Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 52 (30.6.1904)
- Date
- 1904-06-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2449986-2450034--60926-2521958- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Lehre ge-rochen, haben dem jüdischen Volke den Rücken gekehrt, denn sie haben den Daseinszweck des jüdischen Volkes verneint. Land und Boden machen noch nicht ein Volk, und der Verlust von Land und Boden vernichtet es noch nicht. Die gemeinsamen Ideale, die gemeinsame Kultur ist es, die ein Volk zu einem Volke macht, die gemeinsame Bestimmung ist ter feste Kitt, der alle zusammenhält. Die Ideale des jüdischen Volkes soll ein jeder Jude aus seiner Thora kennen lernen, jüdische Kultur, wie wir sie aus Thora, Mischna und Talmud kennen, sollen wir pflegen. Man pflegt heute unter „jüdische Kultur" gar Manches zun verstehen und es verlohnt sich daher, daß auch wir ein wenig dabei verweilen, um uns darüber klar zu werden, was wir darunter verstehen sollen. Die Gegensätze zwischen jüdischer und hellenischer Kultur lasten sich in aller Kurze auf folgende Formel Pressen. Jüdische Kultur wird charakterisirt durch Streben nach Wahrheit, die hellenische durch Streben nach Schönheit. Die nichtjüdischen Völker, deren Geistesleben im Banne der hellenischen Kultur steht, setzten Schönheit an Stelle der Wahrheit. Ebenmaß und Harmonie an Stelle der Weisheit. Witz an -Stelle des Geistes, Ungebundenheit an Stelle der spezifisch jüdischen Freiheit, Taumel und Sinnenrausch an Stelle der uns gelehrten ernsten Lebensfreude. Es ist uns darum wenig gedient mit einer wenn auch in's Hebräische übersetzten westeuropäischen Kultur. Es wird sicher sehr Vielen so gehen wie mir, die ein Gefühl der Empörung und Entrüstung überkommt, wenn er einen großen Theil der modernen hebräischen Litteratur sich ansicht. Die hebräische Sprache, die uns heilig ist, bei deren Klange alle befferen Gefühle in uns laut werden, wird dazu mißbraucht, die unheiligsten Erzeugnisse dekadenter Spötter mit dem Scheine der Heiligkeit und des Ernstes auszustatten, den Produkten einer leichtgeschürzten Muse Eingang zu verschaffen in Kreise, die das Hebräische verehren. Die hebräische Sprache wurde in den Dienst des Abfalls gestellt, und durch sie dringt er auch in Kreise, von denen er in anderer Gestalt fern geblieben wäre. Man sehe sich nur die Apostel der hebräischen Sprache an und die Jünger, die zu diesen Aposteln in Verehrung aufblicken! Und das nennt man jüdische Kultur pflegen, das die hebräische Sprache heben. Eine jede andere Sprache wird erniedrigt, wenn sie sich zur Vermittlerin solcher Gedanken gebrauchen lassen muß, und erst unsere heilige Thorasprache. Jüdische Kultur heißt: Wahrheit. Ernst, Geist. Freiheit, die nicht in Zügel- ' losigfeit. aüsartet, Lebensfreude, die nicht, zum Sinnestaumel wird. Wir müssen daher an die Quelle herantreten, wo.wirdies Alles finden, an unsere Thora und sie wird wieder geistige Mauern' um 'uns und unser ganzes Leben aufführen,, die Ghettomauern in der Freiheit, die uns vor Selbsterniedrigung schützen werden, Wir werden stvlz darauf werden, daß wir Juden sind, wir werden unsere wahre Kultur erkennen und die Sucht, sie gegen eine fremde umzutauschen, wird aus unseren Kreisen auf ewig verschwinden. Ist diese Sucht nach dem Fremden erst aus unserer Mitte, geschwunden, dann können wir an eine Vertiefung und Verinnerlichung unseres geistigen Lebens gehen. Und der Punkt, wo wir einsetzen werden, wird sicherlich der.sein, daß wir erkennen werden, daß wir nicht Gestalter unserer Geschicke und Begründer unseres Glückes sind, sondern daß wir auch darin eine Ausnahmestellung unter den Völkern einnehmen, daß wir unmittelbar yön <Iott abhängig sind, daß Er allein es ist, der über .'unsere Schritte wacht, der uns in Seiner Thora den Weg gewiesen, den wir wandeln müssen, wenn wir das Ziel menschlicher Höhe und Reife erklimmen wollen. . Lernen wir so unsere eigene Ohnmacht erkennen, dann verschwindetder Götze aus "unserem Herzen und wir lernen dann wieder, freudigen Herzens die unreinen Wünsche und Bestrebungen zu opfern und auch die Opfer haben ihre Auferstehung gefeiert und schließlich, wenn die Thora einer Mauer gleich, unser ganzes Sein umgiebt, so wird die Bresche ausgefüllt, die unser Wahn in unsere feste Burg legen ließ, bis dann die Zeit kommt, da Gott selbst unserem Heiligthum eine r-rr run, eine Feuermauer wird und die trüben Thamus- und Awtage zu Freudentagen werden, an denen wir uns noch dunkel unserer Verirrungen erinnern werden, daß wir dann erkennen werden, wozu die Leiden gedient, daß sie nur darum da waren, um uns zu reinigen und zu läutern, um uns durch di; Schmerzen zu bessern, um. uns durch die Tiefe zur Höhe zu führen. Zeitungsnachrichten und Correspoudenzett. Deutschland. Mainz, 27. Juni. (Jüdisches Lehrerproletariat.) An die unter dieser Spitzmarke von uns gebrachten Ausführungen in der vorigen Montagsnummer knüpft der „Vorwärts*, in. seiner Nr. 147 von Samstag, 25. Juni c., folgende Bemerkung: „So groß sicherlich das Unrecht des. Staates.ist,.so behalten die vielfach »pohlhabenden' Juden den hollen Theil der Schuld, daß ihre .Lehrer jäsnmeriich. darben müssen. D»>''^wurdevolle^.Ms^ürtte<W.uyd BeleMng, heren die jüdische. Zeitschrift st^h rü^^s'^ scheint ' bei manchen genützt zu haben. bäß sie Vorzieher», ihren Reichthümsübe'rfluß — zu Mirbach zu tragen.*