ist zwar an meinem alten Kopf für nü.ch nicht mehr viel gelegen, aber vielleicht kann er doch für Sie noch hie und da einen brauchbaren Vorschlag aushecken." „Also möchte ich sofort von Eurem Kopf profitiren, indem ich Euch ersuche, morgen um diese'Zeit wieder hier zu sein. Ich will dann zusehen, daß ich eines der hebräischen Bücher meiner Eltern mitbringe, die sich in unserer Bibliothek befinden. Ich habe bei^ einem' an., der Innenseite des Einbandes ein Skriptum gefunden,' offenbar auch Hebräisch, wenn auch'die Buchstaben anders geformt sind, als die der Bücher selbst. Viel-