Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 53 (4.7.1904)
- Date
- 1904-07-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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wäre das?" fragte der Großfürst neugierig. — „Ich bitte um Gnade, kaiserliche Hoheit." sagte Jsackow und warf sich in Die Knie. — „Warum? Was ist denn vorgefallen? Erzählen Sie mir, aber fassen Sie sich kurz." — „Ich habe den Ausweisungsbefehl bekommen, kaiserliche Hoheit." — „Sie den Ausweisungsbefehl? Wie ist denn das möglich? Was haben Sie denn verbrochen?" — „Verbrochen? Kaiserliche Hoheit, gar nichts. Aber weil ich Jude bin, soll ich das Land verlassen müssen." — „Sie sind Jude? Warum Hab' ich das nicht früher erfahren?" Der Großfürst trat einige Schritte zurück, um dem Juden nicht zu nahe zu stehen, ließ sich Wasser bringen und wusch sich die Hand, die er dem berühmten Elektrotechniker gereicht, als ob er sie mit Oelsarbe beschmutzt gehabt hätte, dann fuhr er fort mit seinen Fragen. „Wer hat Sie zu dieser Arbeit bestimmt?" — „Der Hausmeister Eurer kaiserlichen Hoheit, Excellenz v. entgegncte Jsackow. — „Dieser Mann muß mir sofort aus dem Hause", rief der Großfürst in befehlendem Tone. „Er muß zur Verantwortung gezogen werden." — „Wann müssen Sie denn schon fort9" — „Innerhalb acht Tagen, kaiserliche Hoheit." — „Wie lange brauchen Sie. um ihre Arbeit zu vollenden?" — „Mindestens vierzehn Tage." — „Dann schicken Sie ihre Familie zuerst ins Ausland und Sie folgen, sobald Sie bei mir fertig sind." — „In Anbetracht der hohen Zufriedenheit Eurer kaiserlichen Hoheit hatte ich auf allerhöchsten Schutz gerechnet, umsomehr, da ich unbescholten bin, meiner Militärpflicht in Rußland Genüge geleistet habe, die Steuern pünktlich bezahlte und mich in ganz Moskau des besten Leumundes erfreue." — Der Großfürst machte eine abwehrende Handbewegung. Nochmals versuchte Jsackow knieend, den Großfürsten zu erweichen und um Gnade zu bitten. — „Erlauben Sie mir?" fiel der Großfürst ein. „Wollen Sie noch mehr Gnade? Genug an dem, wenn ich Ihnen erlaube, einige Tage sich länger in Rußland aufhalten zu dürfen als Ihre Familie." Feuilleton Mayryett uiro Micylung. Von Fkicvrich Roti. . „Das Judenmädchrn?" sie rümpfte die Rase. „Die Mündel Deines Mannes —" ' „Nein, nein, ich danke sehr, das wäre zu viel Ehre. Aber ich möchte im anstoßenden Zimmer sein, wenn Dü sie empfängst^'? ‘ „Sobald'ich erfahre, daß sie kommen^ werde ich's Dir mittheilen.* „Ich rechne darauf. Und noch einen Gefalle» mußt Du mir erweisen. Otto, willst Du?" „Wenn ich kann, mit Vergnügen." „Gewiß kannst Du's. Du sollst mir nur versprechen, wenn sie Dir schreibt, mich ihre Briefe lesen zu lassen." Er zog die Stirn in Falten. „Meine nicht auch, die ich an sie schreibe?" „O gewiß, das versteht sich von selbst." „Konnte rnir's denken," versetzte er unmuthig lachend. „Nun, ich kann gerade nicht behaupten, daß derartiges Mißtrauen zu den Annehmlichkeiten des Lebens gehört. Aber sei's drum, ich will Ruhe haben." „Die will ich auch haben," entgegnete sie. „und eben deßhalb muß ich Eure Briefe lesen. Also Du wirst mir alle Briefe zeigen. Deine und ihre?" „Was soll ick> machen?" versetzte er achselzuckend. „Deine Steffi lieb haben." sagte sie. sick an ihn schmiegend, „bist ja doch mein lieber, einziger Otto. Freut es Dich denn gar nicht, daß ich Dich noch immer, so lieb habe?" „Wenn das Mißtrauen, das Du mir so oft zeigst. Folge Deiner übergroßen Liebe ist, so würde es mich, offen gestanden, mehr freuen, wenn Du mich etwas weniger lieb hättest." „O. Du Barbar? wie kannst Du so herzlos reden. Wenn die Briefe, die Du mit dem schonen Mädchen wechselst, harmlos sind, was kann Dir dann daran liegen, wenn ich sie lese?" „Nichts liegt mir daran, gar nichts, meinethalben kannst Du sämmtliche Briefe drucken lassen. Aber Deine Forderung, sie zu lesen, beweißt Deine Eifersucht, und Du kennst doch das Sprichwort: die Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft." Gleich nachdem Professor Keßler seine Mündel verlassen hatte, steckte ihre Freundin Selmo den Kopf durch die Thür des anstoßenden Zimmers. »Ist er schon fort?" Frieda neigte bejahend das Haupt. „Kannss schon herein kommen; ich weiß überhaupt nicht, w-ßhalb Du eigentlich fortgelaufen bist." „Weil ich mit dem Aerrnel an der scharfen Kante der Ofenthür hängen geblieben und den ganzen Aerrnel zerrissen habe, da habe ich mich doch nicht sehen lassen können vor einem so noblen Herrn." „Ach, der hatte es vermuthlich nicht einmal bemerkt. — Und wenn er's bemerkt hätte —* „Nun ja freilich, ich bin nicht sein Mündel. Aber Du machst ein so eigenthümliches Gesicht, als wenn Dir sein Besuch unangenehm' gewesen wäre." „Angenehm ist er mir nicht gewesen. Das heißt, so lange er da war, war er mir durchaus nicht unangenehm. er scheint so gütig, so iheilnahmsvoll;u fern, scheint es so ernst zu nehmen mit seinen Pflichten als