Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 52 (30.6.1904)
- Date
- 1904-06-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1088 Volkskörpers ist, durch das. alle Pein und alle Qual ihren Weg. nehmen und er gibt uns die Antwort auf unsere Frage. Als Gott ihn zu seinem Volke schickt, da sieh! er einen dpü, einen Mandelstab und einen rnoi *vc, einen aufgeblasenen Topf. Wenn wir nicht irren, so sind in diesen zwei Bildern die beiden Quellen des Verfalls des jüdischen Volkes angedeutet. Der Mandelstab deutet auf das rasche Steigen des jüdischen Volkes, auf das schnelle Wachsthum, wie denn auch der Mandetbaum am schnellsten seine Früchte zeitigt. Der jähe Uebergang von der tiefsten' Sklaverei zur Selbstständigkeit ward das Verderben des jüdischen Volkes. Solange das jüdische Volk sich seiner Schwäche bewußt war, war es stark, denn das Bewußtsein seiner Schwäche führte es zu Gott und Gott schützte es. Feinde ümlanerten es und spannten ihre Netze aus, aber das jüdische Volk erhielt sich. Gott führte es mit mächtiger, 'ruhiger und sicherer Hand durch alle Stürme hindurch,' die 'Klippen wurden umsegelt und das schwache' Schifflein schien sturmfest. Aber bald folgte auf diese Höhe die Tiefe. Israel vergaß, daß es sein Bestehen nur Gott zu danken habe, es glaubte, daß es selbstständig sein könne, wähnte, daß es Herr seiner Geschicke sei, darum mußte es in die Fremde ziehen, um dort seiner Ohnmacht inne zu werden, um dort zu lernen, daß es schwach ist, wenn es stark zu sein wähnt, daß es verlassen ist, wenn es Gott verläßt. Israel ging in die Fremde und fühlte die ganze Schwere und Bitterkeit des Golusgeschickes. Keine liebevolle Hand reicht ihm den Labetrunk, kein gastliches Haus steht zu seiner Aufnahme bereit, es findet überall geschloffene Hände und verschlossene Thüren, damit ihm seine Heimathlosigkeit in. ihrer ganzen schrecklichen Bedeutung zum Bewußtsein komme, damit es die niederschmetternde Wucht seiner Leiden empfinde, damit es die ganze Herbheit seines Jammers erkenne. Und nun wandelt Israel schon seit Jahrhunderten in der Fremde, überall verfolgt und geknechtet, von Allen gehaßt und angefeindet, so wandert es ruhelos von einem Zufluchtsort zum andern. Wenn wir die Blätter unserer Geschichte vor uns aufschlagen, so finden wir in traurig reicher Fülle erschütternde Klagelieder, kündend von Märtyrern und Märtyrerinnen, er» zählend von herbetn Weh und entsetzlichen Leiden, und berichtend von haarsträubenden Grausamkeiten, die an uns verübt worden sind.- Doch wir, — wir haben noch immer nichts gelernt, wir sind nicht besser, nicht klüger geworden.'- Der rasch blühende Mandelstab kennzeichnet noch heute unser Denken und' unsere Handlungen. -Kaum wird' das Joch ein wenig leichter, kaum dürfen tfslr ein wenig»freier' ath-wn,' - so Habens wir wieder Alles vettzrssen'ünv'tilr glauben''wieder," daß wir Henen^ unfAsr^schiZe llnd." Das fczlla - BilddrS Echg.b 7^nkn"Topfes!, dürfte auf unsere Suchö nrk'ch-^-!n<Fre.ndett< avf-unsere SehüH sucht, die Mauern, die Gott um unser ganzes Leben gezogen, zu sprengen, hindeuten. Wir meinten, daß wir keinen Platz mehr in unserem Kreise haben, daß wir hinaustreten müßten unter die Völker, daß wir uns auch der Segnungen ihrer Kultur erfreuen mögen. Wir buhlten um die Gunst der Fremden, wir erniedrigten uns vor ihnen, wir küßten die Füße, die auf uns traten, wir gaben unsere Kultur preis, um dafür die Schein- und Afterkultur unserer Peiniger einzutauschen, wir verloren unsere Selbstarb' rg, und wir wurden verachtet, wir ehrten unser; geistigen Errungenschaften nicht und sie wurden uns streitig gemacht, wir waren nicht stolz darauf, daß wir das Streben nach Wahrheit in die Welt gebracht, und man bestritt, daß wir es waren, die es gethan, wir bestritten, daß wir eine in dem ganzen Wesen des jüdischen Volksthums wurzelnde Kultur haben, deren Merkmal ich im Gegensatz zur nichtjüdischen Kultur in dem Worte „Wahrheit" erblicke, und man glaubte es uns gerne, wir machten uns über uns selbst lustig und wir sanken zu Witzblattfiguren herab. In dieser Sucht nach dem Fremden , ist die zweite Quelle unseres Verfalls zu .erblicken. In dem Bestreben aufzugehen in die Völker, in dem. Eifer, unsere Kultur.aufzugeben, um dafür fremde Kultur, die uns nie zu eigen werden kann, einzutauschen, ist der Grund unseres Tiefstandes zu suchen, wivn pp 'kb*o Haben wir die Quellen unseres Unglücks erkannt, so ist auch der Weg zum Aufstieg, die Bahn zur Erhebung vorgezeichnet, kennen wir den Grund unserer Krankheit, so können wir mit der Ursache auch die Krankheit entfernen. Beginnen wir mit dem Letzteren. Wir müssen wieder lernen, uns selbst zu achten, das ist die unerläßliche Vorbedingung für unsere Er^bung, wir müssen wieder stolz darauf werden, daß wir Juden sind und das können wir nur, wenn wir wirkliche Juden — nicht nur dem Namen nach — werden, d. h. Juden, die mit Eifer für die geistigen Errungenschaften des Judenthums, wie sie in unserer Thora niedergelegt sind, einstehen, wenn wir uns nicht begnügen, in blinder Nachäffung der anderen Völker „nationale Politik" zu machen. Wir sollen überhaupt keine Politik treiben. Der „jüdische Chauvinismus" hat nur dann Werth und kann nur dann erhebend wirken, wenn seine Quellen Thora und Mizwoth sind. Der andere ist gekünstelt und unecht, eine Seifenblase, die über kurz oder lang platzen wird, eine künstlich gezüchtete Pflanze, die verdorren, eine Treibhausblume, die nur in der Hitze der Kongreßsäle gedeihen konnte, aber in der wirk- . lichenWelt erfrieren wird. Gewiß sind wir ein Volk, sogar das Volk, aber feit wann und warum? nur om 'An diesem Tage, da du die Lehre empfingest, wurdest, ' ' du Zum Volke Gottes, deinem Gotte, und die T r ager'? ' - Iret-Lehre sind noch immer das V o l f G o.t t e £ Unb:; 'tvüdm rs ewig bleiben? Diejenigen abeit,'dir wit der ^' ’/•