Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 45 (1904)
- Issue
- Heft 51 (27.6.1904)
- Date
- 1904-06-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1075 verbreiten, namentlich durch die Erhaltung. Erweiterung und Förderung der hierzu erforderlichen Institutionen und Veranstaltungen. Nichtsdestoweniger hat er sich als Mensch, in der höheren Bedeutung dieses Wortes erwiesen, indem er Vielen ein Helfer und Retter in der Noth wurde. Dazu bot sich ihm hier sehr oft die Gelegenheit dar, so z. B. wahrend der verhangnitzvollen „Ausweisungsbewegung", da es seiner persönlichen Fürsprache bei dem jüngst verstorbenenn Oberpräsidenien, Freiherrn von Richthofen, gelungen ist, diese Maßregel von dem Haupte mehrerer Familien abzuwenden und ihnen so gleichsam das Leben wiederzugebeu —, ebenso seine Fürsorge für jüdische Gefangene und leine Hilfsbereitschaft gegen Hilfsbedürftige aller Art, von denen gerade der hiesige Ort am allermeisten heimgesucht wird, die avesammt zunächst und zu allererst das Haus des Herrn Rabbiners aufsuchen und zufriedengesteüt sein wollen, eine Aufgabe, die um so schwieriger ist, als da» „ständige Hilfskomitee" langst zu existiren aufgehört hat. Nicht selten hat sich Herr Rabbiner wohl bequemen müssen, in seine eigene Tasche zu greifen, damit kein Hilfesuchender leer ausaehe. — Somit hat Herr Dr. Emanuel Carlebach alle die Hoffnungen und Wünsche vollauf verwirklicht, die die hiesige Gemeinde bei seinem Amtsantritte Hierselbst gehegt und die sein im Amte ergrauter Vorgänger, der nun verstorbene Dr. Rülf. kurz vor seinem Tode medergeschrieben hat („Zur Geschichte der Juden in Memel von Dr. Rülf". Memel, 1900, S. 25). Und so steht zu hoffen, daß Herr Dr. Carlebach auch alle die Hoffnungen -und Wünsche zu verwirklichen gewiß bemüht und bestrebt sein werde, die die beachtungswerthen Männer in der rheinischen Metropole an die Wahl des Herrn Dr. Carlebach knüpfen mögen, und daß es ihm mit dem Beistände des Allmächtigen gelingen werde, das in ihn gesetzte Vertrauen in jeder Hinsicht zu rechtfertigen^ Dazu möge der Allgütige seinen reichen Beistand geben. Emil Benjamin, Memel. Magdeburg, 23. Juni. (Das Judenthum in der Provinz.) Bei der letzten Volks-- Zahlung wurden in unserer Provinz Sachsen insgesammt 8047 Juden gezählt, und zwar in den Regierungsbezirken Magdeburg 3999 oder 0.34 pstt.. Merseburg 2070 oder 0.17 pCt. und Erfurt 197? oder 0.42 pCt. Die Durchschnittsprozentzahl der Inden im Preußischen Staate stellt sich auf 0.40 pCt., sie wird in unserer Provinz daher vom Regierungsbezirke Erfurt, ubertroffen. Eine verhaltnißmäßig geringere jüdische Bevölkerung als der Regierungsbezirk Merseburg hat von den übrigen 35 preußischen Regierungsbezirken nur der Regierungsbezirk Stralsund, nämlich 0.13 Prozent. Unter den 48 Kreisen, aus denen sich unsere Provinz zusammensetzt, finden sich verhaltnißmäßig die meisten Juden natürlich in den Stadtkreisen, und zwar reihen sich diese, wie folgt aneinander: Halberstadt 18.0, Nordhausen 16.0, Erfurt 9.2, Magdeburg 8.4, Halle 8.0, Mühlhausen 6.6, Aschersleben 5.8, Weißenfels 3.2 und Zeitz 2.2 Juden auf je 1000 Einwohner. Unter den ländlichen Kreisen finden sich die meisten Juden in den Kreisen Schleusingen (4.5) und Grafschaft Hohenstein (4.3 auf je 1000 Einwohner). In letzterem Kreise (Landkreis Nordhausen) sind die Städte Bleicherode und Ellrich die Hauptsitze der jüdischen Bevölkerung. Ziemlich stark ist die Zahl der Juden in Nordhausen gewachsen. Anfangs vorigen Jahrhunderts hatte man Einwohner jüdischen Glaubens dort überhaupt nicht, da die reichsstädtische Regierung den Zuzug von Juden nicht duldete. Letzterer trat erst mit Einverleibung der Stadt in das Königreich Preußen ein, d. i. also 1802, und hat allmählich dahin geführt, daß bei der letzten Volkszählung in Nordhausen 474 Juden gezählt wurden. Friedland, 24. Juni. In feierlicher Weise fand dieser Tage die Ueberführung der jüdischen Leichenreste vom alten nach dem neuen jüdischen Pegräbnißplatze statt. Auf einem mit schwarzem Tuch behangenen Rollwagen standen die acht neuen Särge; dem Kondukte gab der jüdische Oberrabbiner Dr. Hamburg e r - Strelitz sowie die hiesigen männlichen Mitglieder der jüdischen Gemeinde das Geleite. Auf dem neuen Begräbnißplahe hatten sich Vertreter des Magistrats sowie der Bürgerausschuß in corpore eingefunden. Namens des Magistrats übergab Senator Schulz den Platz der jüdischen Gemeinde, worauf der Oberrabbiner eine längere Weihcrede hielt. Der feierlichen Handlung wohnte eine zahlreiche Menschenmenge bei. Cydtkuhnen, 19. Juni. (F eu e r s b r ün st e.) In W i l k o m i r. Gouvernement Kowno, sind vorgestern 800 Häuser — größtentheils jüdischen Familien gehörend — durch ein verheerendes Feuer vernichtet worden. Neun Zehntel der Stadt wurde ein Raub der Flammen. Das Feuer ist durch Brandstiftung zweier nichtjüdischer Knaben entstanden, welche auch bereits verhaftet sind. Das Elend ist schrecklich, über 2000 jüdische Familien sind brodlos und ohne Unterkunft. Der Schaden wird auf ca. zwei Millionen Rubel geschätzt. Der Vicegouverneur von Kowno entsandte als erste Hilfe die Kownoer Feuerwehr und spendete Decken und Brod für die Unglücklichen. Alle Beihäuser, bis auf die Hauptsynagoge, sind durch die Flammen verzehrt worden. Schnellste Hilft, ist dringend geboten. Spenden nimmt entgegen Herr Kaufmann und Svnagogenvorsteher Schaie Voge lwitsch in Wilkomir. Gouv. Kowno, Rußland. Durch Brand haben ebenfalls am 5. Juni in Janischok, Gouvernement Kowno. bei Schaulen, über 150 jüdische Familien all ihr Hab und Gut verloren.