Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 54 (7.7.1904)
- Date
- 1904-07-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1138 beseitigen möchte, der für die badische Judenheit die gefährlichsten Zwistigkeiten und Spaltungen zur Folge haben mußte. Eine dahingehende Befürchtung wurde schon vor Zähren von berufener Seite ausgesprochen. (S. V. Bl. Jg. 1898 S. 30.) Damit aber auch für die Zukunft jede Quelle der Beunruhigung verstopft und eine friedliche Entwicklung gesichert werde, gestatten wir uns, dem Gr. Oberrath die folgenden Vorschläge zu unterbreiten, von denen ein Theil eine nach unserem Ermessen durchaus berechtigte und notbwendige größere Berücksichtigung des konservativen Theils der badischen Judenheit herbeiführen soll, während die Verwirklichung der übrigen zu einer Hebung des religiösen Lebens im allgemeinen beitragen dürfte. Die Organisation der Landessynagoge bezüglich der Stadt- und Bezirksrabbinate ist gegenwärtig so gestaltet, daß jeder Rabbiner für seinen Bezirk ausschließlich zuständig ist. daß also auch der streng konservative Jude sich bei allen Kasualien an seinen Rabbiner zu wenden hat. auch wenn dieser auf einem radikal iortschrittlicben Standpunkt steht. Dieses Verhältniß wird von vielen unserer Gesinnungsgenossen seit langer Zeit als ein Gewissenszwang empfunden und bei unbefangener Würdigung der Dinge muß wohl anerkannt werden, daß hier das Prinzip der Gewissensfreiheit nicht gewahrt iss. Wir haben eben ausgeführt. daß die Anschauungen der liberalen Rabbiner nach der Auffassung des orthodoxen Judenthums in verschiedenen Punkten als Abfall zu kennzeichnen sind. Ist es nun nicht aller Logik widersprechend, daß der streng gcsetzestreue Jude als seinen Seelsorger und religiösen Vertrauensmann einen Geistlichen betrachten muß, dessen Anschauungen ihm als Abfall erscheinen? Wir wissen wohl, daß es schwierig ist. hier Wandel zu schaffen, aber bei gutem Willen wird sich ein Weg dazu finden lassen. In Hessen währte der Kampf um die Gleichberechtigung der beiden Richtungen im Judenthum ebenfalls Jahre lang; es wurde aber schließlich ein Modus gefunden, der beiden Theilen gereckt wird und der sich vortrefflich bewährt hat. Die Provinzialrabbinate in Gießen und Darmstadt wurden in zwei getrennte, als gleichberechtigt nebeneinander bestehenden Provinzialrabbinate, ein orthodoxes und ein liberales getheilt, und zwar in der Weise, daß jede der Landgemeinden in Bezug auf die Gemeindeinstitutionen ein für allemal, also bindend für die ganze Zukunft, sich für das eine oder das andere Provinzialrabbinat zu entscheiden hatte, jedem Privatmann aber für seine persönlichen Kasualien dw Wahl des einen oder des anderen Rabbiners unabhängig von der Zuständigkeit seiner Gemeinde überlassen bleiben sollte. Es wird unS indessen mitgetheilt, daß in der Praxis die Privatkasualien der einzelnen regelmäßig dem Rabbiner zuzufallen pflegen, der für die Gemeinde zuständig ist. | Beide Rabbiner sind in-Bezug auf ihre Stellung vollkommen koordinirt. (Schluß in der zweiten Beilage.) Zeitungsnachrichten und Eorrespckudeuzeu. Deutschland. Aus Norddeutschlaud. Ein Artikel in der „Welt" hat unser Interesse erregt, nicht seiner Originalität wegen, denn was darin steht, ist gerade von Rcformrabbinern, Gegnern des Zionismus, schon oft gesagt worden, sondern weil er uns wiederum unsere Ansicht über den modernen Zionismus bestätigt. Es handelt sich um eine Vertheidigung Grätz' gegen einen Angriff eines Dr Samuel. — Wie ist es möglich, drängt sich Jedem die Frage auf, der Grätz kennt, daß ein so antijüdisches, unwissenschaftliches Werk, wie Grätz' Geschichtswerk, auch von zionistischer Seite in Schutz genommen wird?! llnsere Weisen sprechen von dem Begriffe puri nnan pab nasw eines jüdischen Kindes, das wie ein Gefangener unter fremden Völkern aufgewachsen ist und dem alles Jüdiscke unbekannt geblieben — das ganze Judenthum bedeutet für dasselbe eine große Vergessenheit. Da erfährt es von seiner Abstammung und seinem Volke, dessen Lehre und Bedeutung, und wenn die Kunde, die ihm wird, noch so lückenhaft, und der Vermittler noch so unzuverlässig ist, mit Gier nimmt es alles auf. was ihm von seiner Heimath und seinem Stamm berichtet wird. — Ein ganz bedeutendes Kontingent zu den Zionisten stellen solche jrpun oron pab new und zwar zu den in den vordersten Reihen Kämpfenden, zu den geistigen Führern, welche die Parole ausgeben. Ein großer, wenn nicht der größte Theil derselben ist in dem Milieu der Assimilation aufgewachsen, wo alles Jüdische mit der Wurzel ausgerottet wurde, erst der Kriegslärm von außen, die Verfolgungen des Judenhasses, belehrte sie darüber, daß sie einem anderen Volke, anderer Abstammung und anderer Religion angehören als die Völker, in deren Mitte sie sich aufgegangen wähnten. Die Reaktion gegen die schmachvollen und doch völlig nutzlosen Assimilationsbestrebungen. denen kein Opfer an Selbstachtung und religiöser Pflichttreue zu groß war. trat ein, Anerkennung und Ehre, die auf dem Wege der Assimilation nicht zu erreichen waren, sollte die entgegengesetzte Richtung bringen, man besann sich auf die eigene Dolksthümlichkeit, betonte die Existenzberechtigung jedes Volkes, das sich nicht selbst aufgibt, und so entstand der politische Zionismus. Zu Hilfe kam ihm der Druck und die bedauernswertbe Lage der Juden in den östlichen Landern; das Elend, in dem A