Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 53 (4.7.1904)
- Date
- 1904-07-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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walle ursprünglich mehr Bubenstreichen ähnlich waren, daß erst gegen 7 Uhr Abends mit der Demolirung jüdischen Eigenthums begonnen wurde, und daß diese Wendung einzig und allein durch die passive Haltung der Regirrungsbeamten verursacht wurde. »Gaffenbuben, unter welchen die Halberwachsenen die Hauptrolle spielten, zogen," wie die Anklageschrift besagt, »unter Geheul und Geschrei durch die Straßen und schlugen unterwegs Fensterscheiben ein. Daß die Polizei nichts zu ihrer Beruhigung vornahm, führte dazu, daß gegen 6 Uhr Abends zu Vernichtung und Raub von jüdischem Gute übergegangen wurde.' Buchstäblich dasselbe wird in der Resolution des Odeffaer Gerichtshofes wiederholt, und wir dürfen mit Recht behaupten. daß bei anderer Haltung der Polizei am ersten Tage es zu den Auftritten am zweiten Tage nicht gekommen wäre. Am Abend des ersten Tages legte stch der Aufruhr, und erst dann — um 9 Uhr Abends, wie Gen.-Leutn. Beckmann bei der Voruntersuchung aussagte — wandte sich Polizeipräsident Chansenkow an diesen mit dem Gesuche. Militär — nicht etwa zu mobilisiren, sondern — für den nächsten Tag bereit zu halten. Es wurde Nacht, es wurde Tag — der 7. April. Um 9 Uhr Morgens, erzählt Herr von Raaben, hörte er den Vortrag des Polizeipräsidenten, daß es in der Stadt ruhig sei. Warum er bis um 9 und sogar bis um 10 Uhr, da er doch von Niemand angerufen wurde, sich nicht aus seiner bescheidenen Ecke hinausgetraut hat, um nachzusehen, was gestern geschehen und ob denn heuie wirklich alles ruhig war, ist nicht zu ersehen. Ebenso bleibt es unverständlich, wieso Herr v. Raaben einen Vorfall vergessen konnte, der ihm eigentlich für ewige Zeiten im Gedächtniß bleiben müßte: um 7 Uhr Früh stand vor ihm eine vor Angst zitternde Menge Juden und flehte um Schuh; er versprach ihn auch und — kehrte vom Empfangsin das Arbeitszimmer zurück. Es verstrich noch eine Stunde. Um 10 Uhr erhielt Herr von Raaben die erste telephonische Meldung: die Krawalle hatten begonnen. Die Schilderungen der Vertheidigungsschrist entbehrten von da ab jedes chronologischen Zusammenhanges: alles wird so dargestellt, als wäre es gleich am Morgen geschehen. Unverzüglich, erzähll der Gouverneur, habe er das ihm zu Gebote gestandene Militär dorthin gesandt, wo Hilfe nöthig war: unverzüglich habe er das Oberhaupt der Garnison und die Kommandeure der einzelnen Kolonnen'zu sich berufen. Aber das, was hier erzählt wird, ist nicht wahr. Nicht wahr ist es, daß er das bei ihm bereitgestandene Militär irgendwichin kommandirt; es ist vielmehr — wie ich schon einmal erwähnt habe — bis zum Abend dageblieben und bewachte — den Gouverneur. Nicht wahr ist es, daß er das Oberhaupt der Garnison zu sich, berufen hat. zumal unverzüglich. Das wird Ihnen Generalleutnant Beckmann selbst bestätigen, wie er das bei der Vernehmung durch * den Untersuchungsrichter bezeugt hat. Er erzählte da.. nämlich: Um 10 Uhr Früh brachte msr ein Schußn.ann eine Zuschrift des Gouverneurs, daß väs Heer, bereit stehen soll. Die Zuschrift war eigentlich über- . flüssig, denn das war bereits von mir am Äörabend veranlaßt. Seitdem hat mich der Gouverneur weder selbst gerufen, noch durch jemand rufen lassen. Als / ich aber sah, was auf den Straßen vokging und wir die Juden geschlachtet wurden, bin ich um 12*4 Uhr.', »aus eigenem Antriebe' — das ist sein.Ausdrück -t- ' beim Gouverneur vorgefahrcn, und da würde , b^- , schlossen, die Stadt zu vertheilen. Gen.-Leutn. Beckmann hat dann die Oberofsiziere, welche ihm Stadt begegneten, demgemäß instruiri. Düs ist hie/. Art, wie Herr von Raaben das Oberhaupt derGarni-. sön und die einzelnen Komandeure zu stch berüfenhat/ Der erstere hat aus freien Stücken bei ihm.votge» sprachen, die letzteren waren überhaupt nicht bee,.ihm / gewesen. Auf dem Rückwege vom Gouverneur, erzählt, . Beckmann, traf ich eine Menschenmenge mit einech^ langen Kerl an der Spitze. Ich sah, wie dieser, Vq3. Schaufenster einer Uhrenhandlung zertrümmerte, verv haftete ihn und die Menge kehrte auf meinen Beseht zurück. Es genügte also der Befehl eines einzigen Men-' schen, um das Gesindel zu verscheuchen; es war nichts'' mehr nöthig. als auf die Straße hinauszugehen, zu scheu und zu hören, was dort vor sich ging. Herr Beckmann that es, ohne dazu verpflichtet zu sein,"während der Gouverneur am Telephon saß Und von Militär bewacht wurde. Nach der Besprechung mit Beckmann hat ' von Raaben wirklich einen Schritt zur Beilegung der Ara- - walle gcthan. Es war sein erster und einziger Schritt,, wenn man von den Sorgen für Backereien, barmherzige ,' Schwestern und Gefängnisse obsehen soll. Er leistete sich nämlich zwei schriftliche Befehle, von denen der erste den Kommandeuren aller Regimenter zwischen 2 und 3 Uhr Nachmittags zugestellt wurde, während der. zweite um VA Uhr Nachmittags an Herrn Beckmann - ging. Bis dahin war in Kischinew der G.reuelthaten genug geschehen: Leichen lagen in Menge auf den / Straßen. Bettfedern bedeckten die Wege, jüdisAs'Ho.b / und Gut war vernichtet, darunter auch das, was die . von uns vertretenen Kläger an Maaren und' Haüsgeräthen besaßen. Diese Befehle des Herrn von Raaben bilden einen Wendepunkt in der Geschichte seiner Leistungen-am zweiten Tage der Krawalle: der Gouverneur», der' his dahin einfach unthatig war. erklärte dämit'osfiziell,. daß jeder Gedanke eines Eingriffs in denGängder''/ Verhältnisse ihm fern liegt und daß er.däs Vfrsüg-''^ ungsrecht einem andern Überträge?"Bedarf eines Beweises, daß der Inhalt dieses SchnststÜckes iw' krassem Gegensätze zu den fundamentalen Pflichten