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Der Israelit · 1904-06-30 · Heft 52 (30.6.1904) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
45 (1904)
Issue
Heft 52 (30.6.1904)
Date
1904-06-30
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1093 und selber Hand anlegen. damit Du es lernst, ein Gut allein zu verwalten." Seitdem streifte der junge Graf viel in Feld und Wald umher, zumeist von einem Pächter oder Förster begleitet, oft aber auch allein. In früheren Jahren liest der Graf seine Erben nie allein ausgehen, aus Furcht vor einer Entführung durch die Juden. Aber das hatte schon seit vielen Jahren aufgehört. Auch über die strengen Befehle des Grafen zur Fernhaltung der Inden vom Schlosse war langst dichtes Gras gewachsen. Es war auch nach dieser Seite nichts zu befürchten. Rabbi Mendel Troler war schon vor mehreren Jahren gestorben und Reb Scheftel Tusmenitz war durch Altersbeschwerden fortwährend an's Haus gefesselt. Die fünf oder sechs anderen Genossen bei jener Entführung waren aber nicht aus dem Holz geschnitzt, das für Prinzenräuber erforderlich ist. Die Eltern des jungen Grafen hatten nie etwas von sich hören lassen. Selbst von denjenigen, welche sie feiner. Zeit entführt hatten, wußte Niemand, wo sich Mosche Scholem und Frau aufhielten, ja ob sie noch am Leben waren. Zudem stellte der junge Graf als sechszehnjähriger Jüngling seinen Mann, der sich nicht so ohne Weiteres einfangen und fortführen ließ. Er war, wie sein Pflegevater, von Herzen gut, aber im äußeren Auftreten stolz und streng und war wie dieser über konfessionelle Rücksichten erhaben. _ Eines Tages war der junge Graf ausgeritten und traf einen Feldarbeiter., der feiner Arbeit nur lässig nachkam. Er schalt den Arbeiter und nannte ihn Togdieb und Betrüger, und als dies noch nichts fruchtete, schlug er ihm mit seiner Reitgerte über den Rücken. Da erhob sich der Arbeiter, stellte sich keck vor den jungen Grafen hin und sagte ganz dreist: „Nur nicht so keck, Moschke. bist ja selbst nur ein Jud!" „Mas sagt Er da?" herrschte ihn der junge Mann an. Der Gefragte tbat, als ob er die Frage nickt gehört habe und arbeitete mit einem Eifer darauf los. der seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen schien. „Wir wollen Dich schon reden lernen," sprach erregt der Jüngling und ritt sofort auf's Schloß, um seinem Vater das Vorgefallene zu erzählen. ' „Wie magst Du nur so aufgeregt tbun über das Geschwätz eines simplen Arbeiters, wie heißt er denn?" fragte der Vater. „Ich weiß es nicht." antwortete Ignatius, „soll ich ihn einmal hierher zu Dir schicken?" „Du legst dieser Bagatelle viel zu viel Bedeutung bei; der Mensch hat jedenfalls zu viel getrunken. Lasse ihn meinetwegen zu mir kommen, aber wenn Du willst, kannst Du's ihm auch selber sagen, daß ick ihn aufhängen lasse, wenn er sich noch einmal ein derartiges Benehmen und eine solche Bemerkung erlauben sollte." Der Jüngling eilte fort und traf den Arbeiter noch an derselben Stelle. Während er vorher lässig gearbeitet hatte, arbeitete er jetzt gar nicht, was den Grafen so empörte, daß er ihm schon von ferne entgegenrief: „Warte Canaille, ich will Dich faullenzen und schimpfen lernen? Wenn Du Deine frechen Redensarten noch einmal wiederholst und sagst, ich sei ein Jude, so kannst Du Deinen Rausch am Galgen verrauchen lassen. Mein Vater läßt Dich dann aufknüpfen! Verstanden?" Bei dem letzten Worte schlug er den Arbeiter zum zweiten Male und noch heftiger als früher. Der Geschlagene wandte sich ruhig um, blickte dem jungen Herrn fest in's Auge und sagte: „Nur nicht so keck, Moschke, bist ja selbst nur ein ' Jud!" Ignatius erbleichte vor Wuth. Schnurstracks -;~-' kehrte er dem Arbeiter den Rücken um zum Grasen zu . eilen, damit an dem Wicht ein Exempel statuirt und ' kurzer Prozeß mit ihm gemacht werde. Aber auf dem Wege in's Schloß besann er sich eines anderen. Ve- . trunken, sagte er sich, ist der Mensch nicht. Er spricht ' so ruhig und wohlüberlegt, daß seine Nüchternheit? zweifellos ist. Ist er aber bei vollem Verstand, so weiß er auch, daß bei uns nicht viel gefackelt wird und daß er mit der Wiederholung seines Schimpfes dem Galgen verfallen ist. Wenn er aber das Ungeheuerliche trotzdem mit solcher Ruhe zum zweitenmale sagt, so muß dahinter etwas stecken, das ich nicht begreifen kann, das ich aber auch niemals erfahren werde, wenn derjenige, der es weiß, gehängt wird. Der Mensch ist der-! bissen und verschlossen genug, sein Geheimniß. wenn eins vorliegt, mit in den Tod zu nehmen. Sollte man's nicht mit ihm auf anderem, auf gütlichem Wege versuchen? Er warf seine Reitgerte fort und ging wieder zu dem Arbeiter zurück, Ken er ruhig bei der Arbeit traf. Dieser that aber, als merkte er die Anwesenheit des Grafen gar nicht, er blickte gar nicht von der Arbeit auf. Da trat der junge Mann an den Arbeiter heran, legte die Hand auf seine Schulter und sprach: „Verzeiht meinem jugendlichen Uebermuth, daß ich Euch geschlagen habe. Ihr habt zwar lässig ge-. arbeitet und deßhalb eine Rüge verdient, aber keinen Schlag. Ich werde darauf bedacht sein, mein Unrecht wieder gut zu machen. Was Ihr als Sühne dafür verlangt. werde ich Euch thun. Dafür habe ich aber auch. eine Bitte an Euch. Ihr habt mich Jude genannt, . mich, den Grafen Ignatius Esterhazy. Ihr habt diesen Schimpf wiederholt, obwohl Ihr wisset, daß Euch der Tod am Galgen dafür droht, warum sagt Jbr solches zu mir?" ■;*- ' l \ A, ' Der Arbeiter richtete sich aus; erst jetzt gewahrte ,.«, man seine Hünengestalt. Lange blickte er den jungen Grafen nachdenklich an, ohne ein Wort zu sprechen.'

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