Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 51 (27.6.1904)
- Date
- 1904-06-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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r-‘ 1076 Auch hier in Eydt kühnen wird für die Abgebrannten gesammelt. Schnellste Hülfe thut noth! Eduard Segall. Rußland.^ Petersburg. (Großfürst Konstantin und die Juden in Rußland.) Eine äußerst intereffante Thatfache, welche die plötzliche ungnädige Entlastung des 'russischen Unterrichtsministers von Sänger erklären dürfte, wird erst jetzt bekannt. Großfürst Konstantin, bekanntlich Chef der militärischen Lehranstalten Rußlands, ließ durch den damaligen Kriegsminister Kuropatkin dem Reichsrathe eine Gesetzvorlage unterbreiten, wonach Personen jüdischer Herkunft, wenn sie auch schon längst dem orthodoxen Glauben angehören, die Aufnahme in die nrilitärischen Lehranstalten verweigert werden soll. Der damalige russische Unterrichtsminister von Sänger opponirte gegen diese Gesetzvorlage. Er schrieb, wie die „Oswoboschdenje" meldet, an den Kriegsminister Kuropatkin: „Ich halte es für meine Pflicht, Eure Excellenz zu verständigen, daß ich es für unmöglich finde, die Gesetzvorlage zu unterstützen, welche einerseits einer offiziellen Negierung des Sakramentes der heiligen Taufe gleichkäme, andererseits in unserer Gesetzgebung einen ganz neuen Grundsatz in's Leben rufen würde, welcher die totale Unfähigkeit einer gewissen Kategorie von Personen bloß ihrer Herkunft wegen proklamirt. (Ein neuer Grundsatz? D. Red.) In diesem Falle aber erscheint es ganz unerklärlich, wie zugleich mit der geplanten Maßnahme die Militär- Pflicht ftir die Juden als obligat aufrechterhalten bleibt." Diese Antwort des russischen Unterrichtsministers v. Sänger scheint beim Schöpfer der Gesetzvorlage üblen Eindruck gemacht zu haben, und Minister v. Sänger mußte bald darauf gehen.. .. Die Gesetzvorlage aber soll nicht fallen gelassen worden sein. Sie dürfte bald Gesetzeskraft erhalten. . . . Feuilleton. ^^ahrheit und Dichtung. Von Friedrich Nott. (50 Es war eine schöne, sternenhelle Winternacht. Trotz der vorgerückten Stunde nahm Keßler keinen Wagen, sondern schritt ohne Ueberhastung durch die nächtlich öden Straßen, über den festgetretenen, gefrorenen Schnee dahin. Die scharfe, reine Luft that ihm wohl, er athmete tief auf und unwillkürlich blickte er hinauf zu dem sternbesäten Himmel, an dem in wunderbarer Pracht zahlreiche Sternbilder prangten. Und über alle zog sich in weißglänzendem Schimmer die sog. Milchstraße dahin. Vater Jakob's Milchpfad, wie fie die Volkssprache seiner Heimath na.lNte. Seltsam, wie er heute so oft seiner Heimath oder vielmehr seiner Kindheit gedenken mußte, die mit ersterer verknüpft war. Deutlich erinnerte er sich, wie er dereinst als zwölfjähriger Knabe in einer hellen klaren Nacht, wie der heutigen, mit seinen Eltern von dem Hochzeitsseste eines Verwandten heimgekehrt war. Er hatte seine Freude ausgesprochen über die seltsame Pracht der Sternbilder und hatte auch über die Milchstraße eine Bemerkung gemacht. Darauf hatte sein Vater erwidert: „Ja siehst Du, unserem schwachsichtigen Auge erscheint der Streif dort oben wie Dunst, wenn wir aber unsere Augen mit scharf geschliffenen Gläsern bewaffnen, so erkennen wir, daß dieser vermeintliche Dunst aus hellglänzenden, leuchtenden Sternen besteht. Und ebenso geht es mit gar vielen unserer heiligen Gesetzesvorschriften, der schwache menschliche Verstand hält sie für eitel Dunst, den der Lufthauch der Zeit, der sog. Zeitgeist, verweht, doch der durch das Studium der Gotteslehre geschärfte Verstand erkennt in dem vermeintlichen Dunst hellstrahlende leuchtende Sterne, die auch der mehr und mehr fortschreitenden Wissenschaft mehr und mehr aufgehen werden." Mitten in der Straße blieb er wie lauschend stehen, ihm war. als habe er die Stimme seines Vaters vernommen. Was war ihm denn heute? Welcher Spuk äffte ihn? — Er fuhr sich, wie das seine Gewohnheit war, mit der Hand über die Stirn. Fort mit den tollen Gedanken! Stramm richtete er sich auf und setzte hastigen Schrittes seinen Weg fort, der ihn zu seinem prächtigen Heim führte. Er hatte den Hausschlüssel bei sich und während er aufschloß, glitt sein Blick über das herrliche Gebäude, das in stolzer Pracht da vor ihm lag. Es war doch ein Hochgefühl, ein solches Heim sein eigen zu nennen. — Und hatte er denn nur dieses eine Heim? Alle die reichen Güter des Baron Ottokar Holm waren doch sein eigen. Sein eigen? — Warum kräuselten sich seine Lippen so höhnisch, wenn er das nur dachte? — Nein, nein, heute durfte er nichts mehr denken, gar nichts mehr. Er hatte aufgeschlossen, lautlos drehte sich die Thüre in den Angeln, lautlos schloß er wieder zu und lautlosen Schrittes begab er sich über die mit Teppichen belegten Stiegen hinauf in die für seinen Privatge- . brauch bestimmten Räume. Das zweite Frühstück pflegte Professor Keßler gemeinsam mit seiner Gemahlin einzunehmen, auch das Frühstückszimmer war mit seiner stylvollen Einrichtung ein überaus anheimelnder Raum. Stephanie saß dtm Manne, dessen Namen sie trug und dem sie, wie sie sich und ihm nur allzuoft wiederholte, so große, so über-