Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 53 (4.7.1904)
- Date
- 1904-07-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1126 Vormund, ss daß ich wahrend seiner Anwesenheit gar nicht daran gedacht habe." „An was hast Du nicht gedacht?" „Nun daran, daß er getauft ist." „Ach ja so — und es ist Dir unangenehm, daß ein Getaufter Dein Vormund ist." »Das ist doch selbstverständlich." »Es wundert mich eigentlich, daß Dein Papa daran nicht gedacht hat." »Ach, weißt Du, der Papa war immer so. überaus besorgt wegen meiner Gesundheit. Erinnerst Du Dich nicht, wie er selbst mich großes Mädchen damals herüber zu euch getragen hat. Und, wie der Profesior mir gesagt hat, gleich am folgenden Tage hat Papa ihn gebeten, der damals doch noch nicht getauft war, die Vormundschaft zu übernehmen. So war für meine Gesundheit doch bestens gesorgt. Und, daß Keßler mir nie etwas Unrechtes zümuthen wird, davon war der Papa überzeugt. Man braucht ihn doch nur zu sehen und zu hören, er macht so sehr den Eindruck eines Ehrenmannes und eines feinfühlenden hochünnigen Menschen — daß ein solcher Mann sich hat taufen lassen, das ist mir geradezu unerklärlich." Selma zuckte die Achseln. „Die Millionen sollen eine Zaubermacht baben und inan bezeichnet den Professor als mehrfachen Millionär, manche nennen ihn sogar einen Milliardär. Ob's wahr ist?" »Und wenn es wahr wäre, daß er deßhalb — nein, es ist unglaublich." „Ich weiß nicht, nachdem die Thatlache seiner Taufe sich doch nicht in Abrede stellen läßt, erscheint es mir nicht unglaublich, daß er es wegen der Millionen gethan hat; vielleicht um recht viel Gutes thun zu können." »Ich wk'ß es nicht, begreifen kann ich es nicht. Aber der Derkebr mit ihm ist mir unangenehm, namentlich da ich ihn nicht vermeiden kann. Ich muß ihm öfters schreiben, ihn sogar besuchen —" »Das wäre mir gar nicht unangenehm," sagte Selma. »er ist ja doch ein nobler Herr und ein berühmter Mann. Mar bat erzählt, vor zwei Jahren wäre ein Buch von ihm erschienen, dasgroßes Aufsehen gemacht hat, da finde ich es noch besonders schön von ihm. daß er so gar nicht stolz ist und Dich hier bei uns besucht." Frieda erholte sich rascher als man erwartet batte und. da die Witterung sich günstiger gestaltete, drängte Frau Müller mit dem Besuche des Professors nickt zu säumen, denn sie glaubte bemerkt zu haben, daß er wegen der Gesundheit seiner Mündel beunruhigt war. und es wünschenswcrth hielt, baldigst, in's Klare zu kommen über das. was geschehen müsse.' ^Am zweften Sonntage nach seinem Besuche begab sie sich daher mit der Braut ihres Sohnes nach ... Der Verabredung gemäß hatte fie ihren Besuch, angetündigt, sie fanden daher die Equipage des Professors am Bahnhöfe und einen Bedienten, der sie auf dem Perron erwartete. Dennoch wurden sie in das Ordinationszimmer geführt, doch war die Thür zu einem anstoßenden Zimmer nicht fest geschloffen. Keßler begrüßte sie herzlichst und sprach wiederholt seine Freude aus, über das Aussehen seiner Mündel. Er unterhielt sich längere Zeit mit ihr, dann aber bat er. sie möge ihm gestatten, sich von der Reinheit ihres Herzens, wie er sich scherzend ausdrückte, zu überzeugen. Darauf war sie nicht vorbereitet, sie feilte es am liebsten verweigert, darum, auf seinen Scherz eingehend, versicherte sie, sie wäre sich keiner Schuld bewußt, sie habe ein reines Herz. " , * „Davon bin ich überzeugt, liebes Kind,, darum will ich auch nicht hinein sehen in Ihr Herz, lassen Sie mich nur ein wenig horchen." , Auch Frau Müller winkte ihr, sich nickt zu sträuben, so gab sie es dann zu, daß er sie untersuche; als er jedoch bat, sie möge die Bluse ein wenig zurück-' schieben, stammelte sie erglühend: „Die, Thür dort ist offen, es kann jemand hereinkommen." ' „Seien Sie unbesorgt, Kind, außer meiner Frau kann dort niemand herein. Aber wenn Sie wollen, schließe ich die Thür." „Ja. bitte." Er schloß die Thür, ohne jedoch ein Lächeln unterdrücken zu können, denn er hatte drinnen seine lauschende Frau erblickt, die ihm ärgerlich winkte, die Thür offen zu lassen. Die Untersuchung war beendet, der Professor hatte alles in bester Ordnung erklärt, dennoch wäre bis zum Frühling der Aufenthalt im Süden unerläßlich, damit das junge Mädchen möglichst viel im Freien sich aufhalten könne. Frieda wollte Einwendungen machen, er aber drohte ihr lächelnd mit dem Finger. „Nehmen Sie sich in Acht. Kind, als Arzt und als Ihr Vormund erwarte ich. daß meine Anordnungen unbedingt vollzogen werden." „Aber—" Er schüttelte abwehrend den Kopf. „Bei mir gibt., es kein „aber". Ich kenne Ihre Anschauungen von altersher und Sie werden sich vielleicht erinnern, daß ich denselben in meinen Anordnungen stets Rechnung getragen habe. Auch bei meiner gegenwärtigen Anordnung habe ich alle Ihre möglichen Einwendungen in \ Betracht gezogen, so daß Ihnen gar kein „aber" übrig '' bleibt. Nach dem Süden müssen Sie. das verlange' ich unbedingt, und zwar noch im Lausedieser Waches bevor die Witterung wieder ungünstiger wird. habe mich erkundigt, in Meran und in Davos gibt er rituelle Kost. Ist Ihnen das nicht auch bekannt, Frau Müller?"